Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

519

520

Kennern geschrieben sind: möchten sie Leute wie Arthur Bonus
zur Nachprüfung ihrer Verwerfungsurteile über die protestantische
Kunst veranlassen! Darum bietet jeder Aufsatz viel Wissens-
wertes und oft Neues, eine Fülle von Anregungen und Stoff
für Predigt und Bibelstnnden, für Vorträge und die Jugend-
unterweisung. Vor allem ist das Buch eine wahre Rüstkammer
voll apologetischer Waffen gegenüber den Beschuldigungen der
Untätigkeit und Leistungsunfähigkeit, die bei der Austritts-
bewegung oft gegen die evangelische Kirche erhoben worden
sind. Denn wenn auch viele an dem Buche mitgearbeitet
haben, so Bind sie doch alle eins in einer grossen Zuversicht
zu den Siegeskräften, die in die Kirche hineingelegt worden
sind. Im Geleitswort bezeichnet es der Herausgeber geradezu
als den Zweck des Buches, „unseren bekümmerten und um die
Not der Kirche besorgten Brüdern und Schwestern ein lautes
„Seid getrost!" zuzurufen." Mögen viele Lust bekommen, an
der Herrlichkeit unserer Kirche mitzuarbeiten!

Scherffig-Leipzig.

Scheurlen, Paul (Pfarrer in Tailfingen), Die Sekten der
Gegenwart. Stuttgart 1912, Verl. d. Evasg. Gesellschaft
(191 S. gr. 8). Geb. 3. 50.

Der Verf. bringt in diesem fast 12 Druckbogen umfassenden
Buche in gemeinverständlicher Darstellung eine Uebersioht über
die verbreitetsten Sekten der Gegenwart, wobei er in einem
ersten Abschnitt uns mit den Sonderbildungen englisch amerika-
nischer Herkunft bekannt macht, um dann in einem zweiten
die Bildungen deutschen Ursprungs und in einem letzten Teil
religiöse Gemeinschaften mit geringem christlichen Einschlag zu
besprechen. Die Darstellung vermeidet in der richtigen Er-
wägung, dass sie die schlechteste Taktik sei, die man Sekten
gegenüber in Anwendung bringen könne, alle Polemik, gibt
aber nach jeder Erörterung der Geschichte und Ausbreitung
sowie der Lehre und der Kultur einer Sekte eine in ruhigem
Ton gehaltene und von wohltuender Weitherzigkeit zeugende
Beurteilung, die vielleicht auch innerhalb der bekämpften Kreise
nicht ungern gelesen werden wird.

Dem Buch ist ein kurzes Eiuführungskapitel beigegeben,
das den Begriff „Sekte" erörtert. Der Anhang enthält eine
gute Uebersicht über die Literatur. Die Annahme des Verf.s,
dass sein Buch den Amtsbrüdern für Schule und Seehorge
sowie kirchlich und religiös interessierten Laien erwünschte
Handreichung sein werde, ist vollkommen berechtigt.

D. August Hardeland-Uslar.

Troeltsoh, Ernst (Dr. theol. phil. iur.), Zur religiösen
Lage, Religionsphilosophie und Ethik. (Gesammelte
Schriften, Bd. II.) Tübingen 1913, Mohr (XI, 866 S. gr. 8).
20 Mk.

Bald nachdem ich über Troeltschs „Soziallehren" eingehend
in dieser Zeitung referiert hatte, sandte mir die Redaktion den
vorliegenden zweiten Band der „Gesammelten Schriften" zu.
In diesem Bande sind 25 teils kürzere, teils recht ausführliche
Studien und Essays, die in sehr verschiedenen Zeitschriften und
Sammelwerken erschienen waren, vereinigt. Am interessantesten
und für den Standpunkt des Verf.B charakteristischsten dürften
etwa sein die Aufsätze über „die Grundprobleme der Ethik",
über „moderne Geschichtsphilosophie", über „historische und
dogmatische Methode in der Theologie", über „die Dogmatik

