Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

487

488

zentriert eich begreiflicherweise auf Joh. Hnss. Nachdem
J. Loserth diesen als Plagiator schlimmster Form entlarvt hat
(Haas und Wiolif, 1884), tritt jetzt das neue Problem hervor,
dass beträchtliche Teile der „Regulae" des Matthias von Janow
fast wörtlich wieder abgedruckt sind als ein Werk des Joh. Hubs
(in der Nürnberger Ausgabe von dessen Opera 1658). Auch
hier hat also der Name Hussens fremdes Eigentum gedeckt,
die Prager Handschrift hat Eybal zu einem sehr wesentlich
besseren Text verholfen, als der Nürnberger Druck von 1558
ihn bot. Als fester Punkt in der böhmischen Kirchengeschichte
ist demnach diese wichtige Quelle, die Kybal 1392 datieren
will (vgl. G. Daxer, Theol. Litbl. Nr. 9), von hoher Bedeutung,
sofern es sich um die Frage nach der Originalität der
hussitisohen Reformgedanken handelt, die anscheinend ja wesent-
lich geringer ist, als man früher annahm. Wenn man die
Waldenserliteratur hinzuzieht, ist dieser Mangel an Originalität
ja keine Schande. Schliesslich haben die vorreformatorischen
Schriftsteller von den Bettelmönchen bis zu den literarischen
Widersachern der Päpste, den aufgeklärten Naturreohtslehrern
und den Apokalyptikern ja alle von denselben Ideen gelebt.
Höchstens den Titel könnte man bei Janow beanstanden, weil
es die Vorstellung erweckt, als ob hier Luthers grosse und
grundlegende reformatorische These vom Unterschied von
Gesetz und Evangelium irgendwie gestreift sei. Davon ist hier
natürlich keine Rede. Mit Recht hat schon Palacky gesagt,
der Titel würde besser lauten: „Das wahre und falsche Christen-
tum." Loserth hat ihm (PRE.) zugestimmt als bester Kenner.
Es ist ein erbaulich-asketisches, Altes und Neues Testament
gleichsetzendes, aber darum nicht minder wichtiges Werk für
die böhmische Kirchengeschichte (in Anbetracht der nahen Be-
ziehungen zu Huss), das durchaus mittelalterliche Reformideen
vorträgt.

Gewiss würde es nahe liegen, wenn ich jetzt auf den In-
halt der drei Bände einginge. Der Herausgeber Vlastimir
Kybal, mit dem ich seinerzeit in freundliche Korrespondenz
getreten bin, schrieb mir, dass es seines Erachtens zu einer
„gewissenhaften" Anzeige unbedingt der Kenntnis nachfolgender
Schriften, d. h. also slawischer Spraohkenntnisse bedürfe. Von
V. Kybal selber: 1. Mistr Matij z Janova. Icho zivot, spisy a
uceni (Mag. Matthias von Janov. Sein Leben, seine Schriften
und seine Lehre). Prag 1905, S. 330. 2. Mistr Matij z Janova,
in der „Cesky Casopis Historicky", 1904, S. 373—390. 3. Mistr
Matij z Janova a M. Jakoubek ze Stribra, ibid. 1905, S. 22—37.
4. Etüde sur les origines du mouvement hussite en Boheme.
Matthias de Ianov, in der Revue Hist. 1910. — Vor allem die
erstgenannte Schrift hält er für wichtig. Da ich der böhmischen
Sprache nicht mächtig bin, muss ich mich hier leider darauf
beschränken, die literarische Anregung weiter zu geben, ferner
die Klage des Herausgebers, dass seine Ausgabe in Deutschland
bisher sehr wenig Beachtung gefunden habe, dass er aber der
guten Zuversicht sei, seine jahrelangen Bemühungen um den
Text werden sich, wenn auch nicht heute oder morgen, schon
durchsetzen durch die Schwerkraft tüchtiger Arbeit. Darin
glaube ich ihm beistimmen zu können. Seine lateinische Vor-
rede bezeichnet er in allzu grosser Bescheidenheit selbst als
„ein absolut ungenügendes Resume" seiner „langjährigen Studien"
und verweist auf die slawischen Aufsätze.

