Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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M. Grabmann unterrichtet über die (ungedruckte) Metaphysik
des Thomas von York. E. Lutz spricht über Bonaventuras
Aesthetik, L. Baur über das Naturrecht bei Bonaventura.
M. Baumgartner belehrt lichtvoll über den thomistischen
Wahrheitsbegriff. J. A. Endres versucht die Ueberlieferung
zu erschüttern, dass in der dem Aquinateu zugeschriebenen
Schrift De regimine principum wenigstens I, 1—II, 4 med. echt
seien. 0. Benz gedenkt des Einflusses des Willens auf das
Gewissen bei Thomas. M. de Wulf hat den Intellektualismus
Gottfrieds von Fontaines und seinen Gegensatz zu Heinrich von
Gent dargestellt und aus Gottfrieds Quodlibetum VI die quaestio 15
abgedruckt 0. Reicher erörtert den intellectus agens bei Roger
Bacon. A. Daniels macht Mitteilungen über die Erkenntnis-
lehre des Lehrers des Duns Scotus, Wilhelm von Ware aus
seinem (ungedruckten) Sentenzenbuch. A. Dyroff gibt eine
gelehrte Untersuchung über die Herkunft Alberts von Sachsen.
S. Hahn gedenkt Seuses als Philosophen. E. Vansteenberghe
macht Mitteilungen aus einem 1452 geschriebenen (ungedruckten)
mystischen Traktat des Vinoenz von Aggsbach, der sich gegen
Gerson richtet. — Fügen wir noch die interessanten Abhand-
lungen von J. Geyser über Piatos Begriff der öd$a, von
J. Fischer über den Transzendentalismus Windelbands und
Rickerts sowie von G. Bülow über einen ungedruckten Fichte-
brief hinzu, so hat der Leser auch einen Ueberblick über die Viel-
seitigkeit und Reichhaltigkeit dieser Festschrift. Ich will nicht
unterlassen, zum Schluss nochmals hervorzuheben, dass viele
dieser Studien eine wirkliche Förderung der Erkenntnis be-
deuten. Möge der verehrte Mann, dem sie gewidmet sind, noch
lange tätig sein im Dienst der grossen Aufgaben, die er sich
gestellt hat, und möge der Geist echter Wissenschaft, der seine
Arbeiten beseelt, wie bisher, so auch ferner seiner Schule er-
halten bleiben! R. Seeberg-Berlin.

Kähler, Martin (weil. D. u. Prof. d. Theol. in Halle), Zeit
und Ewigkeit. Der dogmatischen Zeitfragen 3. Band.
Zweite, gänzlich veränderte und vermehrte Auflage. Leipzig
1913, A. Deichert (X, 212 S. gr. 8). 4. 80.
Während die erste Auflage der „Dogmatischen Zeitfragen"
zwei „Hefte" umfasste, das erste mit einer Reihe Einzelfragen,
das zweite „zur Lehre von der Versöhnung", umfasst die
zweite Auflage drei Bände: 1. zur Bibelfrage, 2. zur Lehre
von der Versöhnung, 3. Zeit und Ewigkeit. Dieser dritte Band
enthält somit die Aufsätze und Vorträge des ehemaligen ersten
Bandes, ferner einige bisher anderweitig, in Zeitschriften (Reich
Christi, Allg. Ev.-Luth. Kirchenzeitung u. a.) veröffentlichte Vor-
träge sowie eine noch nicht veröffentlichte Arbeit aus dem
Naohlass, der „Versuch" über „Subjektivismus und Historizismus
gegenüber dem Christentum". Uebernommen aus dem ersten
Bande sind: „Warum ist es in der Gegenwart so schwer, zu
einem lebendigen Glauben zn kommen?"; „Moderne Theologie
und die Stellung zu ihr auf Kanzel und Katheder"; „Christen-
tum und Systematik"; „Unbewusstes und bewusstes Christen-
tum"; „Des Menschen Fortschritt und der Menschen Ewigkeit".
Hinzugekommen ist: „Die Theologie in ihrer Bedeutung für
die Gemeinde dargestellt", auf der Eisenacher Gemeinschafts-
konferenz gehalten und bisher im „Reich Christi" veröffentlicht;
zwei Eröffnungsvorlesungen zur Ethik: „Wirklichkeit und Wahr-
heit" und „Bete und arbeite", und „Der Gang der Menschheit"
(Allg. Ev.-Luth. Klrchenztg.). Während sonst in Vorträgen die
Rücksicht auf das Publikum und die Kürze der Zeit leicht zu

