Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Theologisches Literaturblatt

Unter Mitwirkung

zahlreicher Vertreter der theologischen Wissenschaft und Praxis

herausgegeben von

Dr. theol. Ludwig Ihmels

Professor der Theologie in Leipzig.

fjr< 24. Leipzig, 20. November 1914. XXXV. Jahrgang.

Erscheint vierzehntägig Freitags. — Abonnementspreis jährlich 10 Jt. — Insertionsgebühr pr. gesp. Petitzoile 30 <J. — Expedition: Königstrasse 13.

Kritik gegenwärtiger Ethik.

Görland, A., Ethik als Kritik der Weltge-
schichte.

Hensel, Paul, Hauptprobleme der Ethik.
Herrmann, D. Willi., Ethik.
Ude, .loh., Ethik.

Wentscher, Else. Grimdziige der Ethik.
Kittel, D. R., Hio Psalmen.
Ebelinp, I >r. Heim-., (irieehisch-deutsehes Wörter-

buc h zum Neuen Testament.
Nixoq A. Bei]?. '0 xdiö'.f -rite ,Op8ooo'Sou

'ExzXrjdt'ßi; "Avopou xa't ztipou.

Derselbe, 0! xtiitoi ev Ssppatq rüp-fou ttjs

aurou3Tr;t; 'EKsvrjg.
Derselbe, Literaturberjcht I.
Moria, Germain Dom, Etudes, textes, decouvertes.
Mohr, Heinrich, Der Rosengarten.
Die XIV. Allgemeine Evangolisch - Lutherische

Konferenz.

Eucken, Rudolf. Der Sinn und Wert des Lebens.
Henderson, L. .f., Die Umwelt des Lebens.
Weinel, Prof. D. Dr. H., Johann Gottlieb Fichte.
Fischer, Paul, Nietzsche Zarathustra und Jesus
Christus.

Erhardt, Dr. Fr., Tatsachen, Gesetze, Ursachen.

Rump, Johann, Als dio lebendigen Steine.

Derselbe, In seinen Händen.

Schneider, lt., Unsero Sehnsucht nach dem Vater.

Zauleck, D. theol. Paul, Vom lieben Heiland.

Hoppe, Dr. Eduard, Gibt es Wunder?

Rlillng, Dr. J., Die Herzen zu Gottl

Neueste theologische Literatur.

Zeitschriften.

Zur dringenden Beachtung.

Kritik gegenwärtiger Ethik.

Von D. Mandel -Bostock.

Görland, A. (Hamburg), Ethik als Kritik der Weltge-
schichte (Wissenschaft u, Hypothese IX). Leipzig 1914,
Teubner (XI, 404 S. gr. 8). 7. 50.

Hensel, Paul (Prof. in Erlangen), Hauptprobleme der Ethik.
9 Vorträge. 2. Aufl. Leipzig 1913, Teubner (128 S. 8).
1.80.

Herr mann, D. Wilh. (Prof. in Marburg), Ethik. 6. Anfl.
(Grnndriss theol. Wissensch. 15. Abt.). Tübingen 1913,
Mohr (XV, 237 S. gr. 8). 4. 50.
TJde, Joh. (Prof. in Graz), Ethik, Leitfaden der natürlich-
vernünftigen Sittenlehre. Freiburg i. B. 1912, Herder
(XIX, 157 S. gr. 8). 2.40.
Wentscher, Else (Frau Prof. in München), Grundzüge der
Ethik. (Aus Natur und Geisteswelt 397.) Leipzig 1913,
Teubner (116 S. kl. 8). Geb. 1. 25.
Diese fünf Darstellungen der Ethik finden sich hier zu-
fällig zusammen. Trotzdem können sie gemeinsam be-
sprochen werden, nicht allein, weil sie es alle mit demselben
Gegenstande zu tun haben und der Vergleich ihrer Auf-
fassungen ein besonderes Interesse gewährt, sondern auch weil
sie in ihrer Verschiedenheit die Situation auf dem Gebiete der
Ethik beleuchten: es fehlt an einer klaren und allgemein
gültigen Begründung der sittlichen Normen und zweitens auch
an klarer Einsicht in die Kraft des natürlichen Willens, der
die Normen erfüllen soll. Freilich besteht in der Lehre vom
Willen immer noch mehr üebereinstimmung als in der Normen-
lehre.

