Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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die Anfänge verlieren sich sonst meist im Dunkeln. Welches
Resultat zeigt sich nun? Auch hier ist die Reformation von
oben eingeführt worden; aber damit ist nicht eine Vergewaltigung
der Gewissen verbunden gewesen; die Massnahmen des Grafen
kamen der Stimmung des Volkes entgegen. Ja nicht nur im
eigenen Gebiete, nein auch im benachbarten bayerischen Herzog-
tume regte sich weithin Sympathie für den evangelischen
Glauben; da half kein Abschliessen des Landes, immer wieder
wussten es die bayerischen Untertanen zu ermöglichen, au den
Gottesdiensten teilzunehmen. Wie tief die Bewegung ging,
sehen wir aus dem Festhalten der Bevölkerung an dem evan-
gelischen Glauben auch dann, wenn man der Führer entbehren
musste; man begnügte sich mit dem Lesen gedruckter Predigten.
Vor allem gewinnt die Persönlichkeit des Grafen selbst. Man
muss Achtung bekommen vor dem Manne. Mit welcher Zähig-
keit weiss er doch sein Recht sich zu erstreiten, einzig und
allein überzeugt von der Gerechtigkeit seiner Sache. Kein
bitteres und hartes Wort gegen alle Beeinträchtigungen und
Verleumdungen. Ein echter deutscher Edelmann, der bei allem
Nachgeben doch auch weiss, was er Beiner Ehre schuldig ist.
Wenn er die Reformation einführte, so tat er es, weil er im
Herzen von der Wahrheit der evangelischen Lehre überzeugt
war. Dabei aber war er weit entfernt, anderen Gewissen zu-
nahe zu treten; ganz unbehelligt kann der alte katholische
Pfarrer seines Amtes walten. Ein Wort noch über die Geist
liehen, die ihn in seinem Beginnen unterstützten. Cölestin,
Karrer, Rorarius waren keine führenden Geister. Aber viel-
leicht ist gerade dies ein Segen für die Ausbreitung und Ver-
tiefung der evangelischen Lehre gewesen. Auf diesem schwie-
rigen Posten konnte man keine Stürmer und Dränger brauchen.

Dass die Darstellung bei der bekannten Sorgfalt des Verf.s
zu keinen Ausstellungen Anlass gibt, braucht wohl nicht be-
sonders bemerkt zu werden.

Schorn bäum-Alfeld b. Hersbruck.

Brandt, Dr. Aug. (o. ö. Prof. der Pastoraltheologie in Bonn),
Johann Ecks Predigttätigkeit an U. L. Frau zu
Ingolstadt (1525 —1542). (Reformationsgeschichtliche
Studien und Texte, herausgegeben von Greving, Heft 27
u. 28.) Münster i. W. 1914, Aschendorff (XII, 238 S.
gr. 8). 6. 40.

Eck, der bekannte Ingolstädter Professor, vertauschte Februar
1525 die Pfarrei St. Moriz in Ingolstadt, die er seit mehreren
Jahren innegehabt hatte, mit der zu U. L. Frau daselbst. Die
Verwaltung der neuen Stelle begann er am Allerheiligenfest
desselben Jahres; er versah sie bis Liehtmess 1532. In diesen
mehr als sechs Jahren predigte er, wenn auch nicht ausschliess-
lich in seiner Kirche nnd in Ingolstadt, 456mal; er hebt das
selbst hervor. Auch nachdem er auf die Pfarrei bei U. L. Frau
verzichtet hatte, predigte er noch daselbst wie anderwärts bis
ins Jahr vor seinem Tode, im ganzen etwa 50m al. Mehr oder
minder ausführliche Entwürfe dieser zwischen 1525 und 1542
gehaltenen Predigten, Notizen zu ihnen und über sie finden
sich von seiner Hand aufgezeichnet in cod. 125 der Münchener
Universitätsbibüothek, seinem „Predigtbuch". Manche der Pre-
digten nahm Eck in sein auf Veranlassung der bayerischen
Herzöge Wilhelm und Ludwig in den Jahren 1530 bis 1539
herausgegebenes, als Materialsammlung für Geistliche gedachtes
grosses Predigtwerk auf. Ecks Predigttätigkeit und seine homi-
letische Schriftstellerei ist bisher weder auf katholischer noch

