Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Leben, Freiheit, Besitz usw., auferlegt, jetzt so gut wie zu allen
Zeiten, während jene Irrungen zum grossen Teil ihren guten
Grund in der Selbstsucht des Ichs haben. Das Verhältnis
von Religion und Sittlichkeit ist auch hier nicht tiefer erfasst.

Treuer als diese Ethik bleibt dem Kritizismus die Ethik
Görlands. Nicht dass sie sich der Kantischen Ethik an-
schlösse, aber der Erkenntniskritik. Sie will die Methode des
Kritizismus auf die Ethik anwenden. So schickt sie auch der
Ethik eine Logik im Abriss voraus. Wie die Logik die
transzendentale Einheit im Denken, so wolle die Ethik diejenige
im Wollen finden. Der Inhalt der Ethik wird der Erfahrung
entnommen ebenso wie der des Denkens, und zwar den mensch-
lichen Gemeinschaften: der ökonomischen, der staatlichen und
der bildenden, erziehenden, der Gemeinde. Die Ethik will nur
die Einheit in der Gesamtheit der Gemeinschaftswissenschaften
Buchen, die Einheit des Willens in der Mannigfaltigkeit der
Menschheit. Sie hat keine inhaltliche Bedeutung, als Lehre
von dem Guten selbst, so wenig die Logik Lehre vom Wahren
ist, sondern nur formale, methodologische Bedeutung hat. So
stellt ein erster Teil das „Entspringen des Problems der Ethik
aus der Besonderung der Gemeinschaftswissenschaften" und ein
zweiter „das System der Ethik" selbst dar, letzteres in einem all-
gemeinen Teil, der das Grundgesetz der Wahrheit und der
Freiheit, einem besonderen, der die drei angeführten Gemein-
schaftskreise selbst behandelt. Die Darstellung strebt gemäss
ihrem Programm mehr wie die anderen Ethiken ein geschlossenes
System an, ist aber auch schwieriger und weniger verständlich
wie jene. Sie gehört auch darin zur Ethik Cohens, der sie
sich in der kritizistischen Methode anschliesst. Der Untertitel
„Kritik der Weltgeschichte" ist bei jenem Programm ver-
ständlich, aber bei der Ausführung doch vielleicht nicht ganz
berechtigt.

Kittel, D. R. (Professor der Theologie in Leipzig), Die P salinen,
übersetzt und erklärt (Kommentar zum Alten Testament,
herausgeg. von Prof. D. E. Sellin, Band XIII), Leipzig
1914, Deichert (LIX, 521 S. gr. 8). 12 Mk.
Es ist ein erfreuliches Zeichen der Zeit, dass der Psalmen-
kommentar von Kittel, der jetzt als zweiter Band der grossen,
neuen, von Sellin heransgegebenen Kommentarsammlung er-
schienen ist, nach der sehr günstigen Aufnahme des ersten
Bandes (Die Genesis von 0. Procksch) sogleich in einer Doppel-
anflage erscheinen konnte. Wenn er einigermassen die Ver-
breitung findet, die er verdient, so muss diese bald vergriffen
sein. Denn man wird nicht fehlgehen, wenn man Kittels Werk
anf allen Seiten eine freudige Aufnahme voraussagt. Die Kom-
mentare von Baethgen und Duhm liegen 10 und 15 Jahre
zurück und können das, was wir heute von einem Psalmen-
kommentar verlangen dürfen, schon deshalb nicht bieten, weil
die Psalmenforechung gerade in dem letzten Jahrzehnt be-
trächtlich weitergekommen ist. Insbesondere hat die fort-
schreitende Kenntnis paralleler Erscheinungen der babylonisch-
assyrischen und ägyptischen Dichtung nicht nur für das formale,
sondern auch für das materiale Verständnis der biblischen
Psalmen ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Im Zusammenhang
damit und mit der sonstigen Entwickelung der alttestament-
lichen Wissenschaft in dem gleichen Zeitraum, deren Verlauf
sich ja schon immer in der Psalmenforsohung widergespiegelt
hat, haben die Probleme, welohe hier in reicher Fülle vorliegen,

