Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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standen habe, während erst im 10. Jahrhundert die caerimonia
traditionis instrumentorum und erst im 12. die Formel Aceipe
spiritum sanctum hinzugekommen sei.

Die Studie ist gründlich und kann zu dogmengeschichtlichen
und liturgischen Untersuchungen herangezogen werden.

Lic. Dr. Stier-Breslau.

Bittlinger, Ernst, Lic. theol. (Pfarrer der St. Georgen gemeinde
zu Berlin), Monistisches Christentum. Gegen die Natur-
philosophie des Professors Ostwald und den Kirchenaustritt.
Leipzig 1914, M. Heinsius Nachf. (96 S. 8). 1.20.
Der Verf. geht mit Ostwald in ein scharfes Gericht. Kein
Unparteiischer wird bezweifeln, dass es gerecht ist. Ostwald
übertrifft ja sowohl an Rücksichtslosigkeit wie an Rückständig-
keit die meisten Führer der Kirchenaustrittsbewegung, wenn
man von den reinen Demagogen, die nichts als Unwissenheit
und Unverfrorenheit aufzubieten haben, absieht. Mit Glück
und Geschick verteidigt der Verf. sowohl die Theologie wie
die Kirche gegen Ostwalds Angriffe, in dem er einerseits die
Mängel seines Wissens und Denkens klar macht, andererseits
die Konsequenzen seiner Anschauung aufzeigt. Wer erkennen
will, wie harmlos Ostwald als philosophischer Theoretiker und
wie gefährlich er als antichristlicher Praktiker ist, wird in dem
Büchlein, das bei aller Entschiedenheit der Ablehnung in vor-
nehmem Ton und mit fast zu grossem Gerechtigkeitsgefühl ge-
schrieben ist, reiche und zuverlässige Belehrung finden. Man
scheidet mit dem verstärkten BewuBStsein, dass Theologie und
Kirche im Kampfe mit dem von Ostwald vertretenen Flügel
des Monismus siegen werden. Leider ist für uns Positive das
Gefühl der Freude über die Schrift und der Gemeinschaft mit
dem Autor nicht ungetrübt. Die Polemik des liberalen Verf.
gegen den alten Glauben ist bisweilen schärfer, als sie nach
der Tendenz seiner Arbeit sein müsste. Freilich kann hier
nicht gezeigt werden, warum uns weder die Definition der
Religion (S. 20) noch die der Kirche (S. 80) irgendwie genügt.
Monistisches Christentum ist doch die Quadratur des Zirkels.
Hätte der Verf. eine Kritik des Grundprinzips Ostwalds vom
energetischen Imperativ gegeben, wie sie etwa Grützmacher
jüngst geboten hat, so wäre er wohl von dieser Basis aus
weitergekommen. Interessant wäre es zu sehen, wie Bittlinger
mit seinen Gedanken den idealistischen Flügel des Monismus,
namentlich E. Horneffer, bezwingt. Diese Schwierigkeit würde
wohl erheblich grösser.

Lic. Lauerer-Grossgründlach (Bayern).

Heyn, Immanuel (Pfarrer an der Kaiser Wilhelm-Gedächtnis-
kirohe, Berlin), Religion und Politik. Gedanken über
Fragen der Gegenwart. Greifswald 1914, L. Bamberg
(143 S. gr. 8). 2. 80.
In diesem Bande sind Feuilletonartikel und Agitationsreden
gesammelt, zu deren eingehenderen Besprechung ein wissen-
schaftliches Literaturblatt nicht der gegebene Ort ist. Einige
Stichproben werden genügen. Nachdem im ganzen des Kaisers
Protestantismus anerkannt ist in „Der Kaiser und die Kirche",
wird eine „Erweichung des protestantischen Prinzipes" darin
gesehen, dass in kaiserlichen Reden Christus als mensehgewordener
Gottessohn vorkommt (S. 141). Für Traub wird in „Warum
bleiben wir Liberalen in der Kirche?" als Argument angewandt:
„Aber — ich habe gesehen, wie Männern und Frauen unter der I

