Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Theologisches Literaturblatt.

Unter Mitwirkung

zahlreicher Vertreter der theologischen Wissenschaft und Praxis

herausgegeben von

Dr. theol. Ludwig Ihmels

Professor der Theologie in Leipzig.

Nr. 23. Leipzig, 6. November 1914. XXXV. Jahrgang.

Erscheint vierzehntägig Freitags. — Abonnementspreis jährlich 10 Jt. — InsertionsgebO.br pr. gesp. Petitzedle 30 J. — Expedition: Königstrasse 18.

Wilhelm Dilthey.

Hudal, Dr. Alois, Die religiösen und sittlichen

Ideen des Spruchbuches.
Dehio, Ludwig, Innocenz IV. und England.
Zimmermann, Dr. H., Die päpstliche Logation in

der ersten Ilftlfte des 18. Jahrhunderts.
König, Dr. phil. Erich, Peutingerstudien.
Veit, Dr. A. L., Kirchliche Reformbestrebungen

im ehemaligen Erzstift Mainz.
Jahrbuch f ftr BrandenburgischeKirchengoschichte.
Lempp, Dr. phil. Richard, Dio Frage der Trennung

von Kircho und Staat im Frankfurter Parla-
ment.

Girisch. Helmuth, und Pachelbel, Handwörter-
buch des bayerischen Staatskirchenrechts.

Beiträge zur Geschichte der Philosophie des Mittel-
alters.

Kähler, Marlin, Zeit und Ewigkeit.

Scheiner, M., Die Sakramente und Gottes Wort.

Schulte, P. Dr. J. Chrys., Unsere Lebcusidcalo

und die Kultur der Gegenwart.
Rolffs, Ernst, Zwölf Pflngstpredigten.
Thiele, Wilh., Im Lichte des neuen Bundes.

Stade, Reinhold, Das Problem unserer Fürsorge-
erziehung, ihre Erfolgo und Misserfolge.

Rotermund, Ernst, Ein Konfirmandenunterricht.

LUtteman, Axel, „De* König ruft".

Fey, Dr. Carl, Dio katholische Propaganda, dio
zunelimcndo konfessionelle Mischung der Be-
völkerung und der konfessionelle Friede in
Deutschland.

Kleinsorgen, W., Ccllularcthik als moderne Nach-
folge Jesu.

Neueste theologische Literatur.

Zeitschriften.

Wilhelm Dilthey *

Soeben beginnt eine Ausgabe der Schriften Wilhelm Dil-
theys, die in sechs Bänden die vielfach zerstreuten Arbeiten
des hervorragenden Philosophen sammeln und durch Dar-
bietungen ans dem reichhaltigen Nachlass ergänzen will. Das
ist zweifellos ein sehr dankenswertes Unternehmen. Die Arbeiten
Diltheys sind zum Teil in Zeitschriften niedergelegt, die nicht
für jeden leicht erreichbar sind. Andererseits sind seine grösseren
Werke längst vergriffen, ohne dass der Verf. sieh zu neuen Aus-
gaben hätte entschliessen können. So kommt es, dass seine Ge-
danken nnd Untersuchungen lange nicht in dem Masse bekannt
sind, wie es ihrer Bedeutung entspricht. Dilthey gehört ganz
zweifellos zu denjenigen Philosophen, die eigene Gedanken haben.
Ausserdem verfügt er über ein bewundernswertes Mass geschicht-
licher Bildung. Damit verbindet sich der scharfe Blick für das
Eigentümliche nnd die Kunst der plastischen Darstellung. Vom
rein ästhetischen Gesichtspunkte aus gehören infolgedessen seine
Darbietungen zu dem Besten, was wir überhaupt in unserer
Literatur haben. Das gilt besonders von seinen historischen
Arbeiten. Als systematischer Philosoph scheint er mir eine
starke Neigung zum Komplizierten und Umständlichen zu haben,
wobei obendrein die Vorliebe für biologisch-naturwissenschaft-
liche Fachansdrfloke — besonders die Begriffe „Struktur" und
„Funktion" sind durch ihn zu einer Modeplage geworden —
das Verständnis keineswegs fördert. Die geschichtliche Schilde-
rung dagegen bereitet nicht nur durch die Feinheit des Stils
und die Keife der Erkenntnis hohen Genuss, sondern gibt auch
für alle Gebiete — für die Geschichte der Philosophie und der
Literatur, für die Geschichte der Kultur und der Religion —
eine Fülle von neuen Ideen und Anregungen.

