Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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sammenfanden, sowie von dem, was da verhandelt nnd ge-
sprochen wurde, einen Eindruck mit heimgenommen hat, wie
das wohl gar nicht anders sein kann, der wird die Zusammen-
stellung der dort gehaltenen Vorträge, Predigten und Ansprachen
freudig und dankbar begrfissen. Wenn aber die Teilnehmer
die Tage so noch einmal für sich durchleben können und gern
durchleben werden, die Konferenz war und ist zugleich ein
geistesmächtiger Aufruf an die Zeit überhaupt. Was die Kirche
Luthers unserer Zeit alles zu bieten hat, welches der Mittel-
punkt ihrer Kraft ist, an dem sie festhalten muss, was ihr
mangelt und nottut und wie sie die Gegenwart beurteilt, das
wird uns hier in vom evangelischen Zeugengeist erfüllten Aus-
sprachen vorgeführt. Unsere Kirche und unsere Zeit, sie werden
einander gegenübergestellt, ein Bild von teilweise erschreckendem
Dunkel, aber durch das Dunkel bricht das Licht des uns ge-
schenkten und gewissen Heils immer wieder siegreich durch,
ein Bild von Mängeln und Notständen aller Art, aber auch von
vieler gottgesegneter Arbeit. Die Schrift hat darum viel zu
bieten und darf allen zu ernstester Beachtung empfohlen
werden, die für den Beruf und die Aufgabe unserer Kirche in
der Gegenwart Verständnis und Interesse haben. Die Vorträge
namentlich sind ein jeder so inhaltreich und von so eingreifender
Wirkung, dass es schwer fällt, einen oder den anderen be-
sonders herauszuheben. Wenn doch auf den einleitenden Vor-
trag des Frh. v. Pechmann und den des D. Haack ausdrück-
lich hingewiesen wird, so geschieht das, weil diese beiden
Fragen aufgreifen, die jedem Freunde unserer Kirche und
unseres Volkes vor anderen brennend auf dem Herzen und
Gewissen liegen. Die Forderung des erstgenannten: „Mehr
Laiendienst in der Kirche" kann in der Tat nur allenthalben
den stärksten Widerhall erwecken. Und wenn D. Haack an
das neuerwachte religiöse Interesse die Frage richtet: Warum
verstehst du das Evangelium nicht? so schauen wir der Gegen-
wart mitten ins Herz, und da blickt man wohl wie in einen
tiefen, dunkeln Abgrund, aus dem es aber dennoch wie ein
Sehnsuchtsseufzer herausklingt: Tu fecisti nos ad Te. Der
warm gehaltene Gruss aus Schweden, aus dem Munde des
ehrwürdigen Bischofs v. Scheele berührte bei der Konferenz
sehr wohltuend, hat aber bei dem uub aufgedrungenen welt-
erschütternden Existenzkampf nur an Bedeutsamkeit gewinnen
können. J. Winter-Dresden.

Eucken, Rudolf, Der Sinn und Wert des Lebens.
4. Aufl. Leipzig 1914, Quelle & Meyer (V, 180 S. gr. 8).
Geb. 3.60.

Das Buch hat in der 4. Auflage nicht bloss stilistische Ver-
besserungen erfahren. Auch sachlich sind verschiedene Ab-
schnitte gründlich umgearbeitet; ein bei aller Kürze bedeut-
samer Abschnitt über die Verschiedenheit der individuellen Ge-
schicke ist hinzugefügt. Dass der Verf. bei der Neuherausgabe
trotz solcher Verbesserungen seinen Standpunkt weder im ganzen
noch im einzelnen geändert hat, ist selbstverständlich. Vielmehr
staunt man bei der Lektüre auch dieses Buches, mit welcher
Meisterschaft Eucken dem nämlichen und doch begrenzten
Ideenkreis einen immer neuen und immer erfrischenden Aus-
druck zu geben vermag. Wer den Zweck des Buches, das sich
an die breiten Schichten der Gebildeten richtet, berücksichtigt,
wird sich nicht wundern, wenn er bei der Lektüre lauter Ge-
danken begegnet, die den Freunden Euckens längst geläufig
sind. Auch diesmal beginnt der Verf. mit einer Kritik der I

