Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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letztes Wort gesprochen hat. Er bleibt vielfach bei der Kritik,
bei Postulaten und Möglichkeiten stehen. Das gilt vor allem
auch von der neuerdings so lebhaft diskutierten Frage nach
dem „religiösen Apriori". Aber auch das ist überaus charak-
teristisch für die gegenwärtige theologische Lage. Troeltsch
steht ja mit seinen philosophischen Bestrebungen nicht allein da.
Man kann vielmehr sagen, dass, abgesehen etwa von der Schule
Ritsohls, den grundsätzlichen Verfechtern der alten Lehrform
und den strengen Biblizisten, fast alle systematischen Theo-
logen ähnliche Wege einzuschlagen sich bemühen. Es ist
überall das ernste Bemühen zu spüren, den Kontakt mit der
Realität des Lebens sowie mit den Fragen und Methoden der
Gesamtwissenschaft — zumal der Philosophie — wieder her-
zustellen. In dem Masse, als Historizismus, Materialismus und
Positivismus im Rückzüge begriffen sind, wachen die Gedanken
Kants und Fichtes, Hegels und Schellings wieder auf. Die
dogmatischen und religionsphilosophischen Prinzipienfragen werden
von der jungen Generation mit besonderem Eifer behandelt.
Das gilt keineswegs bloss von der theologischen Linken, sondern
es gilt in ähnlicher Weise auch von der Rechten. Auch hier
feiern die spekulativen Probleme und Methoden ihre Auferstehung,
und das „moderne" Element — man nenne es nun so oder
auch anders — wird immer energischer herangezogen, um den
Glauben in seiner Tiefe zu erfassen und ihn als Realität auch
vor dem Denken der Gegenwart zu erweisen. Es ist überall,
rechts und links, ein gewisser apologetischer Zug bei dieser Arbeit
zu bemerken, aber im ganzen sind wir doch jetzt schon über die
kurzsichtige Apologetik hinaus, die es eine Weile über so ansah, als
wenn es mit modernen Ausdrücken und Wendungen hierbei schon
getan sei. Wir erkennen immer mehr, dass es hier ohne schwere
Arbeit und eine bis in das Innerste reichende Umschmelzung
der grossen Erfahrungs- und Geschichtsstoffe des Glaubens nicht
abgehen kann. Wir stehen, wenn nicht alles täuscht, vor neuen
wissenschaftlichen Ansätzen, wie sie ja auch in der Theologie
fast von Generation zu Generation auftauchen. Mögen dann
die einen die Prinzipien als solche zu fixieren versuchen, mögen
die anderen mehr danach trachten, in der Arbeit an Einzel-
problemen die Prinzipien zu suchen oder zu bewähren, im Grunde
ist es die gleiche geistige Bewegung, die alle zur Arbeit treibt
und ihre Richtung bestimmt.

In diesem geschichtlichen Rahmen ist also auch die Arbeit
von Troeltsch zu verstehen und zu beurteilen. Zwischen ihm
und vielen der Mitarbeiter sind natürlich erhebliche Distanzen
vorhanden. Troeltsch selbst betont diese Distanzen gern, zumal
der kirchlichen und theologischen Rechten gegenüber, der er
nicht müde wird, „Supranaturalismus" vorzuwerfen. Das ist in
dieser Allgemeinheit eine ziemlich undeutliche Rede. Der
Transzendentalismus Troeitschs soll doch auch nicht zum Natura-
lismus führen, und den alten naiven Supranaturalismus vertreten
andererseits auf der Rechten doch auch heute nur wenige. Ich
kann nicht sagen, dass dieser Gegensatz von Troeltsch klar heraus-
gearbeitet worden ist, soviel Gewicht er auch auf ihn legt.
Die „Distanzen" sind ja überhaupt charakteristisch für die
Theologie von heute. Manche gehen die alten Pfade, andere
ihre eigenen Wege, „Schulen" gibt es kaum. Das hat
seine Nachteile, aber es hat auch Vorteile, denn in den
Schulen heften sich leicht gewisse äusserliche Interessen und
Elemente dem Ringen um die Wahrheit an, sie verkürzen dies
Ringen wohl, aber in demselben Masse pflegt auch die Wahr-
heit verkürzt zu werden. Aber angesichts dieser Lage übersieht
man dann wohl leicht über der komplizierten Differenzierung,

