Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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rufslebens wird nachdrücklich betont Von vorbildlicher Be-
deutung ist dagegen Erasmus, der „auf den Christus der
Evangelien, auf dessen göttliches Vorbild, auf die Aneignung
seiner Lehre und die Nachfolge Beines Lebens" zurückgeht
(S. 218).

Für die Wechselwirkung von Philosophie und Theologie ist
es sehr nachteilig, dass so viele Philosophen ursprünglich Theo-
logen gewesen sind. Das hat zur Folge, dass die Berück-
sichtigung, welche sie dem Christentum innerhalb ihrer philo-
sophischen Arbeit einräumen, den Einfluss des Bruches, den
sie innerlich vollzogen haben, deutlich erkennen lässt. Das
Urteil über das Christentum wird zu einer Apologie der eigenen
religiösen Auffassung. Das ist um so bedenklicher, als bei
anderen das religiöse Interesse und infolgedessen auch das Be-
dürfnis, sich ein tiefer begründetes Urteil über das Christen-
tum zu erwerben, völlig fehlt. Man wird nicht leugnen können,
dass auch bei Dilthey die Spuren jener unzulänglichen Auf-
fassung des Christentums sich zeigen. Um so mehr werden die
Theologen Anlass haben, sich mit ihm aufs gründlichste aus-
einanderzusetzen. Denn das ist ganz zweifellos, dass er unter
den Vertretern der modernen humanistischen Frömmigkeit der
genialste und glänzendste ist. Stange-Göttingen.

Hudal, Dr. Alois (Subdirektor am Fb. Priesterseminar zu
Graz), Die religiösen und sittliohen Ideen des Spruch-
bucb.es. Rom 1914, Päpstl. Bibel-Institut (XXVIII, 261 S.
gr. 8). 4,50 Lire.
Man besitzt eine „Theologie der Psalmen", die allerdings
sohon über sechzig Jahre alt ist, aber eine Theologie des
Sprachbuches gab es bis jetzt noch nicht. Die Arbeiten, die
am meisten ihr ähnlich waren, sind hauptsächlich diese: Bruch,
Die Weisheitslehre der Hebräer 1851; Carl Fey, Die sittlichen
Anschauungen des Sal. Spruohbuches 1886; R. Pfeiffer, Die
religiös-sittliche Weltanschauung des Buches der Sprüche 1897;
H. Zsohokke, Der dogmatisch-ethische Lehrgehalt der alttesta-
mentlichen Weisheitsbücher 1899; O.Mensel, Die Stellung der
Sprüche Salomos in der israelitischen Literatur- und Religions-
geschichte 1900. Nunmehr aber ist ein Buoh erschienen, das
wirklich den Namen einer Theologie des Buches der Proverbien
beanspruchen kann. Denn Hudal behandelt von den Quellen
der Gotteserkenntnis an das ganze System einer Theologie,
worin ja auch die Ethik verankert ist, bis hin zur Psychologie.
Und welchen Wert besitzt nun seine Arbeit? Das Urteil über
ihre einzelnen Hauptoperationen kann nicht gleich lauten.

Da der religiös-ethische Gehalt des Spruchbuches nicht voll-
ständig behandelt werden kann, ohne dass zugleich seine Ent-
stehungsgeschichte entfaltet wird, so musste natürlich auch
Hudal sich mit der literarischen Frage betreffs des Spruch-
buches beschäftigen. Dies tut er aber mehr so, dass er die
einzelnen Ansichten aufzählt, als dass er mit positiven Gründen
""d in systematischer Ordnung die Saohe untersuchte. Es war
doch zunächst deutlich der Tatbestand anzugeben, dass im
Spruchbuch durch dessen eigene Ueberschriften verschiedene
Teile unterschieden sind, und dann war positiv durch sprach-
liche, stilistisch-metrische und inhaltliche Gesichtspunkte die
zeitliche Aufeinanderfolge dieser Teile soweit als möglich fest-
zustellen. Dies hätte er tun sollen, anstatt über die Zerrissen-
heit der kritischen Urteile zu spotten (S. 4). Denn etwas
anderes ist es, ob man bald zur Einstimmigkeit der Ent-
scheidung gelangen kann, wie ich diese methodische Bemerkung

