Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Uebersicht über die noch vorhandenen Handschriften nach ihren
heutigen Standorten. Zum Sehlnss folgen noch Proben aus
dem Kaiserbuch, die Gravamina gegen die Bettelorden, sein
Gutachten für Konstanz und das Gesetz Karls V. über die
Monopole (1525). Zum Beginn des III. Kapitels wird die Frage
gestreift, ob der deutsche Humanismus eine von der italienischen
Renaissance unabhängige Geistesbewegung von wesentlich religiös-
theologischem Charakter ist (Hermelink), oder ob dooh eine
stärkere Beeinflussung des ersteren vorliegt. König nimmt wohl
mit Recht auch im Blick auf Peutingers Entwiokelung letzteres
an (S. 64 f.). Peutingers historiographische Leistungen wertet
er nicht hoch. Dagegen sieht er in ihm insofern einen Bahn-
brecher der historischen Methode, als derselbe erkannte,
„dass dem urkundlichen Material ein höherer Wert als Gesohiohts-
quelle zuzuschreiben sei als den Chroniken" (S. 63). — Sehr
interessant sind die Ausführungen und Mitteilungen über
Peutingers volkswirtschaftliche Anschauungen. Es war ja
schon früher bekannt, dass Peutinger auf diesem Gebiete hervor-
trat Aber wenn man das, was König auf Grund von Archi-
valien — z. B. Peutingers Gutachten über das Kupfersyndikat
der Augsburger Firmen Gossenbrot, Fugger und Herwart und
der Kufsteiner Baumgartner (an Martin Baumgartner in Knfstein
schrieb Luther am 11. Sept. 1528 einen Brief, End. 6, 382) —
mitteilt, mit dem wenigen vergleicht, was IL Wiskemann in
Beiner „Darstellung der in Deutschland zur Zeit der Reformation
herrschenden nationalökonomischen Ansichten" (Leipzig 1861),
in der Hauptsache nur vermutungsweise, über Peutinger mit-
teilen kann (S. 31), dann tritt einem so recht der Fortschritt
in der einschlägigen Forschung entgegen.

Sehr anzuerkennen ist die Unbefangenheit, mit welcher
Fragen behandelt werden, in welchen es sich um Schäden
katholischer kirchlicher Einrichtungen handelt. Es wird z. B.
zugegeben, dass Peutinger „auch persönlich Grund" hatte, „sich
über die pseudomonachi und ihre Zanksucht zu beklagen"
(S. 67). Es wird ausgesprochen, wie derselbe während seines
kurzen Aufenthalts in Rom 1491 die „denkbar ungünstigsten
Eindrücke" bekam und denselben auch ungeschminkten Aus-
druck verlieh mit den Worten: „loh sehe hier alles käuflich
vom obersten bis zum untersten. Ränke, Heucheleien, Lieb-
dienereien stehen in Ehren, die Religion ist verfälscht und un-
endlich die Zahl der Gemeinheiten" usw. (S. 72). Sehr offen
werden Peutingers Klagen über die Habsucht der Geistlichen,
den Kornwucher und die Erbschleicherei der Mönche mitgeteilt.
Dabei wird bemerkt, dass es sieh hier zum Teil um alte Vor-
würfe handelt (S. 73. 166 ff.).

Den Abachluss der beachtenswerten Schrift bildet ein genaues
Personenregister sowie ein Register der benutzten Handschriften.

D. Steinlein-Ansbach.

Veit, Dr. A. L. (Priester der Diözese Mainz), Kirchliche
Reformbestrebungen im ehemaligen Erzstift Mainz
unter Erzbischof Johann Philipp von Schönborn 1647 bis
1673. Unter Benützung bisher ungedruckter archivalischer
Dolrumente dargestellt. (Studien und Darstellungen aus dem
Gebiete der Geschichte. Im Auftrage der Görresgesellschaft
und in Verbindung mit der Redaktion des Historischen
Jahrbuchs herausgegeben von H. Grauert VII, 3, S. 241
bis 358.) Freiburg i. Br. 1910, Herder (XIV, 119 S. gr. 8).
3 Mk.

