Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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den Spuren Kählers nnd ordnet die Sakramente gut evangelisch
dem Begriff des Wortes unter, ohne ihren Sonderwert zu ver-
kennen. Es handelt sich um die „Wortpredigt und die Tat-
predigt der Sakramente" (S. 143).

R. H. Grützmacher-Erlangen.

Schulte, P. Dr. J. Chrys., Dnsere Lebensideale und die
Kultur der Gegenwart. Freiburg i. B. 1914, Herder
(XIV, 255 S. gr. 8). 2. 80.
Zweifelsohne wird der gläubige Protestantismus, zumal der
lutherische, sich in vielen Fragen der Religion und des geistigen
Lebens überhaupt mit dem Katholizismus die Hand reichen.
Dies wird um so mehr möglich sein, wenn der Katholizismus
eben religiöser, nicht politischer Katholizismus, nicht Ultramon-
tanismus ist. Das vorliegende Buch enthält insofern Bestand-
teile religiöser, ethischer, pädagogischer, sozialer Natur, die auch
wir uns zu eigen machen können. Freilich, wir werden uns
nie überzeugen lassen, dass — wie der Verf. es ansieht —
einzig in der Zuflucht auf Rom und die „apostolische" Autorität
das Heil aller Zukunft gelegen ist. Uns steht das Heil schliess-
lich in der wirkungskräftig gemachten Offenbarung Heiliger
Schrift.

Im übrigen meinen wir das, was das Buch vorträgt, in
anderen Büchern katholischer Literatur schon besser gelesen zu
haben. Das Buch ist nicht unter die bedeutenden Erscheinungen
zu rechnen. Anhangsweise erwähnen wir nur, dass der Verf.
bloss einen „liberalen" Protestantismus zu kennen scheint. Viel-
leicht revidiert er diese doch etwas einseitige Betrachtung und
lässt auch die kräftigen „positiven" Strebungen des modernen
Protestantismus auf sich wirken. Lic. Dr. Stier-Breslau.

Holffs, Ernst, Zwölf Pfingstpredigten, Göttingen 1914,
Vandenhoeck & Ruprecht (103 S. gr. 8). 1.35.

Es ist dies das 3. Heft der XI. Reihe der „Modernen Predigt-
Bibliothek". Die Beurteilung wird dadurch schwierig, dass die
Predigten von zwölf verschiedenen Verfassern herrühren. Sind
sie auch geistesverwandt, so sind ihre Schöpfungen doch nicht
von derselben Güte. Betont wird in diesen Pfingstpredigten
stark das Verlangen nach Einigkeit im Geiste, auch mit anderen
kirchlichen Richtungen. Aber diese Einigkeit ist schwerlich
möglich, wenn man auf verschiedenem Glaubensgrunde steht.
In der über Eph. 4, 3—7 gehaltenen Predigt findet sich zu
den Worten „Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe" eine Dar-
stellung des Einen Glaubens, in dem alle Christen zusammen-
stehen sollen, der aber eine starke Verflüchtigung des christ-
lichen Glaubens ist, die zentralen Heilswahrheiten treten hier
wie überhaupt in diesen Predigten ganz zurück. In der
7. Predigt, welche die Frage „Was ist der Heilige Geist" be-
antwortet, wird gesagt, der Heilige Geist sei kein „gespenster-
haftes Spukwesen", mit welchem Ausdruck offenbar die biblische
Lehre vom Heiligen Geiste gebrandmarkt werden soll. Sehr
wenig angebracht dürfte es sein, dass in einer Pfingstpredigt
die Einleitung dazu verwendet wird, die evangelischen Berichte
über das Leben Jesu stark zu verdächtigen.

Trotz solcher Entgleisungen und der Anstösse, die ein
positiv gerichteter Theologe an manchen Ausführungen nimmt,
gehören diese Predigten doch zu denen, aus welchen man lernen
kann. Es liegt der Mehrzahl von ihnen tüchtige Gedanken-
arbeit zugrunde. Manchen vielgebrauchten Texten sind neue

Seiten abgewonnen, wenngleich die Textanwendung teilweise
eine so feine ist, dass der Text, wenn nicht angegeben, un-
möglich zu erraten wäre. Die Sprache ist alles eher als volks-
tümlich. H. Münchmeyer-Gadenstedt.