der religionsgeschichtlichen Schule", über „das Wesen der Religion
und der Religionswissenschaft", über „das religiöse Apriori". Es
sind wesentlich Prinzipienfragen, wie diese Uebersicht zeigt, die
in dem vorliegenden Bande behandelt werden. Auf eine ein-
gehende Diskussion mit dem Verf. kann ich mich hier nicht
wohl einlassen, denn ich müsste Bogen füllen, um positiv wie
negativ meine Stellung zu den Aufstellungen Troeltschs dar-
zulegen und zu begründen. Nur Boviel möchte ich diesmal
sagen, dass die vorliegenden Studien eine ziemlich eingehende
Uebersicht über Troeltschs religionsphilosophische Ansätze und
Ansichten gewähren. Troeltsch ist ein genuiner Repräsentant
der systematischen Gedankenbildung in der auf den Ritschlia-
nismus folgenden Generation. Die historistische und positivistische
Methode im Verständnis des Christentums wird abgelehnt. Starke
metaphysische und geschichtsphilosophische Interessen treten an
die Stelle. Dem Bestreben, die Theologie gegen die Philosophie
abzuschliessen, sie auf Offenbarung und Kirchenlehre zu be-
schränken, wie es sich im Gegensatz zu dem Hegelianismus
seinerzeit ausgebildet hatte, tritt jetzt entgegen der bewusste
Versuch, die eingetretene Isolierung der Theologie aufzuheben
und sie möglichst allseitig mit dem Welterkennen in Beziehung
zu setzen. Mit regem Geist und grosser Belesenheit hat es
Troeltsch verstanden, die Erscheinungen aus der Philosophie der
Gegenwart herauszusuchen, die fruchtbare Gesichtspunkte zur
Belebung der theologischen Fragstellung darbieten. Ein gewiseer
philosophischer Eklektizismus ergibt sich dabei. Troeltsch geht
aus von dem kantischen Transzendentalismus, den er in der
Weise Windelbands und Rickerts deutet. In der Anwendung
der Heidelberger Form des Transzendentalismus mit dem eigen-
tümlichen normativen Apriori auf die religionsphilosophiBohen
Probleme besteht das eigentlich Charakteristische in der Geistes-
arbeit Troeltschs. Es kommt ihm vor allem darauf an, jede
Form des alten Supranaturalismus abzulehnen. Demgemäss läset
er das religiöse Leben sieh in immanent psychologischen Vor-
gängen abspielen. Das Wunderbare wird in jeder Gestalt be-
seitigt und die Form der gesetzmässigen und zusammenhängenden
EntwickeluDg auch für die Offenbarungsreligion gefordert. Aber
dies soll keineswegs zu pantheistischen Konsequenzen führen.
Vielmehr hält Troeltsch mit Kant am Theismus fest und ist be-
ständig bemüht, über den kantischen Rationalismus hinaus-
zukommen. Windelband und Rickert, Eucken und James sowie
viele andere werden herangezogen, um zu einer lebhafteren und
tieferen Erfassung der Religion vorzudringen, als sie der kantische
Moralismus und Rationalismus ermöglicht haben. Auf der anderen
Seite ist Troeltsch aber auch mit grossem Interesse an die Ein-
ordnung der sozialethischen Probleme in die Ethik herangetreten.
Er tadelt es an Herrmanns Ethik, der er im übrigen sich weitgehend
anschlieBst, dass sie den sittlichen Charakter der innerweltlichen
Sozialzwecke verkenne, und er wirft der gesamten theologischen
Ethik ein unpraktisches, weltfremdes Wesen vor, sobald sie sich
sozialethischen Fragen nähert. Auch hier liegt das lebhafte Be-
mühen vor, den Kontakt mit der Realität des modernen Lebens
nicht zu verlieren.

Dies ist der hervorstechende Zug in den systematischen Be-
mühungen von Troeltsch. Es soll die Religion der Bildung
wieder verständlich gemacht werden, und es soll die Theologie
nicht in einem der Nebengebäude auf dem Gutshof der Wissen-
schaft untergebracht werden, sondern in dem Hauptgebäude
selbst, in einem Raum, der in dem Grundriss des Gebäudes
seine notwendige Stelle innehat. Im übrigen hat man den Ein-
druck, dass Troeltsch in allen diesen Fragen noch nicht sein
loading ...