Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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abgedruckten Vorrede, S. LXXIV, ausdrücklich erklärt: „Die
menschliche Seele soll und kann ihre Geschaffenueit nicht ver-
lieren und durch die Vergöttnng in Gott oder sein nngesohaffenes
Wesen verwandelt werden; welches in alle Ewigkeit nicht sein
kann." Trotzdem ist der Verf. dieser „Studie über den Wert
der Mystik für unsere Zeit" imstande, im Anschluss an seines
Autors bekanntes Wort „Wär' Christus tausendmal in Bethlehem
geboren und nicht in dir, du gingest doch verloren", unter
anderem zu behaupten: „Wer ist, als wäre er nicht und wäre
nie geworden, der ist zu uGott" geworden" ... „Ich bin Sonne;
ich male mit meinen Farben das farbenlose Meer der Gott-
heit" .... „Gott ist dir Mensch geworden, nun werde du
wieder Gott" ... „Der Mensch ist alle Dinge" ... „Ich bin

das „höchste Ding"; Gott ist der neue Mensch"---- „Gott

betet in mir sich selber an" usw. (S. LV f.). — Aehnliche Er-
güsse durchziehen diese ganze Studie, die zutreffender zn
charakterisieren wäre als ein misslungener Versuch, den Wert
der Mystik für einen Monisten unserer Zeit darzustellen.

Wir verkennen dabei keineswegs, dass die Mystik im
weitesten Sinne des Wortes in der Geschichte zuweilen als
Morgendämmerung auftritt, die dem Tage des Glaubens, zu-
weilen als Abenddämmerung, die der Nacht des Unglaubens
vorangeht. Für Gemüter, die auf der Grenze zwischen Glauben
und Unglauben leben und von beiden nur die Vorurteile in
sich aufnehmen, dabei sich selber anzubeten geneigt sind, ist
jedenfalls möglich, dass sie aus der Mystik tödliches Gift ein-
atmen. Die vorliegende Einleitung bestätigt dies von neuem.
Sie ist ein blühender Irrgarten. Viele schöne Gedanken in
einer für „modernen Geschmack" schönen Sprache tauchen
darin auf und gehen darin unter. Eine unendliche Verworren-
heit und Verfinsterung ist zuletzt das einzige Ergebnis, das
man beim Lesen feststellen kann. „Floruit sine fructu; de-
floruit sine luctu." Fr. Hashagen-Rostock.

Hettinger, Dr. Franz (Prof. in Würzburg), Apologie des
Christentums. l.Band, l.Abt. Der Beweis des Christen-
tums. Zehnte Aufl. Herausgeg. von D. Müller (Prof. in
Strassburg). Freiburg i.B. 1914, Herder (XLVI, 485 S. 8).
5 Mk.

Der erste Band der grossen Hettingerschen Apologie des
Christentums erscheint hier in 10. Auflage. Der Verf. starb
bereits im Jahre 1890. Von der 7. Auflage ab hat der Strass-
burger Professor Müller die Besorgung in die Hand genommen.
Dass in so verhältnismässig kurzer Zeit vier Neuauflagen des
ersten Bandes sich notwendig machten, zeigt auf die Bedeutung
hin, die dem Buche tatsächlich eigen ist. Ausgehend von dem
religiösen Zweifel (1) und der Reinheit der Wahrheit (2) be-
handelt der Verf. die grossen Grundprobleme Gott und Mensch
(3. 6. 7. 8) und führt das Recht des christlichen Theismus
gegen Materialismus (4) und Pantheismus (5) durch. Den Be-
sohluBs macht er mit einer Erörterung über Grund und Wesen
der Religion (9). — Die Ausführungen Bind im allgemeinen
so gehalten, dass jeder gläubige protestantische Christ ihnen
nur zustimmen kann. Nur an einigen Punkten schlägt das
spezifisch Katholische durch. Doch lassen sich diese gegenüber
dem gemeinsam Christlichen mit in Kauf nehmen. Das Buoh
behandelt die Dinge in klarer und schöner Sprache. Es zeigt
einen überraschenden Reichtum literarischen Materials, über den
der Verf. verfügt Auch die protestantische Literatur ist um-
sichtig verwertet. Dr. Stier-Breslau.

