Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Helden des Romanos sind Innooenz IV., König Heinrich III.
von England, die englischen Stände nnd die Landeskirche;
wobei freilich die Rolle der letzteren mehr passiv ist, da die
drei anderen Faktoren sich nm ihre Beherrschung streiten.
Der König, der das erste Anrecht darauf gehabt hätte, ist viel
zu schwach, sich durchzusetzen. Die Furcht vor allzugrosser
finanzieller Abhängigkeit von den Ständen treibt ihn immer
mehr der Kurie in die Arme, die seine Geldbedürftigkeit ge-
schickt auszunutzen versteht. Im Bund mit ihm entwickelt sie
jenes grossartige System von Provisionen, Pensionen usw., das
einen grossen Teil der Einkünfte der englischen Kirche nach
Rom leitet. Bis schliesslich sogar der treueste Bundesgenosse
der Kurie in England, der Bisohof von Lincoln, Robert Grosseteste,
die Aussaugung seines Vaterlandes nicht mehr mit ansehen
kann und rücksichtslos der Kurie die Unchristliohkeit ihres Vor-
gehens entgegenhält. Der König hält am Bund mit dem Papst
fest. So wird die Kirche immer mehr den Ständen zugedrängt.
Ein kurzer Vergleich mit der Entwickelung in Deutschland, wo
doch auch die weltlichen Grossen den Kampf gegen die Kurie
aufnehmen, in dem das Kaisertum unterlegen ist, hätte Bich
wohl verlohnt. Gerhard Bonwetsch-Berlin-Steglitz.

Zimmermann, Dr. H., Die päpstliche Legation in der
ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Vom Regierungs-
antritt Innocenz' III. bis zum Tode Gregors IX. 1198 bis
1241 (Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im
katholischen Deutschland. Veröffentlichungen der Sektion für
Rechts- und Sozialwissenschaft. Im Auftrag des Vorstandes
hrsg. von K. Beyerle, E. Göller und G. Ebers. 17. Heft).
Paderborn 1913, F. Schöningh (XV, 348 S. gr. 8).
In den letzten Jahren sind nicht weniger als sechs Arbeiten
Uber die päpstlichen Legaten, ihre Rechtsstellung und Tätigkeit
während des sog. früheren Mittelalters erschienen, so dass es sich
lohnen möchte, an einer Stelle wenigstens sie insgesamt biblio-
graphisch zu verzeichnen: es sind die Schriften von K. Ruess
(Die rechtliche Stellung der päpstlichen Legation bis Bonifaz VIII.
Paderborn 1912), 0. Engelmann (Die päpstliche Legation in
Deutschland bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts. Marburg 1913),
0. Schumann (Die päpstliche Legation zur Zeit Heinrichs IV.
und Heinrichs V. 1056—1125. Marburg 1912), J. Bachmann
(Die päpstliche Legation in Deutschland und Skandinavien 1125
bis 1159. Berlin 1913), alsdann die Abhandlung von H. Zimmers
mann, deren Titel oben vermerkt ist und zu der sich seit ihrem
Erscheinen noch eine Studie desselben Verf.s (Die päpstliche
Legation zu Beginn des 13. Jahrhunderts im Dienste der Kreuz-
predigt, Inquisition und Kollektorie: Römische Quartalschrift für
christliche Altertumskunde und für Kirchengeschichte, Supplement-
heft XX, Freiburg i. Br. 1913, S. 103—119) gesellt hat. Mau
Bieht, es klafft zwischen dem Buche von J. Bachmann und dem
von H. Zimmermann nur noch eine Lücke von vier Jahrzehnten,
die sicherlich bald ausgefüllt werden wird, um die Gesamt-
geschichte des päpstlichen Gesandtschaftsrechtes bis zum Anfang
des 14. Jahrhunderts überschauen zu können (vgl. RuesB). Nicht
als ob alle aufgezählten Werke die gleiche Anlage aufwiesen —
noch am ehesten wird es von den durch A. Brackmann an-
geregten Arbeiten von Engelmann, Schumann und Baohmann
gesagt werden dürfen —, nicht auch, als ob die Schrift von
Ruess eine rein historische Darstellung der Legationen in der
zweiten Hälfte des 13. und im Anfang des 14. Jahrhunderts
überflüssig machte, jedenfalls darf das Buch von H. Zimmer-

