Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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anderen, wenn sie die Dinge wirklich sehen lernten, urteilen
müssten, wie er urteilt. Mit einem Wort: was auf diese Weise
erreicht wird, ist nichts Geringeres, als dass der Christ aufs
neue über das objektive Recht seiner Gewissheit subjektiv sich
klar wird.

Naville, Ed., Archeologie de l'Ancien Testament. Paris
1914, Attinger FrereB (227 p. gr. 8).
Bekanntlich ist 1910 von dem Aegyptologen Ed. Naville
(in Genf) die Behauptung ausgesprochen worden, dass die
Israeliten bis auf Salomos Zeit herab in babylonischer Sprache
und Schrift geschrieben hätten. Diese These besitzt schon darin
eine Schwäche, dass ein israelitisches Schriftstück bei den
Ausgrabungen nicht in keilschriftlicher Gestalt gefunden worden
ist. Dagegen ist das Deboralied, welches auch »von extremsten
Kritikern als ein mit dem in ihm besungenen Ereignis gleich-
zeitiges Literaturdenkmal anerkannt wird, in hebräischer Sprache
gedichtet. Dies will Naville so bestreiten, dass er behauptet,
das Hebräische sei damals noch nicht Schriftsprache gewesen.
Aber das Deboralied unterscheidet sich in seiner Sprache nicht
wesentlich von anderen anerkannt ältesten Dichtungen, wie
z. B. dem Triumphgesang über die Einäscherung der Stadt
Hesbon (Num. 21, 27—30). Folglich ist es willkürlich, wenn
behauptet wird, dass das Deboralied nicht in der damaligen
Literatursprache der Hebräer gedichtet worden sei. Ferner
stösst sich jene Behauptung z. B. daran, dass in den Geschichts-
büchern Israels, die doch so viele Notizen über Kulturfortschritte
ihres Volkes enthalten (Belege gibt meine Geschichte der alt-
testamentlichen Religion, S. 5 f.), gar nichts.7von einem Ueber-
gang der Hebräer von der babylonischen Schrift und Sprache
zur aithebräischeri Schrift und Sprache gemeldet wird. Endlich
steht auch von einer Uebersetzung israelitischer Schriften
nirgends etwas im Alten Testament und sonst, während aus-
drücklich berichtet wird, dass das Gesetz den Israeliten zuerst
in hebräischer Schrift gegeben worden sei und später in
andere Schrift (die Quadratschrift) umgeschrieben wurde. Aus
diesen und anderen Gründen kann die Aufstellung Navilles,
die er nun auch in einem Buche mit dem viel zu allgemeinen
Titel „Archäologie des Alten Testaments" vertreten hat,.nicht
als haltbar angesehen werden. Ed. König.

Blass, Friedrich, Grammatik des neutestamentlichen
Griechisch. Vierte, völlig umgearbeitete Aufl., besorgt
von Albert Debrunner, Dr. phil. (Lehrer an der evang.
Predigerschule in Basel). Göttingen 1913, Vandenhoeck &
Ruprecht (XVI, 346 S. gr. 8). 7. 20.
Diese neue (vierte) Auflage der Blassschen Grammatik, die
sich mit gutem Grunde als eine völlig neue Bearbeitung ein-
führt, ist mit grösster Freude zu begrüssen. Diese Grammatik
hat sich auch schon in den früheren Auflagen viele Freunde
erworben. Sie ist mit der Zeit die Grammatik des Neuen
Testaments geworden, zumal die neue Herausgabe des alten
Winer zum grossen Bedauern aller Fachgelehrten seit Jahren
in ihren Anfängen stecken geblieben ist. Auch vor Moulton,
Robertson und Radermaoher verdient Blass unbedingt den
Vorzug, namentlich da der letzte mehr einen Ueberblick über
die sprachliche Entwiokelung der griechischen Sprache zur Zeit
des Neuen Testaments und nicht eine Einführung in die Sprach-
welt selber gibt, so wie sie zum eingehenden philologischen