Kraft und Schönheit Traubscher Gedanken die Angen feucht
wurden" (S. 125). Mit einer versunkenen Grösse wie Frenssen
beschäftigt sich der Verf. noch ausführlich (S. 53—83), übt
aber an seinen sexuell-ethischen Anschauungen eine entschiedene
Kritik. Vor einer wesentlich jüdischen Zuhörerschaft erklärt der
christliche Prediger anlässlich des Themas über „die bleibende
Bedeutung der jüdischen Religion": „. ... Ihr sollt Christus
nicht neben den ewigen Vater stellen; denn einer ist Gott, den
alle suchen" (S. 49). — Der erete Aufsatz über „Religion und
Politik" macht einen Ansatz zur prinzipiellen Erfassung dieses
Problems, führt aber an kaum einem Punkte in die Tiefe.
Wenn man zu dem Zugeständnis gelangen will, „dass ein Sozial-
demokrat Christ sein kann" (S. 12), wird man z. B. doch wohl
der materialistischen Geschichtstheorie und Weltanschauung, des
Verhältnisses zwischen einem Zwangssozialismus und dem (mrist-
lichen Individualismus zuvor gedenken müssen.

R. H. Grützmaoher-Erlangen.

Glaue, Lic. P. (a. o. Prof. der Theol. in Jena), Die Fest-
predigt des freien Christentums. 16. Band. Predigten
bei Weihe- und Jahreiifeten. Berlin-Sohöneberg 1914, Prot.
Schriftenvertrieb (98 S. 8). 1. 20.
Predigten bei Orgel- und Glockenweihe, beim Kirchweihge-
däohtnis, bei Turner- und Kriegerfesten und ähnlichen Anlässen
— im ganzen zehn — werden hier dargeboten. Vom „freien
Christentum" spüren wir in acht dieser Predigten kaum etwas.
Sie halten Bich von Polemik fern. Abgesehen von einzelnen
Wendungen gibt sich der theologische Standpunkt der Prediger
nicht zu erkennen. Nur die erste und fünfte Predigt verraten
deutlich die Parteirichtung. Die fünfte ist beim Feste der
Protestantisch-liberalen Vereinigung von Elsass-Lothringen über
Joh. 4, 23 gehalten. Sie will der Gemeinde die Berechtigung
dieses Vereins dartun, erfüllt diesen Zweck aber sehr unvoll-
kommen. Ueber das eigentliche Wesen dieser Protestantisch-
liberalen Vereinigung wird keine Aufklärung gegeben. Man
überzeugt sich darum auch nicht, dass Gott haben will, die ihn
also anbeten.

In Laienhände werden solche aus besonderen Veranlassungen
gehaltene Predigtsammlungen kaum kommen. Für das Studium
der Prediger möchte ich sie nicht als vorbildlich hinstellen. Das
spezifisch Christliche tritt in ihnen zurück. Den meisten Predigten
fehlt die Gedankentiefe. Die Form ist populär.

H. Münchmeyer-Gadenstedt.

Page, Otto (Pfarrassistent zu Offenbach am Main), Evangelische
Jugendpflege. Ein Handbuch für evangelische Gemeinde-
jugendarbeit. Giessen 1913, Töpelmann (IV, 259 S. gr. 8).
4 Mk.

Pages Arbeit ist ein lebendiger Aufruf zur Gemeindejugend-
arbeit. Mit klarem Blick zeichnet er sichere Richtlinien; nicht
nur einzelne hat die Jugendpflege zu sammeln, nicht nur
einzelnen Gefahren muss sie begegnen, sie hat die religiös-
sittliche Erziehung der gesamten heranwachsenden Jugend zu
ihrem Grundsatze zu machen. Diese Aufgabe iässt sich nicht anf
interkonfessionellem Boden leisten; sie ist Sache der Einzel-
gemeinde, nicht nur des Pfarrers, und muss durch direkte
religiöse Beeinflussung gelöst werden, der alle einzelnen Arbeits-
gebiete zu dienen haben. Die Gestaltung dieser Arbeit führt
er im dritten Abschnitte (die beiden ersten behandeln die
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