Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Dahse, Johannes (Pfarrer in Freirachdorf [Westerwald]), Die
gegenwärtige Krisis in der alttestamentliohen Kritik.
Ein Bericht. Giessen 1914, Alfred Töpelmann (30 S. gr. 8).
40 Pf.

Dahse erörtert hier in grossen Zögen die Bedenken gegen
die übliche Pentateuchtheorie, die er ausführlich in seinen „Text-
kritischen Materialien" dargelegt hat: Jahre und Elohim, ebenso
Jakob und Israel dürfen aus textkritischen Gründen nicht als
Quellenmerkmale gelten; P ist vielfach nur als „liturgisches
Beiwerk" anzusprechen. Der Hinweis, dass der Literarkritik
überhaupt der textkritische Unterbau fehle (S. 19 ff.), streift das
Gebiet, von dem aus besonders Wiener gegen die Pentateuoh-
kritik kämpft. — Dieser nur zusammenfassende „Bericht" kann
nicht Anlass zu erneuter ausführlicher Besprechung geben. Eins
jedoch muss als wichtig für die weitere wissenschaftliche Dis-
kussion hervorgehoben werden: dass nämlich nach Dahse „die
neueren Theorien" über die Gottesnamen und über den Namen
des dritten Patriarchen „weiterer Nachprüfung bedürfen" (S. 17).
So sehr Dahse mit Recht betont, dass ihm von vielen Seiten
Zustimmung zuteil wird, so wenig gilt diese Zustimmung — ab-
gesehen vielleicht von seiner P-Theorie — seinen bisherigen posi-
tiven Aufstellungen. Friedr. Baumgärtel.

Walther, Prof. D. W. (Rostock), Das Iohbewusstsein Jesu
gegenüber dem Menschengeschlecht. Ein Beitrag
zur Christologie. Leipzig 1914, Dörffling & Franke (37 S. 8).
60 Pf.

Walther will Klarheit über die Frage schaffen, ob Jesus sich
auf die Seite Gottes oder der Menschen gestellt hat. Die Ant-
wort soll nicht vom Boden irgend eines Dogmas, sondern durch
einfache Anfrage bei den neutestamentlichen Evangelien gegeben
werden, und zwar wird bei ihnen eine besondere Aufmerksam-
keit auf die Tonart, die Jesus angeschlagen hat, gerichtet.
Vornehmlich die Worte, in denen Jesus sein Ich den anderen
Menschen gegenüberstellt, werden herangezogen und in ihrem
ganzen Gewicht gewertet. Dass Jesus sich in einzigartigem Masse
von allen übrigen Menschen unterscheidet und zugleich so er-
schütternde Forderungen an sie stellt, erklärt sich daraus, dass
er der „Reine, der Retter und der Richter ist" (3. 35). —
Gerade im Hinblick auf die modernen Kontroversen, die sich
an Formeln wie Gottessohn, Menschensohn, Messias angeschlossen
haben, ist der Ausgangspunkt der Waltherschen Beweisführung
ein sehr geschickter und glücklicher und die Beweisführung
durchschlagend für jeden, der historische Zeugnisse in ihrem
Wortsinne noch zu verstehen vermag. Das Wort an den reichen
Jüngling (Mark. 10, 18) scheint mir nach Thiemes überzeugenden
Ausführungen (Die christliche Demut I, 1906, S. 104 ff.) aus
christologischen Erörterungen ganz ausscheiden zu müssen.

R. H. Grützmacher-Erlangen.

Gottsohick f, Johannes, Luthers Theologie. Herausgeg.
von W. Gottsohick. (1. Ergänzungsheft zur Zeitschrift für
Theologie u. Kirche.) Tübingen 1914, Mohr (Siebeck) (IV,
92 S. 8). 3 Mk.
Dieser Abriss ist die Wiedergabe der letzten Vorlesungs-
handschrift Gottschicks (f 1907) vom Jahre 1906 durch den
Sohn des Verewigten, verglichen mit Niederschriften von Hörern
aus früheren Jahren und, wo nötig, durch sie erweitert und
ergänzt, natürlich ohne Veränderung der Gedanken des Verf.s.

