Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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hunderts auweisen. Dass vieles darin auf diese frühe Zeit weist,
ist zuzugeben. Unstatthaft aber ist der Versuch, die Erzählung
von einer ersten Gründung zur Zeit Karls des Grossen ernst
zu nehmen. Es ist doch bekannt, dass die Verlegung der
KloBtergründung in die Zeit Karls fast zum eisernen Bestand
derartiger Gründungsgeschichten gehören. Uebrigens muss an-
erkannt werden, dass Berg selbst nur die Existenz einer Kirche,
nicht eines Klosters, zu so früher Zeit annimmt, wie er denn
überhaupt in ssinen kritischen Aufstellungen recht besonnen ist.

G. Bonwetsch-Berlin-Steglitz.

Dreiling, Dr. P. Raymundus, 0. F. M., Der Konzeptualismus
in der Universalienlehre des Franziskanerbisehofs
Petrus Aureoli (Pierre d'Auriole), nebst biographisch-
bibliographischer Einleitung. (Beiträge zur Geschichte der
Philosophie des Mittelalters. Bd. XI, Heft 6.) Münster 1913,
Asohendorff (XIII, 224 S. gr. 8). 7. 50.
Petrus Aureoli gehört zu den Scholastikern, von deren Lehre
unser Bild zurzeit noch recht undeutlich ist Wir wissen, dass
er Schüler des Duns Scotus war, aber im Gegensatz zu dem
formalistischen Realismus seines Meisters einen psychologiBierenden
Konzeptualismus vertrat. Zwar ist die zweite Redaktion seines
Sentenzenkommentars gedruckt, ebenso wie seine Quodlibets, aber
der Text des Sentenzenbuohes ist vielfach im Druck so entstellt,
dass es schwer hält, einen Sinn herauszubringen. Um so
lebhafter ist die vorliegende Arbeit zu begrüssen, die auf
Grund eines nach den Handschriften verbesserten Textes eine
sehr eingehende Darstellung von Aureolis Stellung zu den in
dem Universalienproblem beschlossenen philosophischen Fragen
bringt. Der Verf. hat sehr genau über die Ansichten seines
Helden referiert und seine Darstellung durch ausgiebige Mit-
teilung von Texten illustriert. Ist auch die Untersuchung hier
und da fast zu breit ausgefallen, so wird doch im ganzen diese
genaue Reproduktion der Gedankenentwickelung bei so schwierigen
Scholastikern wie Aureoli die richtige Methode treffen.

Wir lernen in dem Buche einen mit Bewusstsein originellen
Denker kennen. Der freie wissenschaftliche Zug des Duns Scotus
wirkt bei ihm nach und verhindert, dass er sich irgend einem
Meister ansohlieBst. Insbesondere hat er gegen Dans und Thomas
scharf und nicht ohne Bitterkeit polemisiert. Dreiling stellt nun
seine Universalienlehre, soweit ich urteilen kann, zutreffend dar.
Danach lehnt Aureoli den Realismus in jeder Gestalt ab und
gelangt selbst zu einer voluntaristisoh beeinflussten empiristisch
konzeptualistisohen Lösung des Problems. Nicht objektive
Realitäten, sondern subjektive, empirisch gewonnene Vorstellungen
sind also die Allgemeinbegriffe. Jedoch will Aureoli sie um des-
willen doch nicht als blosse Nomina angesehen wissen. Viel-
mehr: res, quae eoncipitur, capit esse aliud quam solum deno-
minari. Aber dies reale Sein ist ein specialis modus essendi
intentionalis, der sich von dem esse simpliciter et reale unter-
scheidet Das heisst, es ist subjektive, intramentale, nicht aber
objektive oder transsubjektive Realität. Die Allgemeinbegriffe
beruhen, genauer geredet, auf der qualitativen Aehnlichkeit
der Einzeldinge, sie Bind conceptus qualitativi simiUtudinarii.