Johann Philipp von Schönborn, Erzbischof von Mainz (1647

bis 1673), ist bisher namentlich in den Schriften von K. Wild
(Heidelberg 1896) und G. Mentz (Jena 1896 f.) monographisch
behandelt worden, derart freilich, dass man vorzüglich seiner
Tätigkeit als Politiker und Diplomat Aufmerksamkeit schenkte.
Ihn als kirchliches Oberhaupt seiner Erzdiözese zu würdigen,
ist das Ziel des vorliegenden Buches, dem man zahlreiche Nach-
folger wünschen möchte, um ein gerechtes Urteil über die
kirchliche Betätigung deutscher Bischöfe und Erzbischöfe im
17. und 18. Jahrhundert, vor der Säkularisation also ihrer
Territorien und vor der Neuordnung der katholischen Kirche
auf deutschem Boden herbeizuführen. Die vom Verf. mit grossem
Fleisse herangezogene archivalische Ueberlieferung (vgl. auch
S. 100 ff. die bislang ungedruckten Dokumente) lehrt seinen
Helden als eifrigen Wiederhersteller der durch den Dreissig-
jährigen Krieg gestörten kirchlichen Ordnung des Mainzer Erz-
bistums (nicht also der Mainzer Kirchenprovinz) kennen. Nach
einer kurzen Einleitung über die kirchlichen Zustände in Kur-
mainz um die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts folgen
sechs Abschnitte über die Lage des Erzstifts beim Regierungs-
antritt von Johann Philipp, über seine Verwaltungsorganisation,
über Recht und Praxis im Verkehr zwischen Erzbisohof und
Kollegiat — wie auch Ordensklerus, über die Reform des Seel-
sorgeklerus, gottesdienstliche und sittenpolizeiliche Verordnungen,
Volksschule und Volksunterricht. Dankenswert vor allem sind
die Ausführungen des zweiten, dritten und vierten Kapitels; sie
bestätigen das Urteil, das Veit S. 49 über die Beziehungen des
Erzbisohofs zunächst zum Ordensklerus seines Erzstifts fällt, und
lassen es gleichsam als Motto für alle seine kirchlichen Reform-
bestrebungen erkennen: „Er handelte ganz nach den Anschauungen
seiner Zeit, in deren Mittelpunkt der Staatsabsolutismus der
französischen Nachbarn stand." Es ist überaus lehrreich, an der
Hand der eingehenden, durch viele Einzelzüge belebten Er-
örterungen des Verf.8 diese Rezeption des ursprünglich den
Staat erfassenden Absolutismus in die kirchliche Verwaltungs-
praxis zu verfolgen; ob sie auch anderen Kirchenfürsten des
17. Jahrhunderts zur Richtschnur diente, werden weitere Arbeiten
zu prüfen haben. Die landesfürstliohe Betätigung der deutschen
Bischöfe und Erzbischöfe jener Zeit erfreut sich, wie man weiss,
keiner hohen Achtung, wenngleich das Gesamturteil über alle
diese Kirchen- und Reichs- und Landesfürsten zn hart dünkt.
Veits Wertung der kirchlichen Wirksamkeit eines einzigen Erz-
bischofs darf, wenn anders wir nicht irren, noch nicht ver-
allgemeinert werden, d. h. sie darf keine unrichtige Einschätzung
der deutschen Kirchenoberen des 17. Jahrhunderts herbeiführen.

A. Werminghoff-Halle an der Saale.

Jahrbuch für Brandenburgische Kirohengesohichte.

Herausgegeben im Auftrag des Vereins für Brandenburgische

Kirchengeschichte von D. Dr. Gustav Kawerau und Lio.

Leopold Zsoharnack. 9. und 10. Jahrgang. Berlin 1913,

Martin Warneck (XII, 430 S. gr. 8).
Der neue Band dieses JahrbuchB wird mit einem von
Kawerau und Zscharnack unterzeichneten Nachruf auf Nikolaus
Müller, den bisherigen Herausgeber, eröffnet. Die darin über
das Leben, die Forschungsgebiete und die Arbeitsmethode dieses
Gelehrten gemachten Mitteilungen ergänzen in dankenswerter
Weise das in „Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte"
Nr. 108, S. 32—35 Gesagte. Die Bedeutung der in diesem
Band vereinigten Abhandlungen geht weit über die eigentliche
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