Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Darlegungen gern folgen, namentlich gilt daa von der Be-
sprechung der Hauptfrage, der nach dem Problem Anstalts-
erziehung oder Familienerziehung? Was hier S. 53 ff. über die
„innere Anstaltsführung" gesagt ist, kann nicht warm genug
den massgebenden Stellen zn gewissenhafter Erwägung emp-
fohlen werden.

Der Verf. geht nur mit kürzerem Wort auf die Unterbringung
der Zöglinge in Familien ein. Diese ist ihm offenbar nicht in
gleichem Masse bekannt wie die Anstaltspflege. Aber auch
hier liegen doch mancherlei und oft nicht ganz leicht zn lösende
Fragen vor. Namentlich die Tätigkeit des Fürsorgers hätte
hier wohl schon darum einige Berücksichtigung finden müssen,
weil oft zu diesem Amt Personen bestellt werden, denen es
für diese Tätigkeit noch ganz an Erfahrung mangelt, die zu
erwünschter Durchführung der mit ihr übernommenen Pflichten
unentbehrlich erscheint.

Die Frage nach dem Erfolg der Fürsorgeerziehung ist ver-
hältnismässig kurz behandelt. Der Verf. nrteilt nüchtern, weder
den reichlich günstig klingenden Urteilen, die amtlicherseits
abgegeben sind, noch auch der an ihnen geübten Kritik ganz
zustimmend. Seine Ausführungen berechtigen zu guter Zu-
versicht für das Gelingen der begonnenen Arbeit innerhalb der
Grenzen des Möglichen. D. August Hardeland-Uslar.

Botermund, Ernst (Pastor n. Superint.), Ein Konfirmanden-
unterricht. Ein kateohet. Versuch mit kurzer Begründung.
Zweite, neu bearbeitete Aufl. Göttingen 1914, Vandenhoeck
& Ruprecht (IX, 211 S. gr. 8). Geb. 4 Mk.
Ungleich wertvoller als irgendwelche Reformgedanken über
den Konfirmandenunterricht ist, wie der Verf. mit Recht be-
merkt, das praktische Beispiel. Dass sich aber dieser aus-
geführte Entwurf für viele als brauchbar erwiesen hat, beweist
die rasch notwendig gewordene zweite Auflage. Sachlich an-
angesehen bleibt ja, wie schon über die frühere Auflage zu
bemerken war, manches zu vermissen. Es ist ein Christen-
tum Ritschlschen Gepräges, was hier gelehrt wird, wobei trotz
allen Sinnes für das Positive das dem Glauben sich darbietende
Heil vielfach neben der Geschichte steht, anstatt aus ihr heraus-
zuwachsen. Dagegen ist sehr anzuerkennen, was der Verf.
S. 160 von der falschen Ablehnung des „Schulmässigeu" und
der Gefahr der Schrankenlosigkeit des Konfirmandeuunterrichts
sagt. In der Tat hat auch dieser eine bestimmte Lehraufgabe,
die die Kinder zu geistiger Mitarbeit nötigen und auch ihre
Erkenntnis fördern soll. Freilich wird hier ein sehr reicher
Inhalt dargeboten, bei dem man wohl fragen darf, wie er in
der angegebenen Zeit durchzuarbeiten ist. (Und er wird durchaus
nicht nnr dnrehkatechisiert, sondern so lebendig und anschaulich
durchgesprochen, dass er für die Kinder ein volles Interesse
gewinnen muss. Dass die neue Auflage eine Neubearbeitung
ist und dass das Buch dadurch an Brauchbarkeit gewonnen
hat, soll ausdrücklich hervorgehoben werden.

Lic. Winter-Dresden.

Kurze Anzeigen.

Lütteman, Axel (Pastor in Upsala), „Der König ruft". Ansprachen
in Jugendvereinen. Uebersetzt von Johannes Lehmann, bevor
wortet von Geh. K. Prof. D. Ihmels in Leipzig. Gütersloh 1913,
Bertelsmann (97 8. 8). 1. 50.
Diese acht Ansprachen knüpfen meist an Schriftworte an, die nicht
au uen stets gebrauchten gehören. Sie halten sich durchaus von

methodistischer Treiberei frei, stellen aber die Jugend mit grossem
Ernst vor die Entscheidung, die sie fällen muss. Christus in seiner
die Jugend begeisternden starken Grösse, in seiner sittlichen Reinheit,
in seinem unerschöpflichen Reichtum steht daher im Mittelpunkt, und
es wird gezeigt, wie reich und gross ein Jugendleben wird mit ihm,
wie inhaltlos dagegen das Dasein bleibt ohne ihn. Dieser Gedanken-
gang gipfelt in dem letzten Stück, welches in glücklieber Abweichung
von den übrigen nicht die Form einer Ansprache hat, sondern die
eines Briefes, den ein Student an einen jüngern Freund schreibt. Auf
viel Anschaulichkeitsaufputz hat der Verf. verzichtet. Die ruhige Dar-
stellung eignet sich deshalb wenig für die meisten unserer Jünglings-
vereine mit ihren vielfach noch unreifen Mitgliedern. Das Buch ist
mehr für ältere junge Leute, vor allem aus gebildeten Ständen. Diese
werden es aber sicher mit grosser Freude und tiefem Gewinn lesen.
Schon die feine, klare Sprache wird sie fesseln. Dass dieser Vorzng
dem Buche nicht verloren gegangen ist, ist das Verdienst des Ueber-
setzers. Jedenfalls war diese (Sammlung von Ansprachen es wert, dass
Ihmeis das Vorwort dazu schrieb. Er betont, dass es in einer
Zeit, an deren Formen der Jugendpflege nicht alles uns mit reiner
Freude erfüllt, die besondere Aufgabe dieser kleinen Schrift sein müsse,
daran zu erinnern: „es gibt nur einen Weg zu rechter Jugend, ja
zu ewiger Jugend: Jesus Christus." Scherf fig-Leipzig.

