Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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brandenburgische Kirchengesohiehte hinaus. Ein kurzer Ueber-
blick genügt, das zu zeigen. Schulze stellt Untersuchungen
„zur Geschichte des Grundbesitzes des Bistums Brandenburg" an.
Hoffentlich gewährt die Fortsetzung oder der Schluss seiner
Arbeit auch Einblick in die Erträgnisse der Bistumsgüter
wenigstens für gewisse Zeitabschnitte. — Aus dem Nachlass
Enders bringt Kawerau „Nachträge und Verbesserungen zu den
Briefen Melanchthons an Georg Buchholzer und seine Sühne".
Ein Brief Crucigers und mehrere des Georg Sabinus an den
genannten Berliner Propst finden ebenfalls Platz. — Schwartz
gibt in seinen „Beiträgen zur Kirchengesohiehte Brandenburgischer
Städte" (Schluss) bemerkenswerte Einzelheiten zur Geschichte
des evangelischen Pfarrers im 17. und 18. Jahrhundert. — In
Petris Abhandlung „Der Pietismus in Sorau N.-L." werden zwei
Anhänger des Pietismus, Böse und Petersen, und ein Gegner,
Neumeister, eingehend charakterisiert. Mancher, dem bisher nur
die Hauptzüge der Genannten bekannt waren, wird für die
ausführliche Darstellung Dank wissen. — Knoke lehrt uns „die
Besoldungsverhältnisse der evangelischen Geistlichen der Altmark
in der Zeit des Königreichs Westfalen 1807—1813" kennen.
Er ist der Meinung, dass vielleicht zu keiner Zeit und in keinem
Lande jene Schilderung eines Klerikers, die sich in der „Geist-
lichen Kurzweil" Johann Valentin Andreaes findet und die
Herder in seinen „Briefen, das Studium der Theologie be-
treffend" wieder abdrucken liess, in höherem Masse zugetroffen
habe als 1807—1813 im Herrschaftsgebiet Jeromes. — Skalzkys
„Quellen und Belege zur Geschichte der böhmischen Emigration
nach Preussen" enthalten Ergänzungen zu seiner im „Jahrbuch
für die Geschichte des Protestantismus in Oesterreich", 31. Jahrg.,
S. 117 ff. erschienenen Biographie des Exulantenpredigers Johann
Liberda. Davon Bind am wichtigsten die Berichte über die
Audienz des Genannten im September 1732 beim preussisohen
König, Berichte, die uns freilich nicht klar sehen lassen. —
Aner will auf Grund der Schriften Nikolais das geringschätzige
Urteil über das religiöse und kirchliche Leben Berlins zur Zeit
Friedrichs des Grossen zerstören. Er bringt tatsächlich mancherlei
bei, das erkennen lässt, dass es damals in dieser Hinsicht in
Berlin besser stand, als angenommen wird. Wie sehr freilich
zur Zeit Friedrichs und nachher auf den meisten Kanzeln
Berlins der Rationalismus herrschte, zeigt Wendlands Aufsatz:
„Die praktische Wirksamkeit Berliner Geistlicher im Zeitalter
der Aufklärung, 1740—1806" (erster Teil). Aus dem vielen
Interessanten, das er berichtet, sei als für die Geschichte des
evangelischen Pfarrers merkwürdig hervorgehoben, dass der
Prediger an der Dreifaltigkeitskirche Johann Esajas Silberschlag,
der bedeutendste Vertreter der Orthodoxie unter den Berliner
Geistlichen jener Zeit, eine Autorität auf dem Gebiete des
Wasser- und Brückenbauwesens war. — Splittgerber endlich
schildert mit gutem Verständnis der Sachlage die „Gegen-
reformation im Kreise Schwiebus" (erster Teil). — Aus den
„Miszellen" sei erwähnt 1. ein neu aufgefundener Brief Luthers
an den Rat zu Crossen aus dem Jahre 1527; 2. der Brief der
Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg an ihren Sohn Hans
von Küstrin, in dem sie ihn dringend bittet, im Schmalkaldischen
Krieg nicht auf Seiten des Kaisers zu kämpfen; 3. ein bisher
unbekanntes Pasquill auf Georg Buchholzer wegen seiner
Stellung zum Interim, diese drei Stücke teilt Kawerau mit;
und 4. die unter anderem für die Aufhellung der Geschichte
der Konfirmation vielleicht nicht bedeutungslose „Eingabe des
Inspektor L. Gensichen zu Landsberg a. W. vom Jahre 1711",
mitgeteilt von Schwarz.