Endriss, Julius (Stadtpfarrer in Ulm), Religiöse Naturlaute.

Persönliches zur Glaubenslehre. Stuttgart 1914, Verl. d.

Evangel. Gesellschaft (133 S. 8). 1. 50.
Der Verf. hat jüngt Stellung zur kirchlichen Lage ge-
nommen in den mit vielfachem Beifall bedachten 20 Reden, die
er im gleichen Verlag unter dem Leitwort: „Entweder das
Christentum als Sitte oder als ziellose Aufgeregtheit" erscheinen
Hess. Im vorliegenden Büchlein äussert er sich in der Form
des persönlichen Bekenntnisses über die theologische Lage. Dass
er zu den Konvertiten gehört, die den Weg von links nach
rechts fanden, macht seine in edler und prägnanter (vergl. z. B.
S. 16 über Religion) Sprache niedergelegten Zeugnisse zu einer
interessanten und die Selbstkritik anregenden Lektüre. Dabei
besteht der wissenschaftliche Wert der Ausführungen, die sich
so ziemlich über das ganze Gebiet der Dogmatik erstrecken,
auch abgesehen von der individuellen Note. Der von aller
Polemik entfernte Konservativismus des Verfs. wird die Leser
aller Lager sympathisch berühren. Auch der Kundige wird das
Buch nicht ohne Gewinn ans der Hand legen. Auch wo neben
dem erheblichen Eigengut altes gesagt ist, empfängt es eine
durchaus originale Wendung. Geradezu erfrischend wirkt des
Verfs. tapferes Wort in der Wunderfrage und seine entschiedene
Wertung der Kirche. Den seelsorgerlichen Praktiker verrät
unter anderom die schöne Ausführung über Hiob. Ob für Leser
aus der Laienwelt, die sich nicht wie der Theologe allenthalben
Namen und Gedankenreihen ergänzen können, jedes Problem
genügend fixiert und jede Lösung hinreichend geklärt ist, mag
füglich bezweifelt werden. Dieser Zweifel soll jedoch nnr ein
Wunsch sein für eine etwaige Neuauflage des Büchleins, dem
wir weiteste Verbreitung in allen Kreisen der Interessenten
wünschen. Auch dass der Verf. sich zur Ethik in analoger
Weise gelegentlich äussern möge wie zur Dogmatik, ist unser
Wunsch, den viele nach der Lektüre der Schrift teilen werden.

Lic. Lauerer-Grossgründlach (Bayern).

Schmitt, Dr. Carl, Der Wert des Staates und die Be-
deutung des Einzelnen. Tübingen 1914, J. C. B. Mohr
(Paul Siebeck) (VIII, 110 S. gr. 8). 3 Mk.
Schmitts rechtsphilosophische Untersuchung, in welcher der
Tatsachenjurisprudenz eine Normenjurisprudenz entgegentritt, ist
ein Symptom dafür, dass die historische Rechtssohule sich ge-
nötigt sieht, der Rechtsphilosophie ihr Feld einzuräumen, und
dem Theologen interessant unter dem Gesichtspunkt, wie auch
in der Rechtswissenschaft Empirismus und Historizismus all-
mählich überwunden wird. Die eigentliche Bewegungskraft des
Rechts liegt doch nicht in kritischer Sichtung des historisch Ge-
wordenen, sondern diese selbst wird vollzogen von einem ursprüng-
lichen RechtBsinn, dem das historisch Gewordene entsprungen
ist, wie ihm die Fortbildung desselben entwächst. In scharf-
sinniger Weise weist Schmitt dem Historizismus nach, wie dieser
die ideelle Bewertung, welche derselbe bestreitet, selbst stets
voraussetzt. Aber der Idealismus, welchen Schmitt dem Empi-
rismus entgegenstellt, ist nun nicht ein Realidealismus, welcher
die Empirie sachgemäas würdigt, sondern ein an Kants Aprio-
rismus anknüpfender und an Fichte und Hegel erinnernder anti-
empirischer Idealismus, den er mehr behauptet als begründet.
Wenn er den auf induktivem Wege gewonnenen Staatsbegriff
ablehnt und behauptet, der Begriff des Staates könne nur da-
durch ermittelt werden, dass ihm in einem System von Werten
eine Stelle angewiesen wird, so ist doch die Frage: wo kommt
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