Fey, Dr. Carl, Die katholische Propaganda, die zunehmende kon-
fessionelle Mischung der Bevölkerung und der konfessionelle
Friede in Deutschland. Berlin 1914, Seemann-Verlag (40 8. gr. 8).
50 Pf.

In der Einleitung wird festgestellt, dass innerhalb der letzten fünf-
zehn Jahre eine Verschiebimg der Konfessionen in Deutschland statt-
gefunden hat, die der katholischen Kirche zum Vorteil ist. Es fragt
sich, wie die konfessionelle Mischung erfolgt ist, welche Konsequenzen
für die gegenseitigen Beziehungen sich daraus ergeben, und welche
Verpflichtungen die veränderte Lage der evangelischen Kirche auferlegt.
In einem geschichtlichen Ueberblick von 1555 bis zur Neuzeit werden
die rechtlichen Verhältnisse der Konfessionen, aber auch die Versuche
der katholischen Kirche, Propaganda zu treiben, beleuchtet. Besonders
fallen ins Gewicht die Konvertierungen vieler Protestanten in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Tätigkeit des Bonifatiusvereins, die
Sachsengängerei, die durch das Freizügigkeitsgesetz unterstützt wurde.
In einem zweiten Absatz legt der Verf. die Ziele und Mittel der
katholischen Propaganda dar. Das Ziel ist der Kampf gegen den
Protestantismus, die Herrschaft der katholischen Kirche. Mittel dazu
sind ausser dem Bonifatiusverein eine Menge von religiös-charitativen
und Diaspora-Missionsvereinen, die wachsende Schar von OrdensperBOnen
in Deutschland, das Märchen von der „Solidarität konservativer
Interessen", katholische VereinBbildungen bis zu katholischen Rad-
fahrern und einem katholischen Viehversicherungs verein, die ultramontane
Presse, katholische Literatur, katholische Erziehungsanstalten, katho-
lische Kirchenbauten usw. Die evangelische Kirche hat alle Ursache,
um der Sachsengängerei vorzubeugen, auf schleunige Durchführung
der inneren Kolonisation zu dringen, im übrigen aber in unermüdlicher
Kleinarbeit der katholischen Propaganda entgegenzuarbeiten, sich der
Mischehen besonders anzunehmen. Die Geistlichen müssen sieh mit
den betr. gesetzlichen Bestimmungen genau bekannt machen, müssen
auf ihren Konferenzen sich mit dem Stande den römischen Kirchen-
wesens beschäftigen. Im ganzen bedarf das protestantische Ehrgefühl
dringend der Stärkung. Das Heft ist ein energischer Weck- und
Mahnruf, der hoffentlich nicht nngehört verhallt! Druckfehler S. 12
Z. 30 welchen statt welcher, S. 18 Mitte Schönburg statt Schönberg.

Scherf f ig-Leipzig.

Kleinsorgen, W., Cellularethik als moderne Nachfolge Jesu. Grund-
linien eines neuen Lebensinhaltes. Leipzig 1912, A. Kröner (VI,
200 S. gr. 8). 3 Mk.

In dieser Häckel gewidmeten Schrift will der Verfasser „in erster
Linie eine sittliche Lebensanschauung auf wissenschaftlicher Grundlage
entwickeln". Die Wissenschaft ist ihm die Naturwissenschaft, spezieller
noch die Biologie. Zu den Lebenstrieben gehört auch der Sittlichkeits-
trieb, dieser setzt schon bei der ZelJe ein. Darum kann man von
„Cellularethik" reden. Sie hat eine Entwickelnng in der Stammesge-
schichte der Menschheit durchgemacht, und zwar in Richtung auf eine
Ueberwindung des egoistischen Prinzipes durch das altruistische: „Die
biologische Ethik fordert einen gesunden, vernunftgemässen und echt
christlichen Altruismus, einen Altruismus, bei dem kein Samen der
Liebe umkomme und bei dem die samentragende Pflanze der Persön-
lichkeit keinen Schaden nehme" (8. 33). Während kirchliches Christen-
tum und Lehre Christi in schärfsten Widerspruch stehen sollen, erwartet
der Verfasser ein Ja auf die Frage: „Ist nun diese ethisch-religiöse
Lebensanschauung des Monismus im Prinzip etwas anderes als die
reine und ursprüngliche Lehre Christi? Predigte nicht Christus schon
vor fast 2000 Jahren in unübertrefflicher Weise das gewaltige Evan-
gelium der grossen und reinen Liebe, predigte er nicht ebenso sehr die
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