Ein Verzeichnis der Personen- und Ortsnamen würde die
Brauchbarkeit des Bandes noch erhöht haben.

Prof. Dr. Theobald-Nürnberg.

Lempp, Dr. phil. Richard (Stadtpfarrer in Crailsheim), Die
Frage der Trennung von Kirche und Staat im
Frankfurter Parlament. (Beiträge zur Parteigeschichte,
herausgegeben von Wahl, Heft 7.) Tübingen 1913, Mohr
(IV, 240 S. gr. 8). 6 Mk.

„Trennung von Staat und Kirche" ist ein gefährliches Schlag-
wort. Das unter diesem Titel erschienene Buch von Rothen-
bücher hat klargelegt, dass kirchenpolitisch die Trennung als
solche noch recht wenig besagt. In Nordamerika und in Frank-
reich hat das System der Trennung zu fast entgegengesetzten
Ergebnissen in kirchenpolitischer Beziehung geführt. Juristisch
freilich wird man das System bestimmt abgrenzen und dann
als vorliegend erachten können, wenn „die Organisation der
Kirche in jeder Beziehung dem freien Willen der Anhänger
eines Bekenntnisses überlassen" ist und wenn diese wieder, um
vom staatlichen Recht anerkannte Rechtsverhältnisse zu be-
gründen, zu den Institutionen des Privatrechts greifen müssen.

Gerade das letztere Kriterium hat der Verf. der vorliegenden
Schrift, der Stadtpfarrer in Crailsheim ist, nicht scharf erfasst
und gelangt deshalb in Widerspruch mit Rothenbücher,
Hauck und Kahl zu dem Ergebnis (S. 103 f.), dass das Frank-
furter Parlament Trennung von Staat und Kirche beschlossen
habe. Trotz der ungehinderten Selbständigkeit und vollkommenen
gegenseitigen Gleichordnung der Religionsgesellschaften, wie sie
in Frankfurt beschlossen war, liegt die Verbindung mit dem
Staat immer noch darin, dass die Religionsgesellschaften als
Rechtssubjekte anerkannt werden, ohne die Form privatrecht-
licher Vereine oder Stiftungen annehmen zu müssen.

Können wir sonach dem letzten Ergebnis der Schrift nicht
zustimmen, so berührt das jedoch nicht den eigentlichen Wert
der Arbeit. Dieser liegt darin, dass in fesselnder Weise die
Verhandlungen des Frankfurter Parlaments über die Kirchen-
und Schulfragen zusammen mit den Veröffentlichungen der Zeit
aufgerollt werden. Dabei zeigt sich überraschend, wie unklar
man auch damals über die Bedeutung der Trennung oder Un-
abhängigkeit des Staates von der Kirche bzw. der Kirche vom
Staate war. Die sonst üblichen Parteikonstellationen versagen
vollständig. Gerade bei diesen Fragen tritt geschlossen nur der
katholische Verein, der „Prototyp der späteren Berliner Zentrums-
fraktion", auf, der sich aus den klerikalen Mitgliedern aller
Parteien zusammensetzt. Seine Haltung, die der Verf. besonders
eingehend untersucht (vgl. namentlich S. 89 ff.), gibt ein treffendes
Bild, „wie die unliberalsten Zwecke den konsequenten Libera-
lismus sich dienstbar machen können". Da die übrigen Mit-
glieder des Parlaments fast ausschliesslich Richtungen vertreten,
die Bpäter als Liberalismus und Fortschrittspartei weiterleben,
so ergibt die Behandlung ihrer Stellung zu den Kirchen- und
Schulfragen einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des politischen
Liberalismus. Der Verf. unterscheidet hier als kirchenpolitische
Strömungen die konsequenten Individualisten, die Radikalen,
die Josephiner, die Realpolitiker.

In der ganzen Darstellung des Verf.s ist nur eines bedauer-
lich, dass er sich nämlich zu der landläufigen, auch 1848
herrschenden Ansicht nicht kritischer Btellt, wonach Aufklärung
und Toleranz die „Entchristlichung" des Staates bedeuten sollen.
Da die gesamte moderne Kultur auf dem Boden der christlichen
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