Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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denn dieses von aller Empirie losgelöste System von Werten
her? Und da würden wir wieder bei der aprioristisehen Speku-
lation Hegels anlangen. Mir seheint, bei genauerer Erwägung
müsste Schmitt sehen, dass wir ohne Empirie keine Anschauung
und keine Idee vom Staat haben, und müsste daher der Induktion
und der Abstraktion mehr Bedeutung zugestehen, als er dies
bisher gewillt ist. Wenn Schmitt das Recht, das er nur berück-
sichtigt, insofern es seine reohtsphilosophische Definition des
Staates begründet, ansieht als „reine, wertende, aus Tatsachen
nicht zu rechtfertigende Norm" (S. 2) oder nach anderen Aus-
sagen als eine Reihe oder Summe von Normen, und wenn er
die Ableitung des Rechtes aus dem sittlichen Bewusstsein aus-
drücklich ablehnt, so ständen wir glücklich wieder (wenn auch
in veränderter erkenntnistheoretischer Form) bei dem alten Natur-
recht (S. 76), das wir längst als überwunden ansahen. Wenn
Schmitt gemäss seiner idealistischen Konstruktion den Sinn des
Staates darin findet, den Uebergangspunkt von der vorempirischen
Norm des Rechtes zur realen empirischen Welt zu bilden, so
entstammt seine Definition des Staates als Rechtsstaat, dessen
Sinn ausschliesslich darin bestehen soll, Recht zu verwirklichen,
doch lediglich einer historischen Tradition, welche die meisten
Ethiker als längst überschritten ansehen. Dass Recht und Staat
in engem Zusammenhang stehen, weiss jeder. Aber dass dieser
durch die Formel gelöst sei: „Der Staat ist aus dem Rechte
abzuleiten und sein Wesentliches in einer besonderen Position
zum Recht zu erblicken" (S. 42), werden wenige Juristen zu-
gestehen, und noch weniger Historiker und Ethiker können es
zugestehen. Der Satz S. 54: „Vom Recht bis in jedes Element
beherrscht, kann der Staat nur das Recht wollen", empfängt in
diesen Tagen welthistorischer Vorgänge eine Beleuchtung, die
ihre völlige Einseitigkeit und ganze Unhaltbarkeit verdeutlicht.
In dieser Einseitigkeit der gründlich eindringenden Untersuchung
liegt ja nun eine starke Anregungskraft begründet. Aber die
Einseitigkeit macht sie auoh für diejenigen unwirksam, die dem
Verf. darin nicht zuzustimmen imstande sind, dass als Subjekt
des juristischen Denkens „die transzendentale Einheit der
juristischen Apperzeption" anzusehen sei. Denn dass wir hierbei
auf dem Boden der Willkür stehen, erhellt daraus, dass Schmitt
gar nicht für nötig gehalten hat, sich mit dem gegenwärtig doch
sehr verbreiteten Begriff des Kulturstaates auseinanderzusetzen.
Bei aprioristischer Konstruktion ist aber gar nicht einzusehen,
weshalb nicht ebensogut vom Begriff der Kultur wie von dem
des Rechtes ausgegangen werden könne. Wenn Schmitt be-
hauptet, der Sinn des Staates liege darin, Recht zu verwirk-
lichen (S. 68), was soll einen anderen hindern, die Theorie
durchzuführen, sein Sinn sei, Kultur zu verwirklichen? Die
rechtsphilosophische Folgerung aus der Staatstheorie für die Be-
deutung des Einzelnen spricht sich aus in dem Satz (S. 88):
„Die Souveränität der transzendentalen Einheit der Apperzeption
vor dem konkreten Bewusstsein als psychologischem Faktum
bedeutet, in die Rechtsphilosophie übertragen, nur die Belang-
losigkeit des Einzelnen." Also im Widerspruch zum Individua-
lismus das entgegengesetzte Extrem! Dar Satz, dass das Gesetz
um des Menschen willen, nicht aber der Mensch um des Gesetzes
willen da sei (S. 99), hat doch nicht bloBS die praktische Geltung,
die der Verf. ihm zugestehen will, sondern auch wichtige prin-
zipielle: allerdings gibt es kein Gesetz ohne die Gesellschaft,
aber es gibt auch kein Gesetz vor den Individuen. Der Verf.
meint diesen Gesichtspunkt durch die Wertbetrachtung zu über-
sehreiten, die ihm Axiom ist. Lernme- Heidelberg.