älteren und neueren Lebensordnungen, die ebenso deren teil-
weise Berechtigung anerkennt, wie sie ihr Ungenügen, sofern
sie letzte Lösungen des Lebensproblems sein wollen, betont.
An die Kritik schliesst sieh der Aufbau an, der zuerst den
Grundcharakter des geistigen Lebens und dann die Widerstände
und Hemmungen darstellt, während Rückblick, Zusammenfassung
und Herausstellung der praktischen Konsequenzen für die Lebens-
haltung den Abschluss bilden. Die Schönheiten des Buches sind
gross und offenbar: edelstes Pathos der Sprache, übersichtliche
Systematik, reichste und tiefste Lebenserfahrung, dabei höchst
elastische Jugendkraft. Das Buch ist ein philosophisches Er-
bauungsbuch edelster Art; sein Inhalt klingt wie ein Evangelium;
sein Verf. spricht wie ein Prophet. Für Theologen ist der
interessanteste Abschnitt S. 109 ff. Hier kommt Eucken auf das
Verhältnis des Geisteslebens zur Religion zu sprechen, dass die
Religion der Punkt sei, wo dem Menschen das Geistesleben direkt
sich erschliesse, dass alle Entfaltung des Geisteslebens ein Moment der
Religion in sich trage. Ist bei dieser Sachlage die religiöse Lebens-
ordnung hinreichend gewürdigt, wenn sie als erste und gleichartige
unter den abgewiesenen Lebensordnungen ihren Platz findet?
Kann andererseits der Religion ihr Grundrecht zugeteilt werden,
ohne dass Euckens ganzes System einen Umbau erfährt, eine
Wendung aus dem Philosophischen und Humanen ins Theo-
logische und Christliche? Wer diesen Fragen nachsinnt, dem
kann Eucken wertvolle, im ganzen der nach Weitschaft und
Fortschritt strebenden Zeit unentbehrliche Johannesdienste der
Wegbereitung zu Christus tun. Seine konkretere Fortsetzung,
die Anwendung der Gedanken auf das Deutschtum, findet das
Buch in der ihm an Geist und Sprache ebenbürtigen Gabe
Euckens für das Jubiläumsjahr 1913: „Zur Sammlung der
Geister." Der vornehme und diskrete Buchschmuck ist von
Prof. Belwe. Ein Bildnis Euckens mit Faksimile der Unter-
schrift ist eine willkommene Beigabe.

Lic. Lau er er-Grossgründlach (Bayern).

Henderson, L. J., Die Umwelt des Lebens. Eine physi-
kalisch-chemische Untersuchung über die Eignung des
Anorganischen für die Bedürfnisse des Organischen. Nach
dem vom Verfasser verbesserten u. erweiterten englischen
Original übersetzt von R. Bernstein. Wiesbaden 1914,
J. F. Bergmann (XVIII, 170 S. gr. 8). 5 Mk.
Der durch eine Reihe von biologisch-chemischen Unter-
suchungen bekannte amerikanische Gelehrte, dessen Studien
wesentlich in Deutschland betrieben sind, ist sich völlig be-
wusBt, dass das Leben nicht physikalisch-chemisch erklärbar ist,
aber was wir davon sehen und erhoffen können, ist „ein
physikalisch-chemischer Mechanismus". Besser hätte wohl gesagt
werden sollen statt Mechanismus — Prozess; denn das Wort
Mechanismus passt nicht auf selbsttätige Vorgänge. Diese
aber will Henderson mitumfassen. Er stellt sich dann das
Problem: Inwiefern begünstigen die chemischen, physikalischen
und allgemein meteorologischen Eigenschaften des Wassers und
der Kohlensäure, sowie anderer Verbindungen von Kohlenstoff,
Wasserstoff und Sauerstoff die Existenz von Mechanismen,
welche in physikalischer, chemischer und physiologischer Be-
ziehung kompliziert und in einer vollkommen regulierten Um-
gebung selbst reguliert sind und ausserdem aktiv Materie und
Energie austauschen? Dementsprechend untersucht der Verf.
die Eignung des Wassers und der Kohlensäure ausführlich.
Im Ozean findet er die besten Bedingungen für das Leben.
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