erst vor kurzem in meinem Schriftchen über die moderne
Pentateuchkritik machen musste. Die Untersuchung, die der
Verf. seinerseits den neueren Forschungen gegenüberstellt, be-
schränkt sich zunächst auf eine Vorführung der „Anschauungen
katholischer Forscher" (S. 11), und dann die Bemerkungen auf
S. 249 ff., wonach „viel Wahrscheinlichkeit noch immer folgendes
Schema hat: Kap. 1—9 (theoretisches Expose; ob die Einleitung
1, 1—7 erst vom letzten Redaktor des Spruchbuches voran-
gestellt wurde oder bereits von Anfang an mit Kap. 1—9
vereint war, ist noch immer eine offene Frage); 10 — 22, 16
(der praktische Teil; die Ueberschrift in 10, 1 durchbricht
allerdings den Zusammenhang beider Sammlungen, es kommt
ihr aber eine grössere Bedeutung nicht zu, da weder die LXX
noch die Peshito [sie] die Ueberschrift haben) usw." Da ist
also erstens die ganze stilistische Argumentation, wie sie z. B.
in meiner Einleitung vorgetragen ist und wonach die kurzen
kernigen Sprüche mit aller Wahrscheinlichkeit älter als die
zusammenhängenden Darlegungen von Kap. 1—9 sind, ignoriert.
Zweitens ist der neuen Ueberschrift, die das hebräische Alte
Testament bei 10, 1 hat, eine „grössere Bedeutung" — was
soll das heissen? — abgesprochen, weil diese Ueberschrift in
zwei Uebersetzungen fehlt. Was aber ist wahrscheinlicher?
Dass die auffallende neue Ueberschrift von den Uebersetzern
weggelassen, oder dass sie erst hinterher eingefügt wurde?

Von diesen zu dürftigen literargeschichtlichen Partien des
vorliegenden Buches hebt sich dessen Hauptteil in sehr erfreu-
licher Weise durch grosse Vollständigkeit und Einlässliohkeit
der Untersuchung ab. Nicht bloss sind, wie schon gesagt, alle
Momente des religiös-ethischen Vorstellungskreises der Reihe
nach behandelt, sondern die Hauptpunkte desselben, wie ins-
besondere die Chokhma nach ihrer subjektiven und objektiven
Seite, sind mit grösster Ausführlichkeit in textkrhischer, sprach-
licher, geschichtlicher und theologischer Beziehung erörtert. Zu
meiner Genugtuung konnte Verf. wesentlich die Auffassung ver-
treten, zu der auch ich gekommen bin: „Der objektive Weis-
heitsbegriff ist nicht als rein spekulativ betrachtete Eigenschaft
im göttlichen Wesen aufgefasst, sondern stellt vielmehr ein
Prinzip des Handelns in Jahve dar, das dichterische Begeisterung
zur Personifikation erhebt" (S. 153). Doch ich muBS hier ab-
brechen, und z. B. das, was er Uber das Verhältnis der alt-
testamentlichen Chokhma zur griechischen Philosophie bemerkt,
kann man ja auch an meiner „Geschichte der alttestl. Rel."
S. 467 f. nachprüfen. Deshalb sei nur noch der eine Satz
hinzugefügt, dass der Verf. durch Gründlichkeit semer auf den
Inhalt des Spruchbuches bezüglichen Darbietung sich den ge-
rechten Anspruch erworben hat, von allen berücksichtigt zu
werden, die auf dem Gebiete der alttestamentlichen Weisheits-
lehre arbeiten wollen. Ed. König.

Dehio, Ludwig, Innocenz IV. und England. Ein Beitrag
zur Kirohengeschichte des 13. Jahrhunderts. Berlin und
Leipzig 1914, G. J. Göschen (X, 84 S. gr. 8). 3. 60.
Diese Arbeit ist ein hocherfreulicher Beweis dafür, dass
auch eine engumgrenzte Untersuchung, wie sie nun einmal als
Thema einer Dissertation gegeben ist, durch geschickten Aufbau
und ansprechende Form auf allgemeines Interesse Anspruch er-
heben darf. Sie liest sich wie ein fesselnder Roman, ohne
deshalb wissenschaftliche Gründlichkeit zu entbehren. Höchstens
das3 hier und da die Freude an prägnanter Formulierung den
Verf. zu etwas zu bestimmten Urteilen verleitet hat Die vier
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