einer dilettantischen Behandlung schwerer Probleme verführt,,
die mehr behauptet als beweist, treten bei Kähler die Schwierig-
keiten der Probleme klar hervor. DaB ernsteste Bemühen, dem
Standpunkt des Gegners volle Gerechtigkeit widerfahren zu
lassen, ist überall ersichtlich, in solchem Masse, dass man wohl
fragen darf, wo auf der Seite der Gegner dieses Bestreben in
solchem Masse zu finden ist? Um so wirksamer wird auf
dieser Basis die Kähler eigentümliche Satire. Durch beides, die
Schärfe der Problemstellung und den seltenen Gerechtigkeitssinn,
ragt die Bedeutung dieser Vorträge weit über die Wirkung des
Augenblicks hinaus, auch da, wo das Thema etwa der Gegen-
wart ferner liegt, wie in dem Vortrag über „der Menschheit
Fortschritt und des Menschen Ewigkeit". Im ganzen beweisen
die Themata, dass es sich um Fragen handelt, die Generationen
beschäftigen, weshalb denn auch der, der sie behandelt, sicher
sein darf, immer wieder Aufmerksamkeit zn finden. In jedem
Einzelnen das Ganze zu sehen, in jeder Lage die Verbindungs-
fäden mit der geschichtlichen Bewegung wie mit dem all-
gemeinen Geistesleben zu ziehen, in allem Zeitlichen das Ewige
zu suchen, das ist Kühlers Gabe, die dem Leser dieser Vorträge
zwar einerseits ernste Arbeit zumutet, andererseits aber dieselbe
auch mit reichem Gewinn lohnt. Hier redet überall der Theologe,
der, weil er dies ist, in der philosophischen und geschichtlichen
Bildung seiner Zeit zu Hause ist, dessen Interesse aber in
allen philosophischen und historischen Fragen das theologische
bleibt, nicht als ein von aussen hineingetragenes, sondern als
das letzte Interesse der Fragen selbst, der überall die Spuren
des Gottes findet, dessen Walten in seinem „Gang durch die
Menschheit" das eine Ziel hat, „der Menschheit ein gemeinsames
Erlebnis möglich zu machen: die unabweisbare Offenbarung
dessen, durch und für den sie vereint ist, seine Wiederkunft."

D. E. Cremer-Rehme.

Scheiner, M. (ev. Pfarrer A. B. in Kastenholz bei Hermann-
Stadt), Die Sakramente und Gottes Wort. Leipzig 1914,
A. Deichert (XII, 220 S. gr. 8). 5 Mk.
Auch in der siebenbürgischen evangelischen Kirche ist die
Auseinandersetzung zwischen Alt- und Neuprotestantismus ent-
brannt. Pfr. Scheiner ist der wissenschaftlich ebenbürtige und
gut gerüstete Haupt Vertreter des alten Evangeliums. Das kam
schon in einer Schrift Über die Auferstehungsfrage zum Ausdruck.
Jetzt tritt er für die lutherische Gnadenmittellehre ein, die er nicht
als ein Einzeldogma, sondern als einen charakteristischen Expo-
nenten der biblischen und reformatorischen Religion betrachtet
Da die Auffassung von Taufe und Abendmahl entscheidend durch
das Verständnis ihrer biblischen Grundlagen bedingt ist, werden
die hauptsächlichsten Stellen einer gründlichen, wenn auch ein
wenig zersplitterten biblisch-theologischen Erörterung unterzogen.
Dabei werden die religionsgeschichtlichen Missdeutungen scharf
und zum Teil schlagend zurückgewiesen: „Paulus zieht beim
Abendmahl selbst die religionsgeschichtliche Parallele. Ich meine,
das ist der beste Beweis dafür, dass bei seiner Abendmahlsfeier
von keiner heidnischen Uebernahme, ja auch nicht einmal von
einer Umbiegung eines in die heidenchristlichen Gemeinden ein-
gedrungenen heidnischen Einschlages die Rede sein kann" (S. 79).
Kürzer wird die Katechismuslehre besprochen mit dem Resultate:
„dass sie Luther in Beinern Kleinen Katechismus, dieser Laien-
bibel, richtig für den Unterricht gefasst hat" (S. 121). Ein
letzter Teil beschäftigt sich mit der Einordnung der Sakraments-
lehre in die christliclie Lehrwissenschaft. Der Verf. folgt hier
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