die ich keineswegs verkenne, dass es doch auch wieder ein
„Ganzes" der theologischen Bestrebungen und Bemühungen gibt,
und dass dies Ganze trotz aller Schwankungen von einer all-
gemeinen wissenschaftlichen Richtung bestimmt wird. Diese Ge-
danken werden jedem kommen, der mit Bewusstsein den grossen
wissenschaftlichen Umschwung, den die Wissenschaft zurzeit
durchlebt, überschaut. Sie sind mir auch über dem Lesen dieser
gesammelten Aufsätze von Troeltsch gekommen, und ich wollte
das einmal aussprechen. Im einzelnen weiche ich von seinen
Anschauungen vielfach stark ab, aber ich verstehe das wissen-
schaftliche Ziel seiner Arbeit, wie ich früher schon gesagt habe,
auch dort, wo ich seine Mittel für ungenügend und die Methode
für unzureichend halte. Dass diese Studien Troeitschs der Ueber-
legung weiterer theologischer Kreise wert sind, habe ich da-
durch klarzustellen versucht, dass ich daran erinnerte, dass sie
Problemen gewidmet sind, die nicht wenigen der wissenschaft-
lich arheitenden Theologen heute nahe liegen.

R. Seeberg-Berlin.

Schumacher, Heinrich (Dozent in Washington D.), Christus
in seiner Präexistenz und Kenose nach Phil. 2, 5—8.
I. Teil: Historische Untersuchung. Rom 1914, Verlag des
päpstl. Bibelinstituts. (XXXII u. 232 Sp. 8). 4,60 Lire.

Vorliegende historische Untersuchung bietet eine Geschichte
der Exegese von Phil. 2, 5—8. Besonders wertvoll ist die Ge-
schichte der Auslegung des Wortes apnarud« in der alten
Kirche, weil der Verf. hier nachweist, dass die bisherige An-
sicht, wonach die Griechen und Römer in der Erklärung dieses
Ausdruckes auseinandergehen, unhaltbar ist. Denn mit geringen
Ausnahmen (des Origen. Novat. Theodor v. Mops., Pseudoathanas.)
nehmen Griechen und Lateiner das Wort im Sinne von „Un-
recht", „Anmassung", so dass Paulus die Rechtmässigkeit und
Naturgemässheit der Christo zukommenden Gottgleichheit damit
ausdrückt, die zu haben er nicht für ein Unrecht zu halten
brauchte. In der weiteren Entwickelung zeigt dann besonders
Luther eine wichtige Wendung in der Erklärung der Philipper-
stelle, während die neueste Zeit die grösste Verwirrung in der
Auffassung derselben aufweist.

Schon die neuesten Auffassungen von apna-fun« werden
mehr systematisch dargestellt. Ebenso gruppiert der Verf. in
einem zweiten Abschnitt seines Buches die Auffassungen der
Neueren in der Erklärung der übrigen Ausdrücke und Aussagen
(wie p-op<pr|, ixevtuaev, dpoitoua, oxfju.a usw.) in Phil. 2, 5—8,
nachdem er auch hier die Kirchenväter und älteren Exegeten
chronologisch behandelte. Alle diese Ausführungen zeichnen sich
durch die vollständige Beherrschung und Berücksichtigung der
sämtlichen bis in die neueste Zeit reichenden einschlägigen
römisch-katholischen wie protestantischen Literatur aus. Das
Buch ist eine vom römischen Bibelinstitut preisgekrönte Schrift.

Georg Daxer.

van Rossum, Card., De essentia saoramenti ordinis.
Freiburg i. B. 1914, Herder (200 S. gr. 8). 2 Mk.
Wir empfangen hier eine Studie über das katholische
Ordinationssakrament. Der Verf. begründet es zunächst in
seiner Weise auf die Heilige Schrift, auf die Väter, die Kon-
zilien und Ritualien der katholischen Kirche. Er sucht nach-
zuweisen, dass der essentiale Ritus der Ordination in der ältesten
Kirche bloss in der von Gebet begleiteten Handauflegung be-
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