mann als eine verdienstvolle Monographie im Kreise aller an-
gesprochen werden. Nach einer Einleitung über das päpstliche
Legationswesen bis zum 13. Jahrhundert sowie über die Quellen
und Literatur zu ihm gliedert sie ihren Stoff in zwei Teile. Der erste
zählt die Legationen in den Jahren 1198—1241 auf, derart dass für
jedes Pontifikat — d. h. also für die Regierungszeiten Innocenz' III.
(f 1216), Honorius' III. (f 1227) und Gregors IX. (f 1241) —
wiederum die Kardinäle, die nicht kardinaüzischen Legaten und
die nicht residierenden Bischöfe als Legaten je eine besondere
Gruppe bilden. Der zweite Teil sucht in systematischer An-
ordnung die Veranlassung zu den Legationen, die Auswahl und
Sendung der Legaten, ihre Einteilung, ihr Offizium und ihre
Prokuration zu veranschaulichen. Zum Schluss bringt ein drei-
fach gegliederter Anhang eine chronologische Tabelle der
Legationen insgesamt, eine Uebersicht über die hierarchische
Stellung der Legaten ohne Kardinalsrang und einen Index der
Legationsbriefe aus dem Formalbuche des Marinus von Ebulo,
bis Personen-, Orts- und Sachregister der Arbeit ein Ziel setzen.
Die klare Stoffanordnung sichert der Schrift ein günstiges Urteil,
ebenso das Bestreben, vornehmlich in der ersten Tabelle des
Anhangs (S. 296 ff.) ein nützliches Hilfsmittel für die Kenntnis
jeder Legation, ihrer Träger, ihrer Aufgaben sowie des zeitlichen
Beginns ihrer Tätigkeit zu schaffen; vergessen sei aber nicht,
dass A. Brackmann in der Zeitschrift der Savignystiftung für
Rechtsgeschichte, Kanonistische Abteilung III (1913), S. 522 f.
einen vollständigen Ueberblick über die Itinerare und die Amts-
handlungen der Legaten vermisste, wie er z B. von 0. Schumann
für die zweite Hälfte des 11. und das erste Viertel des 12. Jahr-
hunderts dargeboten wird. In der Tat würde ein derartiger
Ueberblick, selbst wenn er nur Regesten aufwiese, die vielseitige
Tätigkeit der Legaten und damit die Verwaltung der Kirche
durch die Organe des päpstlichen Herrscherwillens noch weit
eindrücklicher erkennen lassen, als es jetzt durch den ersten
Teil der Schrift Zimmermanns geschieht. Vielleicht entschliesst
sich der Verf. selbst, das Versäumte nachzuholen; um so eher
darf man solche Erwartung aussprechen, als sein Buch allenthalben
von Belesenheit zeugt, mit der sich die Fähigkeit zu verfassungs-
historischer Darlegung verbindet, wie sie nicht zuletzt im Ab-
schnitt über die Prokuration, d. h. über den Unterhalt und die
Bezüge der päpstlichen Sendboten während ihrer Amtsreisen
(S. 280 ff.), sich offenbart.

A. Werminghoff-Halle an der Saale.

König, Dr. phil. Erich (Privatdozent in München), Peutinger-
studien. (Studien u. Darst. aus dem Gebiete der Gesch.,
im Auftrage der Görresgesellsch. usw. herausgeg. von Dr.
Hermann Grauert. IX. Band, 1. u. 2. Heft.) Freiburg i. Br.
1914, Herder (180 S. gr. 8). 4.50.
Konrad Peutinger (1465—1547) ist uns schon interessant
wegen der Beziehungen, die anfänglich zwischen ihm und Luther
bestanden. Luther war 1518 in Augsburg bei ihm zu Tisch
geladen (End. 1, 240, vgl. auch Erl. var. arg. 2, 370) und traf
in Worms mehrfach mit ihm zusammen (var. a. 6, 16 u. 20).
Freilich sind gerade diese Punkte in obiger Schrift kaum berührt.
Dagegen wird im übrigen auf Grund genauer Quellenkenntnis
ein eingehendes Bild von Peutingers Leben, Wirken und Schriften
gegeben: I. Sein Leben und seine Beziehungen zu den Kabern;
II. Peutinger als Humanbt; III. Stellung zu den kirchlichen
und IV. zu den wirtschaftlichen Fragen; V. Peutinger als
Bücher- und Handschriftensammler, Schicksale seiner Bibliothek,
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