Gottschick gibt zunächst eine Uebersicht über Luthers An-
schauung vom Ganzen des Christentums, dann wird sein Glaubens-
begriff und dessen Quelle in der Offenbarung dargestellt; es
folgen Luthers Lehren von der Seligkeit, von Gott, vom Lebens-
ideal, von der Sünde, sodann die Schilderung der Erlösung als
subjektiven Vorganges, die Erweckung der Busse durch das
Gesetz und des erlösenden Glaubens durch das Evangelium,
d. h. Luthers Verständnis des Heilswertes Christi.

Wenn auch mit dieser Einteilung das alte Petrus Lombardus-
schema, an das sich noch Köstlin ziemlich eng ansohliesst, im
wesentlichen aufgehoben ist, so ist doch auf der auderen Seite
auch diese Einteilung schwerlich aus dem Gegenstande selbst
herausgewachsen. Was nötigt, in einer „Theologie Luthers"
ein Kapitel mit „Seligkeit" zusammenzufassen? Wozu die starke
Betonung der Erlösung als eines subjektiven Vorganges (7 Seiten)?
Wo bleibt andererseits die ganze Entwickelung desLuthersohen
Denkens? Ihre geschichtlichen Voraussetzungen? Ihre Zusammen-
hänge? Ein noch veränderteres Lutherbild aber findet man,
wenn man die Einzelheiten liest. Es ist — bei Gottschick —
natürlich die Theologie Ritsohls, die im Hintergrund steht und
die Drähte zieht, nach denen sich Luther bewegt. Macht er
dennoch einmal einen anderen Sprung, wird er getadelt, dass
er so widerspruchsvoll sei und so unkonsequent am Mittelalter
hängen bleibe. Ein paar Beispiele zur Kennzeichnung: Glaubens-
urteile sind Werturteile (S. 19), die Heilserkenntnis darf nur
von der Menschheit Jesu Christi ausgehen und hat sieh streng
vor aller metaphysischen Spekulation zu hüten (S. 36). Selig-
keit oder Reich Gottes ist Gottvertrauen und Nächstenliebe
(S. 33). Der Zorn Gottes ist nichts Objektives, sondern nur
eine menschliche Vorstellung; in Wirklichkeit gibt es nur einen
Liebeszorn (S. 39 ff.). Erlösung ist Umwandlung des mensch-
lichen Misstrauens gegen Gott in Vertrauen. Der Heilswert
Christi besteht in der Umstimmung des Menschen (S. 68 ff.
79 ff.). Sorgfältig wird Luther gegen Mystik und Orthodoxie
abgegrenzt (S. 25. 31. 82 ff. usw.). Man sieht, das sind alles
bekannte Ritschlianismen. — Damit soll natürlich nicht gesagt
werden, dass nun alles ins Schiefe gezogen sei, Ritsehl hat ja
in der Tat verschiedene wichtige Züge in Luthers Theologie
neu unterstrichen, die es verdienen, wie die genannten zum
Teil zeigen, und Gottschick bringt dazu noch manche feine
Bemerkung.

Aber man hat doch immer den Eindruck: hier redet ein
Dogmatiker mit einem festen System, das er mit Lutherschen
Gedanken belegen möchte. Und überdies: mit einem veralteten
System. Wie hat sich doch seit den Tagen, da die Ritsohlsche
Schule ihren Höhepunkt erreicht hatte, die Sachlage verändert.
Wie ganz anders sind die heutigen Fragestellungen! Wie be-
müht man sieh jetzt um die Erkenntnis der Voraussetzungen
des Werkes Luthers, um das Verständnis der seiner Theologie
zugrunde liegenden Frömmigkeit, um seine Einreihung in
das Ganze der Kirchengeschichte. Alles dies fehlt hier. Darum
kommt das Buch zu spät. Es ist nicht mehr modern. Es
wird weniger den Lutherforscher interessieren als vielmehr den
Historiker der neueren Theologie.

Das Büchlein selbst ist reizlos geschrieben; es wirkt wie
ein zusammenfassendes Diktat. Natürlich wird der Verf. im
Vortrage manche Farben beigemischt haben, um seinen Zu-
hörern genug zu tun. Diesen wird nun die Veröffentlichung
eine besonders liebe Gabe der Erinnerung sein.

Hans Preuss-Leipzig.
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