Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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und soll. Diesen Standpunkt zu der ganzen Frage muss man
doch auch bei dem Gesetzgeber voraussetzen. Unter diesem
Gesichtspunkt aufgefasst, ist aber das vom Gesetzgeber ge-
schaffene geltende Recht hier und da vielleicht doch etwas
andeis auszulegen, als der Verf. es auslegt.

Zweifelhaft durfte sein, ob es nach sächsischem Recht
richtig ist, wie der Verf. tut, „zugelassene" und „bestätigte"
Reiigionsgesellschaften so zu unterscheiden, dass unter jenen die
anglikanischen, die griechisch-katholischen und die jüdischen
Religionsgemeinden, unter diesen die blossen Dissidentenvereine
verstanden werden. Unseres Erachtens decken sich die Begriffe
der (nur) zugelassenen und der bestätigten Reiigionsgesellschaften;
die anglikanischen, die griechisch-katholischen und die jüdischen
Religionsgemeinden aber sind mehr. Lotichius-Dresden.

Blachny, Fritz (Pastor in Bernburg), 7 Briefe an die deutsche
Jugend. Leipzig 1914, Friedrich Engelmann (130 S.
gr. 8). 1 Mk.

Diese Briefe sind wesentlich apologetischen Inhalts. Sie
wollen in den schweren Weltanschauungsnöten unserer Tage
der Jugend die rechten Waffen in die Hand geben. Aus dem
reichen Inhalt kann nur das Wesentlichste herausgegriffen
werden: Das Wort von der religiösen Schonzeit dor Jugend
hat keine Berechtigung. Der Glaube an Gott ist vielmehr,
zumal in der Jugendzeit, das Unentbehrlichste. Ist die Religion
das Allerpersönlichste, so erwächst die Notwendigkeit, sich über
die Fragen der Religion Klarheit zu verschaffen. Das ist die
grosse Not unserer Zeit, dass so viele junge Leute ihren Glauben
durch die Ergebnisse der Wissenschaft bedroht sehen. Bleibt
da nichts anderes übrig, als ein sacrificium intellectus zu
bringen? Auf katholischem Boden gibt es keine andere Rettung.
Uns ist geholfen, wenn wir den evangelischen Glaubensbegriff
festhalten. In den letzten Briefen wird die Einzigartigkeit der
Heiligen Schrift, ihr Wert für das Glaubensleben und das Lebens-
werk Jesu besprochen.

Nach religiöser Klarheit ringende junge Männer werden für
das Buch von Herzen dankbar sein. Hier finden sie Ver-
ständnis für ihre Nöte und Kämpfe und lernen, dass auch die
heutige Wissenschaft kein Hindernis für den Glauben ist. —
So sehr ich diesen trefflichen Briefen weite Verbreitung wünsche,
so kann ich sie doch nicht, wie vielfach geschieht, ohne Ein-
schränkung als Konfirmationsgeschenk empfehlen. Sie setzen
grössere Reife voraus, als ein Durchschnittskonfirmand besitzt.
Einige Jahre nach der Konfirmation wird das Buch der männ-
lichen Jugeud wertvolle Dienste leisten können.

H. Münchmeyer-Gadenstedt.

Burggraf, Julius (weil. Pastor prim. zn St. Ansgar in Bremen),
Goethepredigten, bearb. u. herausgeg. von Kari Rösener
(P. z. St. Andreas in Erfurt). Mit der Selbstbiographie u.
dem Bilde Burggrafs. Giessen 1913, Alfr. Töpelmann (VIII,
364 S. gr. 8). 4 Mk.
Es ist peinlich, über dieses Buch zu berichten, weil sein
Verf. nicht mehr unter den Lebenden weilt. Ein Freund Burg-
grafs hat die letzten sechs Predigten, die in Nachschriften vor-
lagen, druckfertig gemacht, mit den 14 fertigen vereinigt und
zum 60. Geburtstag des Verstorbenen (31. August 1913) der
Oeffentiichkeit geschenkt. Das Ganze gibt sich, besonders wenn
man es unter dem Eindruck der vorgehefteten, 30 Seiten um-

