Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Die vielseitige Verbindungamöglichkeit des Kohlenstoffs mit
Wasserstoff und Sauerstoff gibt eine einzigartige Bevorzugung
dieser Elemente vor allen anderen. Durch diese mit Umsicht
und Besonnenheit geführten Untersuchungen will Henderson be-
weisen, dass das Leben auf diese Substanzen zugeschnitten ist
und damit in dem Zusammenhang dieser Substanzen eine
grossartige Eignung für die organische Welt ausgesprochen
ist. Das ist ihm wohl gelungen. Freilich werden die Kapitel
über die Kohlensäure und die chemischen Verbindungen wohl
nur einem chemisch Gebildeten verständlich sein. In den
weitergehenden, meist nur flüchtig gestreiften Problemen, in-
wiefern auch der Kosmos und die Entwickelaug der Erde an
dieser Eignung teilnimmt, ist der Verf. zu sehr von anderen
Forschern, besonders von Arrhenius, abhängig und darum weder
original, noch zuverlässig. Aber sicher ist, dass eine solche
Eignung vorhanden ist. Früher nannte man das Zweckmässig-
keit, und ich sehe nicht ein, warum man dies Wort nicht ge-
brauchen will. Unfug kann ja auch mit dem Wort Eignung
getrieben werden. Auch darin wird jeder echte Naturforscher
mit dem Verf. übereinstimmen, dass, soweit Naturforschung in
Betracht kommt, die Erkenntnis dieser Eignung oder, was das-
selbe sagt, der Ordnung in dem Aufbau des Kosmos und der
organischen Welt im besonderen die Grenze des Erreichbaren
und darum die Grenze der Forschung bildet, alles weitere ist
Spekulation. Besonders gut ist die wirkliche Bedeutung der
sog. Anpassung und die Energetik des Stoffwechsels entwickelt,
sowie die Beseitigung des „Zufalls" als Etklärungsprinzips.
Wer sich mit einigem chemischen Verständnis in das Buch
vertieft, wird sicher Nutzen davon haben.

Hoppe-Hamburg.

Weinel, Prof. D. Dr. Heinr., Johann Gottlieb Fichte.
(Die Religion der Klassiker, herausgeg. von Pfannmüller,
Bd. 6.) Berlin-Schöneberg 1914, Protest. Schriftenvertrieb,
G. m. b. H. (XXIV, 111 S. 8). 1. 50.
Viel nötiger als bei den anderen grossen Idealisten ist es
bei Fichte, dass man sich durch eigene Lektüre einen unmittel-
baren Eindruck von seiner Grösse, von seiner bezwingenden
Leidenschaft verschafft. Weineis glückliche Auswahl aus seinen
Schriften, die sich natürlich im Rahmen der Sammlung halten
musste, i3t darum fleissiger Benutzung zu empfehlen. Die Ver-
ehrung und Dankbarkeit, die wir Fichte schulden, werden auch
nicht geschwächt, wenn man es sich versagen muss, ihn mit
Weineis Einleitung „den Propheten einer neuen Religion" oder,
wie er in seltsamem Gegensatze dazu hier auch genannt wird,
den Wiederentdecker vom tiefsten Wesen des Christentums zu
rühmen. Gewiss, Fichte hat durch seinen Kampf gegen die
„Apathie", den kalten Moralismus, die Notwendigkeit erwiesen,
über den alles religiöse Leben mordenden praktischen Vernunft-
Standpunkt Kants hinauszugehen. Darin sehen auch wir Fiohtes
religionsgeschichtliche Bedeutung. Aber in der Regeneration
des Christentums, die sich damals vollzog, bedeutet Fichte nur
ein Moment, und nicht einmal ein ausschlaggebendes. Hierüber
gibt es freilich keine Verständigung, solange man es mit Weinel
als eine Unzulänglichkeit von Schleiermaohers Dogmatik tadelt,
dass sie die christliche Frömmigkeit wieder auf die durch Jesus
Christus vollzogene Erlösung bezogen habe. Demgegenüber
mag man allerdings Fichte als Propheten einer neuen Religion
feiern. Weinel stellt dem von christlicher Seite erhobenen
Einwand, dass Fichte die Sünde nicht ernst genug genommen

habe, deu Satz entgegen, dass er dafür da3 Gute um so ernster
genommen habe. Die Franzosen, Meister in solchen Antithesen,
nennen das eine facon de parier.