Unter den historischen Untersuchungen Diltheys sind neben
dem längst vergriffenen „Leben Schleiermachers", von dem der
Reimersche Verlag erfreulicherweise eine neue Ausgabe vorbereitet,
die im zweiten Bande der jetzt bei Teubner erscheinenden neuen
Ansgabe dargebotenen Abhandlungen am wichtigsten. Sie er-

* Wilhelm Diltheys Gesammelte Schriften, II. Band. Weltanschau-
AlJ, Ana|y"e «es Menschen seit Renaissance und Reformation.
ußT"S Zprz?e4,chiLchte der Philosophie und Religion. Leipzig
Berlin 1914, ß. G. Teubner (XI u. 528 8. gr. 8). 12 Mk.

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scheinen als zweiter Band, weil sie von Dilthey selbst als eine Er-
gänzung und Fortführung der „Einleitung in die Geisteswissen-
schaften", die den ersten t Band bilden soll, gedacht Bind. Der
dritte Band wird dann die Arbeiten Diltheys über Hegel und die
nachkantische Philosophie bringen. Der vierte und fünfte Band
soll den systematischen Untersuchungen gewidmet sein. In
dem vierten Bande sollen unter dem Titel: „Die geistige Welt"
seine verschiedenen „Versuche einer Zergliederung do8 geistigen
Lebens", d. h. die verschiedenen Darstellungen seiner philo-
sophischen Grundanschauungen, wiedergegeben werden. Der
fünfte Band soll die Abhandlung „Der Aufbau der geschicht-
lichen Welt in den Geisteswissenschaften" durch Entwürfe und
Fragmente ans dem Nachlasse ergänzen nnd durch eine „Theorie
des geschichtlichen Werdens" das philosophische System zum
Abschlnss bringen. Der sechste Band endlich scheint als eine
Nachlese zu den verschiedenen philosophischen Disziplinen
(Aesthetik, Metaphysik, Religionsphilosophie) gedacht zu sein.
Ausserdem wird noch ein besonderer Band erscheinen, der als
Parallele zu Diltheys Buch über „Erlebnis nnd Dichtung"
seinen ästhetischen Ideen gewidmet sein nnd nnter dem Titel:
„Die Einbildungskraft des Dichters" ersoheinen soll.

Den Hauptinhalt des zweiten Bandes bilden die berühmten
Untersuchungen über die Entstehung des modernen europäischen
Geisteslebens, die zuerst in den neunziger Jahren im Archiv
für Geschichte der Philosophie veröffentlicht worden sind. Sie
führen in zusammenhängender Reihe die Geschichte des geistigen
Lebens in der Zeit des 15., 16. und 17. Jahrhunderts vor. Die
Einleitung bildet der Aufsatz Uber „Auffassung und Analyse
des Mensehen im 15. und 16. Jahrhundert", in dem nach einer
allgemeinen Charakteristik deB Mittelalters Renaissance und
Reformation in ihren Grundmotiven geschildert werden. Darauf
folgt die sehr umfangreiche Untersuchung über „Das natürliche
System der Geisteswissenschaften im 17. Jahrhundert" und als
Ergänzung und Fortführung „Die Autonomie des Denkens, der
konstruktive Rationalismus nnd der pantheistisehe Monismus
nach ihrem Zusammenhange im 17. Jahrhundert". Für den
Theologen sind in diesen Abhandlungen abgesehen von der
allgemeinen Beurteilung der Religion, des Christentums und der
Reformation besonders wichtig die ins einzelne gehenden Aus-

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