Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Weltanschauung aufgebaut ist, so bleibt auch der tolerante Staat
auf christlichem Boden, selbst wenn er Juden oder Atheisten
an der Verwaltung beteiligt. Hat doch auch tatsächlich gerade
der moderne Staat in grosser Fülle die Aufgaben übernommen,
die früher die Kirche für sich beansprucht und durchgeführt
hat: Armenpflege, Sozialversicherung usw. Man wird nicht be-
haupten wollen, dass mit der Uebernahme durch den Staat diese
Aufgaben „entchristlicht" worden seien. Hiernach ist aber auch
die „Entchristlichung" des modernen Staates ein Sehlagwort,
vor dem die Forschung nicht Halt machen darf.

Erwin Jaoobi-Leipzig.

Girisoh, Helmuth, und Paohelbel, Handwörterbuch des
bayerischen Staatskirchenrechts. 2., vollständig durch-
gearb. u. verm. Auflage. München, Berlin u. Leipzig 1914,
J. Schweitzer (VI, 527 S. gr. 8).
Die zweite Auflage dieses Handwörterbuches wurde not-
wendig durch das Inkrafttreten der bayerischen Kirchengemeinde-
ordnung vom 24. September 1912, während allerdings die königl.
Verordnung vom 26. Oktober 1913, die Inkraftsetzung der
Kirchengemeindeordnung für die protestantische Kirche der
Pfalz betreffend, in die nene Auflage nicht mehr hineingearbeitet
werden konnte. Das Buch ist für den praktischen Gebrauch
von Theologen und Juristen bestimmt und im allgemeinen wohl
anch geeignet, diesen Zweck zu erfüllen. Die Materie wird
nach alphabetisch geordneten Schlagworten eingehend und unter
Angabe der wichtigsten Quellen und Literatur behandelt. Viel-
leicht könnten dabei gerade im Interesse des praktischen Ge-
brauchs noch mehr Verweisungen angebracht werden. So wird
bei der Darstellung des Patronatrechts (S. 354 f.) von unio
aequalis und unio per subjectionem gesprochen, ohne dass der
Leser hier oder unter dem (überhaupt nicht aufgenommenen)
Schlagwort unio sich über deren Bedeutung orientieren könnte,
die Erklärung unter „Pfarrveränderungen" zu suchen, setzt doch
schon eine ziemliche Vertrautheit mit der Materie voraus. S. 224
wird von der Bildung, Veränderung und Auflösung einer Kirchen-
gemeinde behauptet, es sei ein „Gegenstand sog. gemischter
Natur"; hier müsste auf Glaubensgesellschaften S.158ff. verwiesen
werden, wo man erst über die Bedeutung dieses Begriffs auf-
geklärt wird.

Wollte man nun freilich annehmen, dass das Handbuch
gerade infolge seiner praktischen Bestimmung sich mit dem
modernen Staats- und Verwaltungsrecht in engster Fühlung
halten werde, so würde man sich darin täuschen. Wo nicht
ausdrückliche moderne Gesetzesbestimmungen wiedergegeben
werden, findet sich überall der Rückgriff auf die alten kano-
nistischen Theorien. Es ist bezeichnend, dass Hinschius und
Friedberg (von dessen Lehrbuch seit 1909 übrigens die sechste
Auflage vorliegt) am häufigsten, Kahl und Stutz überhaupt
nicht zitiert werden. Begriffe werden eingeführt, die der Laie
nicht verstehen und mit denen der praktische Jurist nichts an-
fangen kann. So wird „Kirchenamt" und „weltliches Kirohen-
amt" (die niederen Kirchendienste) unterschieden, ohne dass
man erfährt, ob die Kirchendiener nun als Beamte oder privat-
rechtlich kraft Dienstvertrags angestellt sind. Das Patronat soll
ein „kirchlich-weltliches" (!) Recht, ein „Individualrecht öffentlich-
rechtlicher Natur" Bein, wobei noch (S. 350) zu Unrecht die
mit einem Amt verbundenen Patronatberechtigungen als ding-
licher Patronat bezeichnet werden. In dem Artikel über religiöse
Kindererziehung (S. 197) wird da8 Recht der religiösen Er-

ziehung von Kindern gemischter Ehen nur deswegen aus dem
Familienrecht ausgeschieden und dem öffentlichen Recht zu-
gewiesen, weil bei den gemischten Ehen in Bayern eine
zwingende gesetzliche Regelung erfolgt ist; danach soll also
die religiöse Erziehung bei gemischten Ehen ins öffentliche
Recht, bei ungemischten ins „bürgerliche Familienrecht" ge-
hören, während in Wahrheit es sich in beiden Fällen um
Familienrecht handelt, in dem sich ja ganz allgemein privat-
und öffentlichreohtliohe Elemente begegnen.