Wenn wir nun zunächst nach der Begründung und inhalt-
lichen Bestimmung der Normen in diesen verschiedenen Ethiken
fragen, so ist es charakteristisch, dass drei von ihnen die
Normen vom Inhalt des Handelns aus, wie er vom Bewusstsein als
Zweck des Handelns ins Auge gefasst wird, gewinnen wollen.
Diese Bestimmung des Sittlichen ist die nächstliegende: alles
Handeln des vernünftigen Menschen hat bestimmte Zwecke zum
Gegenstand; also auch wohl das sittliche Handeln. Die Zwecke
sind dio Güter oder Werte des Menschen. Dieser allgemeine
Zweckcharakter des Handelns ist es selbst, der zu einem be-

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sonderen Zwecke, dem sittlichen, hindrängt. Das führt nach
dem Vorgange des Aristoteles, des Begründers der Zweckethik,
die thomistische Ethik ans, die wir in Udes „streng thomi-
stischem" Buche finden: „Der nächste Zweck kann einem höheren
(„entfernteren") untergeordnet Bein. „Es kann eine ganze Reihe
von mittleren und entfernteren Zwecken existieren, bis man zn
einem letzten Zwecke gelangt, der keinem höheren unter-
geordnet ist und auf den schliesslich die ganze Bewegung hin-
geht" (S. 14). So ergibt sich die Kategorie des Endzwecks
oder des höchsten Gutes als die Grundform für die sittlichen
Normen. Die katholische Ethik ist durchaus Endzweoklehre.
Das ist die Folge der platonischen Gottes- und Religions-
anschauung, die von Anfang an in der christlichen Theologie
wirksam war: Gott ist das allein wahre Sein, im Gegensatz
znr diesseitigen Welt, folglich sollen wir uns auch ihm allein
zuwenden oder doch den Dingen und Aufgaben dieser Welt
nnr, indem wir dabei an Gott als den Endzweck denken. So
wird Gott das Haupt- und Endobjekt hinter den irdischen
Einzelohjekten des Handelns. Diese Ausprägung der religiösen
Ethik ist die Folge davon, dass Gott grundleglich als Objekt,
als Ding oder kosmische Substanz, statt als Bestimmungsgrund
oder Herr des Personlehens oder der persönlichen Hingabe des
Menschen gedacht wird.

Infolge dieser gegenständlichen, kosmologischen Anschauung
von Gott tritt Gott unter dieselbe Kategorie wie die
Objekte unseres empirischen Handelns, so dass er mit
ihnen in Konkurrenz und Konflikt tritt nnd dass er als End-
zweck die Geltung der Einzelzwecke unterdrückt. Diese Unter-
drückung der irdischen Einzelobjekte durch den transzendenten
Endzweck ist im Mittelalter Reibst stark empfunden worden. Die
Scholastiker, besonders die „modernen", fragen, ob wir den irdischen
Aufgaben und Pflichten nur nachkommen dürften im Blick
auf Gott als den Endzweck, oder ob es nicht doch berechtigt
sei, dem Armen wohlzutnn oder die Eltern zu ehren ans den
empirischen Pflichtgründen der tatsächlichen Verhältnisse. So
stellten diese Kritiker der endzweckliohen Norm der religiösen
Ethik empirische Normen entgegen, die jede Handlung in sich,
ohne Endzweck, auf Grund der „Bedingungen, die wir er-
fahren", als gut erklären oder fordern. Das sind die Normen

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