vielfach ein anderes Gesicht bekommen. Staerks Bearbeitung
in den „Schriften des Alten Testaments" hat dem in kürzerer,
für den Kreis der Gebildeten überhaupt bestimmter Form Rech-
nung getragen, nachdem schon Gunkels „Ausgewählte Psalmen"
anregend gewirkt hatten. Kittel hat nun in dem vorliegenden
umfänglichen Werke den positiven Ertrag der neueren und
neuesten Psalmenforsohung in eben der Weise eingebracht, die
man von ihm, nicht zuletzt nach seinem ausgezeichneten Artikel
über die Psalmen in RE 16, 187—213, zu erwarten hatte.
Seine Bearbeitung der Psalmen verbindet bei der Verwendung
des umfassend beherrschten Materials in gleicher Weise die
Empfänglichkeit für die neu entstandenen und gestalteten
Fragen, die Besonnenheit in der Beurteilung des Werthaltigen
und Möglichen, den Blick für das religiös Wichtige und Wert-
volle. Es lag ihm daran, nicht eine besonders gelehrte, sondern
zugleich eine für die Leser, besonders die Studenten und Geist-
lichen verständliche und zugleich lesbare Erklärung zu schreiben,
und diesem Ziele entsprechend ist der Kommentar angelegt.
Das gelehrte Material und alles auf den Text Bezügliche ist
fast durchweg in die Anmerkungen zur Uebersetzung verwiesen.
Damit ist ermöglicht, dass die eigentliche Erklärung statt der
üblichen Aneinanderreihung sprachlicher, text- und literar-
kritisoher, theologischer, historischer usw. Art einen fortlaufenden
Text darstellt, der in innerlich zusammenhängender Ausführung
insbesondere die sachlichen Probleme ausreichend zu Worte
kommen Iässt. Eine Anzahl wichtige Punkte sind, um den
Fluss der Darlegung nicht zu unterbrechen, in jeweilig an-
geschlossenen Exkursen besonders behandelt. Bei der Ueber-
setzung hat Kittel, was wir mit besonders herzlicher Freude
begrüssen, soviel als möglich die Verdeutschung Luthers ver-
wertet, deren Unübertrefflichkeit er nachdrücklich würdigt. In
den metrischen Dingen bewahrt er die durch den Stand der
hebräischen Metrik bedingte Zurückhaltung, vor allem, was die
Frage der Textänderungen ans metrischen Gründen anlangt.

Eine ausführliche Einleitung behandelt die grossen Probleme
der Psalmenforsohung, die sog. Einleitungsfragen und was damit
zusammenhängt, in einer Reihe von Untersuchungen, die Kittels
Artikel in RE bedeutsam weiterführen. Hier tritt naturgemäss
in den Vordergrund des Interesses, wie er die neue vergleichende
literaturgeschichtliche Betrachtungsweise zur Bestimmung des
Alters und der Eigenart der biblischen Psalmendichtung auf-
bauend verwendet. Er kann dabei mit Genugtuung darauf hin-
weisen, dass er seinerseits von jeher das hohe Alter der israe-
litischen religiösen Lyrik behauptet und aus dem Alten Testa-
ment zu erweisen gesucht hat, was die vergleichende Literatur-
geschichte nun in verschiedener Beziehung so überraschend be-
stätigt. Die Bedeutung der uns jetzt bekannten babylonischen
und ägyptisch religiösen Dichtung aus schon sehr früher, für
Israel zum Teil vorgeschichtlicher Zeit, für die nach Gattungen
und einzelnen Kunstformen ihr entsprechende biblische Psalmen-
dichtung wird ebenso klar erkannt wie die grundsätzliche Ver-
schiedenheit des religiösen Gehalts bei aller Aehnlichkeit der
religiösen Erscheinungsformen. So entschieden Kittel die neuen
Erkenntnisse auf die Bestimmung des Alters der hebräischen
Psalmendiohtung, ihrer Herkunft und ihrer Gattungen anwendet,
so vorsichtig ist er in den Behauptungen betreffs der einzelnen
Lieder und ihrer Verfasser. Diese Vorsicht wird vielleicht
manchem nicht gefallen. Aber die Schwierigkeiten der Zeit-
bestimmung bedingen sie nun einmal. Kittel macht hier noch
besonders auf eine aufmerksam: die Möglichkeit starker Ver-
änderung der ursprünglichen Lieder bis zu dem Zustande, in
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