Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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lassen, was der Verf. im kirchlichen Leben beanstandet Er
sieht im Protestantismus die Freiheit zn „völliger Anarchie"
ausarten fS. 35), so dass auch Geistliche zugelassen würden,
„die im Namen des Wahren, Guten und Schönen tauften" (?).
Er klagt über Formalismus im Gottesdienst; darunter fällt nicht
nur die Liturgie, die der Gemeinde unverständlich bleibt,
sondern vor allem die „Dogmapredigt", die „akademische" Predigt,
die mit der historisch-philologischen Auslegung einer Stelle der
Schrift die Gemeinde kalt lasse; ja, darunter fällt sogar der
Choralgesang. Vor allem wirft der Verf. der Furche einen
Mangel an Streitbarkeit gegen die Verderbnis der Zeit vor.
Wie gesagt, davon können wir lernen, denn ich glaube, dass
hier in der Tat wunde Punkte berührt sind. Unsere Predigt
muss noch ganz anders ins gegenwärtige Leben hinuntersteigen,
die Kirche muss noch viel aggressiver gegen die Schädlinge
des Lebens werden. — Leider stehen diesen Vorzügen des
Buches sehr grosse Schwächen gegenüber. Der Verf. hat einen
sehr klaren Blick für die praktische Wirklichkeit, aber seinen
Urteilen über kirchliche Verhältnisse und über die Grundlagen
des christlichen Glaubens fehlen einfach die positiven Kennt-
nisse. So ist er sich über den biblischen und kirchlichen
Wunderbegriff nicht im klaren. Wer sagt denn, dass das
Wunder eine Durchbrechung der Naturzusammenhänge bedeutet?
So ist es ein schwerer Irrtum, es sei kirchliche Forderung, die
Bibel als ein Diktat des Heiligen Geistes aufzufassen. Wozu
heute noch die Zeit verlieren mit einem Kampf gegen zer-
brochene Windmühlenflttgel, die sich vielleicht früher einmal
gedreht haben? — S. 82 lesen wir, dass der Mensch der Recht-
fertigung „aus sich selbst heraus durch sittliohe Vervollkomm-
nung, die durch eigenes Streben, unterstützt durch göttliche
Gnade, zustande kommt, fähig" ist, S. 111: „Die alten Propheten
sind geistig Hochstehende . . . gewesen, die auf natürliche Weise,
kraft tieferer Einsicht in die Gründe der Verderbtheit, Vorher-
sagen gemacht haben", und S. 115: „Die letzte Ursache der
Religion ist ein kühles Ergebnis unseres Verstandes" — Zeug-
nisse dafür, dass dem Verf. das Verständnis für das eigentlich
religiöse Leben abgeht, weshalb er auch nirgends auf das Ge-
betsleben eingeht. Er verwechselt fortwährend Religion und
Moral. Gewiss sind die beiden nicht zu trennen, aber die sitt-
liche Gesinnung ist erst die Frucht der Religion. Religion ist
Gemeinschaft mit Gott — zunächst ein tief innerliches Erlebnis
(und darin lag die Bedeutung der Propheten und zu aller-
meist Jesu, dass sie das hatten), dann eine auch das äussere
Leben umgestaltende Kraft. Und es ist gut protestantische,
nein allgemein religiöse Gewissheit, dass dies Gemeinschafts-
laben mit Gott in ihm den Ursprung hat und nicht in dem
Menschen. Vor derartigen Vermenschlichungen der Religion
bewahrt einen gerade die Bibel, die freilich der Verf. bedenk-
lich ignoriert. Wie will er z. B. die Notwendigkeit beweisen,
„Christum nach der Schrift als Menschen, nur als Menschen auf-
zufassen"? (S. 65) oder beweisen, dass der Jesus der drei ersten
Evangelien des göttlichen Selbstbewusstseins bar gewesen sei?
(S. 71 — der Ausdruck „der auf Erden wandelnde Gott" ist
völlig schief). Zweimal lesen wir Barnabas statt Barabbas —
ist es zweimal nur Druckfehler? — Zum Schluss darf eines
nicht verschwiegen werden, obwohl es peinlich ist, in eigener
Sache zu sprechen. Der Verf. wirft der evangelischen Kirche
vor, dass sie gegenüber den Schäden der Zeit nichts tue, „sie
wirkt zu wenig oder gar nicht" (S. 184). Die Geistlichen,
„Leute, die nur Theologie studiert haben" (S. 185), führen ein
beschauliches Dasein in der Studierstube und beschäftigen sich