Lic. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Fischer, Paul (Prof. am ev.-theol. Seminar in Blaubeuren),
Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus. Stutt-
gart 1914, Verlag der Ev. Gesellschaft (VIII, 83 S.
gr. 8). 1. 30.

Nicht einen nach Form und Wert d3r Lehre oder der
Person abwägenden Vergleich bietet diese Gegenüberstellung,
sondern eine Kritik Nietzsehes vom Standpunkt Je3u aus. Die
Untersuchung reiht sich in ihrer unpathetischen, vornehmen
Sachlichkeit den schon vorhandenen Kritiken Nietzsches von
christlicher Seite aus auf das würdigste an. Von besonderem
Werte ist dabei, das3 Paul Fisoher nachdrücklicher, als sonst
geschehen ist, auf die Diskrepanz zwischen dem prophetischen
Gebaren Nietzsches und seiner persönlichen Seeionverfassung
hinweist. An der Geschlossenheit des inneren Lebens Jesu, an
der Einheitlichkeit seines Lebenswerkes gemessen erscheine
Nietzsche als Ideologe. Umgekehrt könne aber auch der Christ
an Nietzsche trotz seiner ausgesprochenen Go'.tesfeindsohaft
„einen Zug des ewigen Gottesgeistes " wahrnehmen, freilich ent-
stellt und verzerrt. Lic. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Erhardt, Dr. Fr. (Professor in Rostock), Tatsachen, Gesetze,
Ursachen. Rostock 1912, Stiller (24 S. gr. 8).
In dieser — dem Referenten erst kürzlioh zur Besprechung
zugegangenen — Rektoratsrede untersucht der Rostocker Philo-
soph die drei im Titel genaunten Begriffe als die Hauptformen,
in denen sich das Erkennen der Wirklichkeit vollzieht. Der
Begriff der Kausalität wird genauer bestimmt und mit Recht
von dem der Naturgesetzlichkeit im Sinne der „Gleichförmigkeit
des Naturgeschehens" unterschieden. Daraus folgt dann die
für den Theologen besonders bemerkenswerte Konsequenz:
„Auch die Annahme von Eingriffen übermenschlicher und
dämonischer Wesen in den Naturlauf widerspricht dem Kausal-
gedanken nicht, wie mau leider immer wieder hören muss; im
Gegenteil wird ja das Kausalprinzip gerade vorausgesetzt und
als gültig anerkannt, wenn man gewisse Naturerscheinungen
auf die Wirksamkeit übernatürlicher Mächte zurückzuführen
sucht" (2).

Bei den vielen Unklarheiten und Uebersohätzungen des
Gesetzesbegriffos ist seine ebenso klare wie schlichte Definition
wie die Einschränkung seiner Bedeutung durch Erhardt recht
lehrreich: „Diese Gesetze sind doch niemals letzter Zweck für
unsere Erkenntnis. Im Gegenteil stehen die Gesetze im Dienst
der Erkenntnis der einzelnen Tatsachen. Sie siud für uns ein
Mittel, um uns den Ueberblick über grosse Tatsaohengebiete
zu erleichtern und unsere Erkenntnis, die nur mühsam zum
Ganzen strebt, zu vereinfachen . . . Eine absolute Intelligenz
würde nicht mit allgemeinen Gesetzen arbeiten, sondern alle
Einzelheiten des Universums mit einem Blicke übersehen" (12).

Eine so kurze Rede kann natnrgemäss wesentlich nur
Thesen aufstellen, sie aber nicht beweisen und ausführen. In-
folgedessen sei auf Erhardts grössere Werke wie seine „Meta-
physik", Bd. I, „Die Philosophie des Spinoza", „Mechanismus
und Teleologie" die Aufmerksamkeit gelenkt. Wir Theologen
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