Thiele, Wilh. (Pfarrer am Diakonissenhaus in Witten), Im
Lichte des neuen Bundes. Predigten über die zehn
Gebote. Hamburg 1912, Gust. Sohloesemann (125 S. kl. 8).
Geb. 2 Mk.

Die Predigten sind in der Meinung entworfen, dass sie
Luthers Gedanken genau wiedergäben. Nach strengem Mass
gemessen, ist hier aber doch mancherlei Verschiedenheit zu
konstatieren. Luther hat schon den Eingang der zehn Gebote
ganz anders gefasst, als das hier der Fall ist, er sieht diese
Worte ausschliesslich als Verheissung an, wie das ja auch exe-
getisch richtig ist. Der deutsche Ausdruck „Herr" ist, wie
Luther sehr wohl weiss, Wiedergabe von Jahve. Die Erfüllung
des ersten Gebots sieht er daher prinzipiell als im Vertrauen
gegeben an. Furcht und Liebe kommen nur als dessen Momente
in Betracht. Der Verf. redet aber vom Vertrauen überhaupt
und von der Furcht nicht so, dass sie noch als Attribut des
Vertrauens angesehen werden kann. Ueber das so schwer zu
völliger Klarheit zu bringende Verhältnis des ersten Gebots zum
Beschluss der Gebote, den Luther erst 1528 in dieser Gestalt
ins erste Hauptstüok gebracht hat, scheint der Verf. nicht ge-
nauer orientiert zu sein. So wie er die Sache darstellt, hat
Luther diese Schlussworte nicht ausgelegt.

Beim dritten Gebot fehlt der Hinweis anf die neutestament-
lichen Stellen, nach denen der Sabbat als solcher aufgehoben
ist; demgemäss kommt auch Luthers Erklärung nicht zu ihrem
Recht. Endlich ist auch das über das 9. und 10. Gebot Ge-
sagte, sofern es Luthers Meinung wiedergeben soll, nicht ganz
richtig. Das 10. Gebot hat Luther geradeso wie das 9. be-
handelt.

Die Predigten sind im übrigen recht wirkungsvolle Zeug-
nisse. Noch wirkungsvoller würden sie nach meiner Ansicht
sein, wenn sie ganz als Katechismuspredigten angelegt wären
und Luthers Gedanken ganz genau im Anschluss an seine Aus-
legung zum Ausdruck gebracht hätten.

D. August Hardeland-Uslar.

Stade, Reinhold, Das Problem unserer Fürsorgeerziehung,
ihre Erfolge und Misserfolge. Ein sozialpolitischer
Ausblick. Stuttgart 1913, Ferdinand Enke (IV, 71 S.
gr. 8). 2. 40.

Diese zuerst im 79. und 80. Bande des von Finger und
Oetker herausgegebenen „Geriohtssaals" erschienenen Blätter
sind mit Recht durch Sonderabdruck einem weiteren Leserkreise
zugänglich gemacht.

Die Fürsorgeerziehung ist noch keineswegs in ihrer segens-
reichen Einwirkung genügend bekannt, ihre Methoden sind bei
der verhältnismässig kurzen Zeit ihrer Arbeit auf Grund von
Gesetz noch umstritten, das Verhältnis von kirchlichen Organen
zu denen, die hier zur Mitarbeit lediglich durch staatlichen
Auftrag berufen sind, kann überhaupt nicht anf eine feste
Formel gebracht werden. Dem als Schriftsteller auf dem Ge-
biete der Gefängnisseelsorge rühmlichst bekannten Verfasser
wird man bei seinen massvoll abwägenden nnd, was besonders
wohltuend wirkt, gegenteiliger Ansicht stets gerecht werdendem
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