Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Götz, Dr. Johann Bapt. (Stadtpfarror und kgl. Distriktsschul-
inspektor in Freystadt [Bayern]), Die religiöse Bewegung
in der Oberpfalz von 1520 bis 1560. Auf Grund
archivalisoher Forschungen. (Erläuterungen u. Ergänzungen
zu Janssens Geschichte des deutschen Volkes, heraus-
gegeben von Ludwig von Pastor, X. Band, 1. u. 2. Heft.)
Freiburg i. Br. 1914, Herder (XVI, 208 S. gr. 8). 6 Mk.
lieber die Einführung der Reformation in der Oberpfalz
sind schon mehrere Schriften geschrieben worden. Sie lassen
aber die archivalischen Quellen unbeachtet oder benutzen sie
nur oberflächlich oder sind aufdringlich tendenziös gehalten.
Vorliegende Arbeit beruht auf eingehender und sorgsamer
Durcharbeitung eines umfänglichen Aktenmaterials. Der Verf.
hat natürlich seinen katholischen Standpunkt voll und ganz ge-
wahrt, hat aber der Reformation gegenüber nach Objektivität
gestrebt. Die traurigen religiösen und sittlichen Verhältnisse an
der Wende des 15. und 16. Jahrhunderts z. B. hat er ausführ-
lich zur Darstellung gebracht. Immer ist es ihm nicht gelungen,
kritisch genug zu Werke zu gehen, ganz besonders nicht bei
Schilderung der Anfänge der reformatorischen Bewegung in den
Städten und auf den Dörfern. Etwas ausführlicher müsste in
diesem Zusammenhang auch auf die „Schlussbetrachtung" ein-
gegangen werden. In derselben zeichnet er auf Grund eines von
Ketzmann und Rauscher stammenden Berichts aus dem Anfang
von 1559 und eines Gutachtens des ersteren aus dem Ende
desselben Jahres, welch beide Schriftstücke er unbesehen als
zuverlässig hinnimmt, die religiösen und sittlichen Zustände der
Oberpfalz um 1559 in sehr dunkeln Farben, ja vergleicht sie
mit denen vom Ende des 15. Jahrhunderts und kommt zum
Ergebnis, dass zwar aus leicht erklärlichen Gründen der Kon-
kubinat aufgehört habe, dass aber Unwissenheit der Kirchen-
diener, Bedrückung derselben, Armut der Pfründen, Unredlich-
keit der Kirchenpfleger, sittliche Verwilderung des Volkes ge-
blieben seien, neu hinzugekommen sei die zweckwidrige Ver-
wendung des Kirchengutes. Dabei weiss er wohl, spricht es
sogar aus, dass in den zwei oder drei Jahren, die seit der
offiziellen Einführung der Reformation durch Ottheinrich ver-
strichen waren, unmöglich mit all den alteingewurzelten Miss-
ständen aufgeräumt werden konnte. Wenn er nun das alles
weiss, sogar ausspricht, warum bringt er dann eine derartige
„Sohlussbetrachtung", warum stellt er dann einen solchen Ver-
gleich an? Prof. Dr. L. Theobald-Nürnberg.

Laurentius, Josephus, S.J., Institutiones Juris Eoclesiastici.
Ed. III. emendata et aucta. Friburgi Brisgoviae 1914,
B. Herder (XVI, 762 S. gr. 8). 12 Mk.
Das nunmehr in dritter, abermals vermehrter Auflage vor-
liegende Lehrbuch des katholischen Kirchenrechts zeigt den
Verf., einen in dem holländischen Jesuitenkolleg Valkenburg
lebenden Jesuiten, als denselben Hüter der mittelalterlichen
Tradition, als den er sich schon beim ersten Erscheinen des
Buches im Jahre 1903 und in der zweiten Auflage 1908 er-
wiesen hatte. Nur dass ja inzwischen die reichlich fliessende
päpstliche Gesetzgebung wieder grosse Materien des alten
Dekretalenrechts beseitigt hat, die in der vorliegenden Auflage
durch die entsprechenden Bestimmungen des neuen Rechts er-
setzt worden sind. Im übrigen bleibt es dabei, dass ausschliess-
lich Gewicht auf das System gelegt wird, und dass dieses
System zwar nicht im direkten Anschluss an die alte Dekretalen-
ordnung, aber doch völlig in den alten mittelalterlichen Kategorien

aufgebaut ist. So wenn — um nur ein Beispiel zu nennen —
innerhalb des Kirohenrechts die Normen in privat- und öffentlich-
rechtliche geteilt werden (S. 2); so die alte Verwechslung von
subjektiv-öffentlichem Recht und Privatrecht.