fassenden „Rechtfertigung der Dichterpredigt" liest, ais ein
persönliches Bekenntnis, aus persönlichem Glauben und Leben
heraus. Deshalb kann es peinlich berühren, wenn die Kritik
es in die Hand nimmt. Und doch ist es gerade eine Pflicht
der Pietät gegen den Verf., dass seine Diohterpredigten — er
hatte schon Schiller- und Carolathpredigten und eine Menge
einzelner Predigten über bedeutsame literarische Erscheinungen
ausgehen lassen (S. 25—27) — beaohtet und gewertet werden.
Denn er selbst sah die Dichterpredigt nicht als seine persön-
liche Liebhaberei an, sondern als eine Aufgabe der heutigen
Kirche, als eine neue und notwendige Form der Heilsver-
kündigung. Nicht darin besteht das Neue, dass jemand Vor-
träge über das Christliche in Goethe oder Schiller hält — er
könnte aus Burggrafs Buch mit seiner ausgebreiteten Kenntnis
und seinem feinen Verständnis der Goetheschen Schriften eine
Fülle von Anregungen empfangen. Selbst die Forderung, dass
das kirchliche Christentum sich am dichterischen Idealismus be-
reichern, ja sogar gründlich umbilden solle, hätte, wenn „bei
der Berührung der beiden Mächte der Geist d«s Evangeliums
die entscheidende Autorität bleibt" (S. 29), noch niohts wesent-
lich Umgestaltendes. Aber für Burggraf ist „in den deutschen
Dichtern Christus wieder da" (S. 327), so, wie er auch in Paulus,
in Franz von Assisi, in Luther wiederkam. Darum gilt es, aus
ihnen heraus die Heilsgedanken Gottes zu lesen, mögen sie mit
der Bibel zusammenklingen, mögen sie über sie hinausgehen.
Aus den Dichtern redet der „deutsche Christus". Dabei übt
aber Burggraf auch Kritik an Goethe. So ist ihm die Erlösung
Fausts von seiner Schuld durch den ElfengeBang ungenügend
und unwahr (S. 303) — in Iphigeniens unbeugsamer Wahr-
haftigkeit sieht er die wirklich erlösende Kraft. Schon dieses
Beispiel zeigt, wie unsicher der Grund ist, auf dem wir stehen.
Schliesslich kommt es auf den Ausleger an, welche von den
nicht einheitlichen Goetheschen Anschauungen wir als göttliche
Wahrheit annehmen. Aber man braucht gar nicht bis in solche
Einzelfragen hinunterzusteigen — diese ganze Betrachtung der
Dichter ist nur möglich auf dem Standpunkt eines an Kalthoff
und Arthur Drews orientierten Liberalismus, für den die Heils-
geschichte hinter der Heilsidee zurücktritt. So dankbar und
bewundernd ich auch viel vom logos spermaticos bei Goethe
anerkenne, so kann ich dem Verf. dooh auf jenen Standpunkt
nicht folgen. Ich glaube nicht, dass er eine Form der Ver-
kündigung gefunden hat, die die biblische Predigt ersetzen
kann. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass er in Goethe zu
viele christhebe Gedanken hineingelegt und im Christentum
wertvolle und grosse Eigenstücke preisgegeben hat.

Scherffig-Leipzig.

Kurze Anzeigen.

Bell, Fr. (Pastor in Osnabrück), Laienwünsche an die evangelische
Kirche, gesammelt und erläutert. Hannover 1914, Hahn (54 8.
gr.8).

Der Verf. hat in Tagesblättorn einen Aufruf an die Laien gerichtet,
sie möchten in aller Offenheit ihm mitteilen, was nach ihrer Ansicht
die Kirchenflucht unserer Tage herbeiführe oder begünstige. Eine
gTOBse Menge von Zuschriften war die Folge, namentlich aus Hannover.
Er hat eich dann der Arbeit unterzogen, das Berechtigte aus vielem
Haltlosen auszulesen und in der vorliegenden Broschüre zusammenzu-
stellen. In vier Gruppen ist der Stoff gegliedert. Die Andachtenätten
behandelt die erste: schöne Kirchen, warme Kirchen, vermietete Kirchen-
plätze (wann wird diese Unsitte vollends verschwinden!?), offene Kirchen
(dieser Forderung kommt man in den grösseren Orten jotzt schon sehr
vielfach nach). Dann folgen die Gottesdienste: man klagt über zu
wenig Gottesdienste, über ihre Länge; das GesaDgbueh wird kritisiert
mit veralteten Liedern, geistliche Volkslieder sollen hinein. Wider-
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