Im letzten Teil seines Werkes hat Dreiling ziemlich ein-
gehend über die Entstehung des Konzeptualismus des Aureoli
gehandelt. Aber die Vergleichung mit Durandus und Ockam
ergab nioht viel Positives wegen der Unsicherheit der chrono-
logischen Ueberlieferungen und wegen des Fehlens eingehender
Monographien. Ueber Ockam konnte der Verf. schon Kuglers

gute Dissertation sowie den wertvollen Aufsatz J. Hofers „Ueber
Wilh. Ookams Leben vor dem J. 1324" (Arch. Francisc. Hist.
Ann. VI, fasc. 2, 1913) benutzen. Im übrigen hätte das Ver-
hältnis zu Duns Scotus, glaube ich, sehr viel deutlicher bestimmt
werden können, als es Dreiling getan hat. Wenn man die Züge,
die Dreiling aus dem Charakter des Aureoli zur Erklärung
seiner Lehre (S. 175 ff.) heranzieht, mit der Charakteristik ver-
gleicht, die ich den Schriften des Duns Scotus für ihren Urheber
entnommen habe, so ist man über die allseitige Uebereinstimmung
verblüfft. Daraus folgt nun keineswegs, dass Duns und Aureoli
wähl verwandte Naturen waren, sondern dass Aureoli von der
geistigen Eigenart seines grossen Lehrers auf das stärkste inner-
lich bestimmt ist. Es ist ganz naturgemäss, dass der kritische
und skeptische Zug des Melters sioh bei begabten Schülern
wider ihn selbst gewandt hat, wie das bei Aureoli und auch
Ockam — selbst wenn er nicht persönlicher Schüler des Duns
war — der Fall ist Die geistige Bedeutung des Duns Scotus
tritt hierdurch ebenso in helles Licht, als man die Eigentümlich-
keiten des Aureoli — auch für seine positiven Lehrsätze — von
hier aus versteht.

Schliesslich möchte ich die Leser noch auf Aureoli als
Exegeten aufmerksam machen. Compendium sensus litteralis
totius div. scripturae lautet der Titel des von ihm verfassten
und in vieler Hinsicht äusserst merkwürdigen Bibelwerkes. Es
ist eine exegetische Vorlesung (S. 30 f.), in der eine starke Be-
tonung des Wortsinns der Schrift sich sehr eigentümlich mit
scholastisch-dogmatischer Darstellung und Anwendung ihres In-
haltes verbindet. Eine Bearbeitung dieses Werkes wäre sehr
erwünscht, womöglich auch eine neue Edition (zuletzt ediert
von Seeböck 1896, s. dazu Dreiling S. 6 f.).

R. Seeberg-Berlin.

Theobald, Dr. Leonhard, Die Einführung der Reformation
in der Grafschaft Ortenburg. I. Teil (Beiträge zur
Kulturgeschichte des Mittelalters und der Renaissance,
herausgegeben von Walter Götz. Band 17). Leipzig und
Berlin 1914, B. G. Teubner (IV, 136 S. gr. 8). 4. 80.
Ortenburg ist in der evangelischen Kirche Bayerns wohl
bekannt und geschätzt. Seit Jahrhunderten eine einsame Insel
unter lauter katholischer Umgebung, der äusserste Vorposten
des Protestantismus von langer Zeit her. Bereits 1863 hat
Pfarrer Karl Mehrmann versucht, eine Geschichte der evan-
gelisch-lutherischen Gemeinde daselbst zu schreiben. Man kann
nioht anders sagen: seine Hilfsmittel hat er Reissig benutzt;
aber die Hauptquellen waren ihm nicht zugänglich. Diese auf-
zufinden war erst dem jetzigen Nürnberger Gymnasialprofessor
Dr. L. Theobald beschieden. Immer wieder erhob sich die
alte Fabel, als ob Graf Joachim von Ortenburg eine Ver-
schwörung mit anderen Adeligen gegen Herzog Albreoht V. an-
gezettelt hätte. Um diese Anschuldigung endgültig ans der
Welt zu schaffen, hat er unter vieler Mühe und Entsagung die
gesamten Akten in dem voluminösen Band: „Beiträge zur Ge-
schichte Herzog Albreohts V. und der sog. Adelsverschwörung
von 1563", Leipzig 1913, publiziert. Dadurch ward er der
Berufenste, auch die Reformationsgesohiohte des Marktes und
Gebietes zu schildern. Der vorliegende erste Teil umfasst die
Zeit bis zur endgültigen Erkämpfung der Reichsunmittelbarkeit
1573. Die Arbeit aber darf auch noch aus einem anderen
Grunde auf allseitiges Interesse rechnen. So klar wie hier
können wir selten den Verlauf der ganzen Bewegung verfolgen;
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