Von den acht Büchern des Lehrbuchs mag das zweite:
Ecclesiae constitutio und wohl auch das fünfte: De administratione
magisterii et ministerii ecolesiastici infolge grosser Ausführlich-
keit den praktischen katholischen Klerikern, denen ja das Werk
vornehmlich dienen soll, mehr als sonstige Lehrbücher gleichen
Stils bieten, auch der Kirchenrechtswissenschaft werden solche
genaue Einzelheiten erwünscht sein. Im übrigen ist der wissen-
schaftliche Wert dieses und ähnlicher Lehrbücher, wie sie der
Klerus aller Länder in beträchtlicher Zahl liefert, recht gering.
Was namentlich immer wieder tief zu beklagen ist, das ist die
Tatsache, dass von der modernen aufblühenden Wissenschaft der
kirchlichen Reehtsgeschiohte so gut wie keine Notiz genommen wird.
Der für die Kirchenrechtswissensohaft so bedeutsame erste Versuch
einer umfassenden kirchlichen Rechtsgeschichte, wie ihn Ulrich
Stutz in der v. Holtzendorf-KohlerBohen Rechtsenzyklopädie ge-
macht hat, wird von dem Lehrbuch nicht einmal dem Titel nach er-
wähnt. Die knappen „historischen" Einleitungen zu den einzelnen
Abschnitten geben, obwohl dabei manche moderne, auch pro-
testantische Forscher genannt werden, meist ein längst antiquiertes
Bild, und die Literaturangaben sind wieder viel zu unvoll-
ständig, als dass an ihrer Hand ein selbständiges Eindringen in
die Materie möglich wäre. Von der gesamten Materie über das
Eigenkirohenreoht wird beispielsweise nur das allerdings grund-
legende Buch von Stutz über die Geschichte des kirchlichen
Benefizialwesens angeführt. Unter diesen Umständen wäre es
fast wünschenswert, wenn die historischen Zwischenbemerkungen
ganz weggelassen würden und das Buch als reines System des
katholischen Kirchenrechts aufträte — freilich auch dann noch
ein System, das dem Geist der Scholastik, nicht dem der
modernen Kirchenrechtswissensohaft entspricht.

Erwin Jacobi-Leipzig.

Hennig, D. Martin, TJnsrer Kirche Herrlichkeit. Tat-
beweise des Lebens unserer evangelischen Kirche. Hamburg
1913, Rauhes Haus (368 S. gr. 8). 3. 50.
1905 liess Martin Hennig sein Buch ausgehen „Taten Jesu
in unsern Tagen", Bilder aus der äusseren und inneren Mission,
auch Tatbeweise für das Leben der evangelischen Kirche. Jetzt
hat er sozusagen einen zweiten Teil hinzugefügt. Das ganze
Leben der Kirche in allen ihren Betätigungen wird uns in
17 Aufsätzen vorgeführt: Bibel und Katechismus, Pfarramt und
Pfarrhaus, männliche und weibliche Diakonie, freiwillige Hilfs-
kräfte, kirchliche Feste und Predigt, das geistliche Lied und
die geistliche Musik, kirchliche Malerei und kirchliche Architektur,
Heidenmission, Liebestätigkeit und Diasporapflege, evangelische
Helden und evangelische Märtyrer. Kaum ist eine Lücke in
diesem reichen Kranze zu merken. Vielleicht hätte die kirch-
liche Jugendpflege einen eigenen Aufsatz verdient — sie ist
bei der Liebestätigkeit mit erwähnt. Vielleicht kann bei einer
zweiten Auflage die apologetische Arbeit, deren bei der Predigt
gedacht wird, etwas ausführlicher geschildert werden. Die
einzelnen Aufsätze sind von namhaften Vertretern der be-
treffenden Arbeiten verfasst. Wir begegnen Bunke und Pfenniga-
dorf, Ohly und Oehlkers und vor allem dem Herausgeber selbst.
Man merkt es rasch, dass die Abhandlungen über das geistliche
Lied, die geistliche Musik, die kirchliche Kunst von speziellen
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