Studium des Neuen Testaments unerläaslicii ist. Dies leistet
gerade die Blasssche Grammatik. Sie ist das richtige Studenten -
buch und ist als zu dem unbedingt notwendigen Handwerks-
zeug eines jeden Theologie Studierenden gehörig zu bezeichnen. —
Das gilt nun von der neuen Auflage fast noch mehr als von
den früheren. Zunächst könnte einen ja allerdings die grosse
Veränderung stutzig machen, die mit dem Buche vor sich ge-
gangen ist; es ist beim ersten Aufschlagen kaum wieder zu
erkennen, und jeder, der sich in die Blasssche Art eingearbeitet
und mit ihr angefreundet hat, möchte anfänglich so etwas wie
Bedauern darüber empfinden, dass so etwas anderes daraus
geworden ist. Und doch hat der Herausgeber sehr recht
getan, da er Bich zu einem so weitgehenden Eingreifen ent-
schloss. Vor allem ist dadurch die Uebersichtlichkeit um ein
Bedeutendes gehoben. Die Einteilung in mehr einzelne kleinere
Abschnitte und die dadurch bedingte starke Vermehrung der
Paragraphen trägt das ihrige dazu bei, sowie auch die Ver-
weisung des weniger Wesentlichen in klein gedruckte besondere
Abschnitte unter dem Paragraphen. Aber auch inhaltlich ist
die Umgestaltung allerorten zu beobachten. Sie bezieht Bich
vornehmlich auf die sprachwissenschaftliche Seite des Buches.
Debrunner führt sich selber als Linguist ein, und auch das ist
der Grammatik sicher nur zugute gekommen, dass er hierauf
namentlich sein Augenmerk gerichtet hat, während Blass mehr
als Philologe und auch als Theologe arbeitete. Dies besondere
Gepräge, das die Grammatik in den früheren Auflagen trug,
ist dadurch nicht eigentlich beeinträchtigt worden, Die Pietät
hat dem Herausgeber eine angemessene Zurückhaltung auferlegt.
Er hat speziell die Laut- und Formenlehre einer durchgehenden
Umarbeitnng unterzogen, das mit um so grösserem Recht, weil
gerade auf diesem Gebiet in der letzten Zeit besonders gearbeitet
worden ist, und weil, wie Blass selber zugab, in dieser Hinsicht
sein Werk fühlbare Lücken aufwies, was z. B. die Beziehungen
zur Syntax der LXX oder zu den Papyri und Inschriften be-
traf. In dieser Hinsicht ist in der neuen Auflage vieles nach-
geholt worden, — bisweilen allerdings, möchte es einem dünken,
fast zu viel. Es wird ja jetzt Mode, auch diese Literatur zu
pflegen nnd sie vor allem heranzuziehen. Je mehr Material aus
ihr hinzugetragen wird, nm so besser. Aber, so berechtigt das
zunächst ist, denn es stellt sich ja in ihr im besonderen die
Literatur aus der Zeit des Neuen Testaments dar, so sehr
liegt die Gefahr der Uebertreibung nahe. Der Einzelne über-
sieht leicht, dass es doch nicht bloss auf eine Häufung der
Beispiele und Belege aus dieser Literatur ankommen kann,
sondern dass nur die charakteristischen zu bringen sind. Auch
Debrunner hat sich von dieser Modekiankheit nicht ganz frei
gehalten. Das fällt hier nur nicht so sehr ins Gewicht, weil
er es weiss und auch seinerseits anerkennt, dass, wie er sich
selber ausdrückt, „Blass in der heute allzu stark vernachlässigten
Vergleichung mit der klassischen Syntax seine Meisterschaft
bewiesen hat". Dadurch ist von vornherein das nötige Gegen-
gewicht gegeben. Julius Kögel-Eldena b. Greifswald.

Hoennioke, D. Dr. Gustav (o. Prof. an der Universität Breslau),
Die Apostelgesohichte erklärt. Leipzig 1913, Quelle
& Meyer (XII, 140 S. gr. 8). Geb. 3. 60.
Nachdem der Verf. in der Einleitung (S. 1—23) über Text
und Sprache, über den Zweck, die Quellen und den Verfasser
nebst Zeit und Ort der Abfassung der Apostelgesohichte ge-
handelt hat, vollzieht er die Erklärung des Buches so, dass er
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