auf protestantischer Seite richtig gewürdigt worden; Enders
z. B. in P. R.-E. V3, 138 ff. gedenkt ihrer überhaupt nicht.
Diesem Mangel will Brandt abhelfen. In vorliegender Ver-
öffentlichung, der dritten über Eck in den „Reformations-
geschiohtlichen Studien nnd Texten", will er nur dem Prediger
gerecht werden. Zu diesem Behufe untersucht er die Entwürfe
und Notizen in Ecks Predigtbuch aufs eingehendste nach der
formalen und nach der inhaltlichen Seite. Am Schlüsse druckt
er 26 Entwürfe, sei es ganz, sei es teilweise, ab. Dieser letzte
Abschnitt ist der wertvollste des ganzen Bandes; es wäre gewiss
mit Dank begrüsst worden, wenn noch mehr Proben der
Eckschen Predigten in extenso gegeben worden wären. Damit
Boll nicht gesagt sein, dass Brandts Untersuchungen wertlos
sind. Im Gegenteil. Sie sind mit grosser Sachkenntnis vor-
genommen und bieten viel Belehrung. Die Ausführungen über
die formale Seite der Predigten Ecks sind eine wirkliche Be-
reicherung unserer Kenntnis der katholischen Predigttätigkeit
zu Luthers Zeit. Von dem mancherlei Wichtigen, das über den
Inhalt gesagt ist, sei nur hervorgehoben das Eintreten Ecks
für Beibehaltung des Festes der unbefleckten Empfängnis, das
in Ingolstadt infolge des Regensburger Statuts von 1524 ab-
geschafft worden war. Eck selbst wird durch diese Ver-
öffentlichung ebenso wie früher durch die Herausgabe seines
„Pfarrbuohes" in ein günstigeres Licht gerückt. Es wird wieder
offenbar, dass er nicht allein um des Ruhmes und des Geldes
willen bei der alten Lehre verharrte, dass ihm auch innerlich
an derselben etwas lag. Eben um der Charakteristik Ecks
willen dürfte der weiteren Veröffentlichung Brandts über seine
homiletische Schriftstellerei mit Interesse entgegengesehen werden.
Sollte jedoch daraus, dass Eck und andere auf der Kanzel
gegen die Reformation auftraten, der Schluss gezogen werden,
dass es um die katholische Predigttätigkeit zu Beginn des
16. Jahrhunderts nicht schlecht bestellt war, so müsste das ab-
gelehnt werden. Die Predigt lag um 1500 völlig darnieder.
Zwischen 1525 und 1542 war es nicht anders. Ecks Predigt-
buch ist der beste Beweis für letzteres. Dass er und andere
überhaupt an die Predigt dachten, geschah in Nachahmung der
auf diesem Gebiete so tätigen und erfolgreichen Reformatoren.
Erst Kanisius begründete in Deutschland die katholische Predigt-
tätigkeit. Prof. Dr. L. Theobald-Nürnberg.

Bölsche, Wilhelm, Des Angelus Silesius Cherubinischer
Wandersmann, nach der Ausgabe letzter Hand von 1675
vollständig herausgegeben und mit einer Studie „Ueber
den Wert der Mystik für unsere Zeit" eingeleitet. Jena
1914, Eugen Diederichs (LXXXVII u. 248 S. gr. 8). 5 Mk.
Der Verlagshandlung verdanken wir bereits eine ganze Reihe
von guten, zum Teil vortrefflichen Neudrucken der Schriften
von Meister Eckehart, H. Seuse, Joh. Tauler, der Deutschen
Theologie, Sebastian Frank, Arnos Comenius u. a. Hier liegt
nun auch der „Cherubinische Wandersmann" von Joh. Soheffler
in einer guten Ausgabe vor. Leider sind diese verdienstvollen
Neudrucke von mystischen Schriften durchweg mit Einleitungen
und Empfehlungen versehen, die dem Wesen der christlichen
Mystik ebensowenig gerecht werden wie dem der pantheistischen
Mystik, die zuletzt im Materialismus mündet. Damit wird vor
allem den christlichen Mystikern ein schweres Unrecht getan;
und wir müssen, sowohl vom christlichen wie vom wissen-
schaftlichen Standpunkte aus, Verwahrung dagegen einlegen.
So hat im besonderen Angelus Silesius in der auch hier
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