mit Allotrias (S. 176). „In weiten Gegenden bedeutet die Kon-
firmationsfeier eine Alkoholorgie, ohne dass jemals der Geist-
liche ein Wort dagegen erhoben hätte" (S. 154). Es wäre
interessant, zu erfahren, wo der Verf. seine Studien in pasto-
ralibus gemacht hat. Davon weiss er nichts, dass die evan-
gelische Kirche seit einem halben Jahrhundert an intensiver
Arbeit ist, die Auregungen, die sich an den Namen Wichern
knüpfen, fruchtbar zu machen und die Innere Mission in ihr
eigenes Gefüge aufzunehmen. Er erwähnt einmal den ver-
dienstvollen Pastor Stock — warum geht er an den bedeut-
samen Gemeindetagen mit ihren Bestrebungen auf Lebendig-
maohung der Gemeinde vorüber? Er kritisiert scharf die Ver-
handlungen des preussischen Herrenhauses über die religiöse
Unterweisung in den Fortbildungsschulen, aber er weiss weder
etwas davon, dass in anderen Landeskirchen diese Einrichtung
schon lange bestand, in Sachsen z. B. seit 1893, noch von den
Schwierigkeiten, die duroh die fortschreitende Umwandlung der
Fortbildungsschulen in Fachschulen entstehen. Ich empfehle
ihm ein eingehendes Studium der Kirchlich sozialen Konferenz,
der Evangelisch-sozialen Vereinigung, der apologetischen Be-
strebungen, vor allem der weit ausgedehnten kirchlichen Jugend-
fürsorge, die längst auf dem Plane war, ehe jemand anderes
daran dachte. Wir von der Kirche sind Kritik gewöhnt und
können sie vertragen. Aber eins fordern wir: die Kritik muss
gerecht sein und aus genauer Kenntnis kirchlicher Dinge
stammen. Sc herffig- Leipzig.

Jacobi, Dr. jur. Erwin (Privatdozent an der juristischen Fakultät
der Universität Leipzig), Religiöse Kindererziehung
nach Sächsischem Recht. Tübingen 1914, J. 0. B. Mohr
(Paul Siebeck) (93 S. gr. 8). 2. 50.
Das Werk will „in bewusstem Gegensatz zu den von
legislativ-politischen Gedanken getragenen Arbeiten" von Glaser
und Baring sich streng auf das gegenwärtig in Sachsen
geltende Recht beschränken. Es verfolgt dieses Recht mit
staunenswertem Scharfsinn und Fleiss bis in seine äussersten,
feinsten Verzweigungen. So verschiedenartige Fälle auf dem
ausserordentlich zerklüfteten Rechtsgebiet der religiösen Kinder-
erziehung nach sächsischem Recht denkbar sind: es wird kaum
einer vorkommen, zu dem man nicht Auskunft aus dem Jacobi-
sohen Schriftchen erlangen könnte. Hier und da vertritt der
Verf. eine andere Rechtsauffassung, als die der massgebenden
sächsischen Behörden ist. Zwei Gesichtspunkte möchten wir
nennen, deren einem wir weniger und deren anderem wir mehr
Bedeutung beigemessen sehen möchten, als der Verf. ihnen ein-
räumt.

Die „Gewissensfreiheit" der Erziehungsberechtigten spielt in
der Jacobischen Druckschrift eine erhebliche Rolle. Bei der
religiösen Kindererziehung handelt es sich aber doch weit
weniger um Freiheit für das Gewissen der Erzieher, als um
das Heil, um die Seele des Kindes, das nötigenfalls gegen die
Ansprüche seiner Erzieher auf „Gewissensfreiheit" geschützt
werden muss. Sodann scheint uns Jacobi immer noch nicht
genug berücksichtigt zu haben, dass die religiöse Erziehung
nicht im Religionsunterricht aufgeht. Will sie reohter Art sein,
bo muss sie längst vor dem Religionsunterricht beginnen. Sie
ist aber auch nicht bloss Unterweisung, sondern vor allen
Dingen persönlicher Einfluss, persönliches Zeugnis, Einwirkung
von Seele zu Seele. Dazu gehört freilich, dass der Erzieher
selbst in dem Glauben steht und lebt, in dem er erziehen will
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