Alles, was hier gerügt wird, findet sich gewiss in fast jedem
Lehrbuch des Kirohenrechts wieder, aber ein Handwörterbuch
des Staatskirchenrechts müsste doch mindestens das Ziel haben,
darüber hinauszukommen. Erwin Jacobi-Leipzig.

Beiträge zur Geschichte der Philosophie des Mittel-
alters. In Verbindung mit G. Frhrn. v. Hertling und
M. Baumgartner herausgegeben von Clemens Bäumker.
Supplementband, Studien zur Geschichte der Philosophie,
Festgabe zum 60. Geburtstag Clemens Bäumker gewidmet
von seinen Schülern und Freunden. Münster i. W. 1913,
Asohendorff (VI, 491 S. Lex.-8). 16 Mk.
Am 16. September 1913 hat Clemens Bäumker seinen
60. Geburtstag gefeiert. Jeder Historiker weiss, wie grosse
Verdienste sich Bäumker um die Erforschung der mittelalter-
lichen Philosophie erworben hat. Aber nicht nur hat er selbst
eine Anzahl von Studien vorgelegt, die sich durch die Sicher-
heit der Methode und den Umfang der Stoffbeherrsohung als
mustergültige Leistungen erweisen, sondern er hat auch eine
grosse Anzahl von jüngeren Mitarbeitern heranzuziehen und an-
zuregen gewusst. Seit Bäumker und seine Schüler sich auf
die Geschichte der mittelalterlichen Philosophie geworfen haben,
wird eine Provinz nach der anderen in diesem dunklen Gebiet
erhellt. Neue Texte werden entdeckt, ediert und sachkundig
interpretiert. Biographische und literargeschichtliche Detailunter-
suchungen werden geführt und grosse geschichtliche Durchblicke
gewonnen. Längst schon sind die „Beiträge zur Geschichte der
Philosophie des Mittelalters" ein unentbehrliches Hilfsmittel für
jeden Forscher auf dem Gebiet der mittelalterlichen Geistes-
geschichte geworden. Es ist daher nicht zu verwundern, dass
ein grosser Schüler- und Freundeskreis Baumkers Bich es nicht
hat nehmen lassen, dem verdienten Meister eine Festgabe dar-
zubringen. Sie gehört zu dem Besten und Lehrreichsten, was
mir von derartigen Festschriften bekannt geworden ist. Nicht
weniger als 27 Abhandlungen Bind zu einem stattlichen Bande
vereinigt. Die Mehrzahl von ihnen ist naturgemäss der Philo-
sophie des Mittelalters gewidmet, und nicht wenige von diesen
Beiträgen teilen neue Texte mit oder eröffnen neue und interessante
Perspektiven, so dass der Leser nicht unzufrieden damit ist, dass
die Arbeiten, wie nicht anders möglich, knapp gehalten sind.

In einem theologischen Organ ist es angezeigt, die Arbeiten
besonders hervorzuheben, die für die Dogmen- und Kirchen-
geschichte von Bedeutung sind. Ich greife einige davon heraus.
Der belgische Jesuit J. de Ghellinek handelt in einer an-
regenden Studie über Dialektik und Dogma vom 10. bis
12. Jahrhundert. B. Geyer bringt neue Texte Abälards und
beleuchtet die dunkle Frage nach Abälards Stellung zur Uni-
versalienfrage. P. Minges handelt über die Summa de virtu-
tibns, die fälschlich Alexander von Haies beigelegt worden ist.
A. Schneider gibt die metaphysischen Begriffe aus der früher
viel gelesenen Enzyklopädie des Bartholomäus Anglicus wieder.
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