Kant, Immanuel, Zum ewigen Frieden. Mit Ergänzungen
aus Kants übrigen Schriften und einer ausführlichen Ein-
leitung über die Entwicklung des Friedensgedankens, heraus-
gegeben von Karl Vorländer. Leipzig 1914, Felix Meiner
(LVI, 74 S. 8). 2.80.
Vorländer hat Kants Friedenstraktat, der erstmalig 1795
erschien, bereits als Bd. 47,1 der „Philos. Bibliothek" (Felix
Meiner) herausgegeben. Wenn er dieser Sonderausgabe, deren
Text 55 Seiten umfasst, eine 56 Seiten starke Einleitung über
den Friedensgedanken überhaupt vorausschickt, so darf man an-
nehmen, dass er Kants Schrift aktuellen Wert beigemessen hat,
was auoh durch den ganzen Tenor der Einleitung bestätigt
wird. Damit tut man, meines Erachtens, diesem Schriftchen
Kants zu viel Ehre an. Es kann schon deshalb nur noch rein
historisches Interesse beanspruchen, weil die Grundvoraussetzungen
seiner positiven Vorschläge prinzipiell andere geworden sind.
Im ersten seiner „Definitivartikel" verlangt er für jeden Staat
republikanische Verfassung. Darunter will er aber nicht eine
demokratische verstanden haben, sondern lediglich eine solche,
bei der die ausführende Gewalt von der gesetzgebenden ge-
schieden ist. Kant glaubte, dass in diesem Fall ein Krieg aus-
geschlossen sei, weil sich niemals eine Volksvertretung finden
könnte, die die Mittel zum Kriege bewilligen würde. Er kannte
nur Kabinettkriege. Jene Forderung Kants ist heute von sämt-
lichen Kulturstaaten erfüllt, aber nicht seine daran geknüpften
Hoffnungen auf ewigen Frieden. Kant steht, was man doch
nicht immer vergessen sollte, in seinen rechtlichen Anschauungen
auf dem Boden des Naturreohts; und dem entspricht seine
konstruierende Geschichtsauffassung. Das ist nicht nur un-
germanisch, sondern auch unchristlich. Nach christlicher Auf-
fassung sind Nation und nationale Kultur Pfunde, mit denen
zu wuchern für uns sittliche Pflicht ist, die also nicht einem
abstrakten Gerechtigkeitsideal geopfert werden dürfen. Muss
dafür Blut vergossen werden, so darf ein Volk nicht davor
zurückschrecken. Nicht die Kabinette fordern das, sondern das
Volk bietet sein Blut aus sittlicher Notwendigkeit heraus frei-
willig an. 1. Joh. 3, 16 b.

Lic. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Schaefer, Heinrich (Dr. med.), Niedergang und Brhebung
der Kulturmenschheit. 2. Aufl. Berlin 1914, Ernst
Hofmann (200 S. 8). 2. 25.
Diesem Buche wünschte ich eine uneingeschränkte Empfehlung
mitgebeu zu können. Denn es stammt von einem Manne, dem
wir sonst zu grossem Danke verbunden sind. Unvergessen ist
seine Schrift „Jesus in psychiatrischer Beleuchtung" (vgl. Lei-
poldt, Vom Jesusbild der Gegenwart. Die Aerzte), in der er
entscheidend dartut, dass Jesus nicht als geisteskrank, sondern
als einzigartiges religiöses Genie aufgefasst werden muss. Auch
das vorliegende Buch fordert in seiner Grundtendenz unsere vollste
Zustimmung: mit tiefem Ernst wird in der jetzigen Weltlage ein
Niedergang erkannt, und mit voller Entschiedenheit wird be-
hauptet, dass zur Erhebung religiöses Leben nötig ist. Das
Schwinden desselben hat den Niedergang verschuldet. Wie es
gehoben werden kann, will der Verf. sagen. Er meint mit
Religion das Christentum, freilich in erheblicher Abweichung
von seiner kirchlichen Form. Zustimmen kann man zu vielen
einzelnen Erörterungen: über die moderne Weltanschauung, die
Sittenverderbnis, Antigott Mammon, Alkoholismus, sexuelle Auf-
klärung und Schamlosigkeit. Wir wollen uns auch gern sagen
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