Aber es scheint mir besser zu sein, grundsätzlich, auch auf
den Versuch zu verzichten, dem grossen Reformwerk gerecht
zu werden. Einmal verbietet es die zeitliche Distanz (1908),
an dieser Stehe jetzt noch eine Inhaltsangabe zu geben, dann

aber auch die räumliche Schwierigkeit. Nur ein grösserer Zeit-
sohriftenanfsatz oder eine selbständige Monographie darf jetzt
noch an der Hand dieser Quellenausgabe das Lebenswerk des
Matthias von Janow im geschichtlichen Zusammenhang der da-
maligen böhmischen Reformideen behandeln. Der Stoff ist
auch für denjenigen Bearbeiter Uberreich, der die obengenannte
böhmische Spezialliteratur nicht mit verwerten kann. Wer dazu
imstande ist, wird sicher besonderen Gewinn ernten. Aber auch
für philologisch ungesohulte Bearbeiter scheint mir die einfache
Textausgabe der „Regulae" des Matthias von Janow ein vor-
zügliches Objekt, die allgemein-reformerischen, die spezifisch-
böhmischen und andere Ideen monographisch darzustellen in
Form von Aufsätzen, Dissertationen oder grösseren Büchern.

Da diese Anzeige mit einem ziemlich starken DissensuB
auhub, ist es vielleicht nicht Uberflüssig, am Schluss auf er-
freulichere Erscheinungen hinzuweisen. Sowohl der Verlag wie
der Herausgeber haben das Ihrige getan, um dem oben be-
klagten Mangel an Kontakt mit der ausländischen Literatur
abzuhelfen. Ihnen beiden gebührt also hohes Lob. Ganz be-
sondere Anerkennung verdienen auch die Register, die am
Schluss jedes Bandes eine Fülle wertvoller Stichworte bieten,
an deren Auswahl und Formulierung man sogleich den treff-
lichen Sachkenner spürt. Die Textrezension ist stets übersicht-
lich und klar, die Ausstattung vorzüglich.

So mag denn die neue Quellenpublikation gute Früchte
tragen zur Belebung der vorreformatorischen Forschung, wie
es oben schon angedeutet ist im Hinblick auf Wiolif und Huss.
Aber auch nach anderen Seiten stösst man auf literarische
Probleme. Der Vorläufer von Matthias von Janow, Militsch
von Kremsier, hat einen kleinen Libellus de antichristo (1367)
verfasst, der von Matthias in seinem Antichrist werke mit ver-
wertet worden ist. Der Traktat des Militsch ist III, 368 ff. mit
abgedruckt, ebenso die Narratio des Matthias über die Vita des
Milioius. Es laufen hier die verschiedensten Fäden zusammen,
und man kann der fleissigen Ausgabe nur ebenso fleissige
Benutzer wünschen. F. KropatScheck-Breslau.

Berg, Prof. Dr. theol. Ludwig (Aachen), Gero, Erzbischof
von Köln 969—976. (Studien und Darstellungen aus
dem Gebiete der Geschichte, im Auftrage der Görres-
gesellschaft, herausg. von H. Grauert; VIII. Bd., 3. Heft)
Freiburg i. B. 1813, Herder (XI, 196 S. gr. 8). 3 Mk.
Gero von Köln war der typische geistliche Fürst der
Ottonenzeit: ein tüchtiger Beamter, im Dienst Ottos I. auf
diplomatischen Missionen wohlbewährt, überträgt er seine Er-
gebenheit unvermindert vom Vater auf den Sohn; zugleich
aber versteht er es, die Traditionen Brunos von Köln aufrecht
zu erhalten, und kümmert sich redlich um die Pflege des kirch-
lichen Lebens seiner Provinz. Allein viel mehr ist auch nicht
von ihm zu sagen. So wird man an Bergs Monographie keine
allzu hohen Ansprüche stellen dürfen. Verdienstlich sind seine
Bemühungen, das Jahr der Wahl und das Todesdatum Geros
sicherzustellen. Im übrigen haftet des Verf.s Interesse haupt-
sächlich an der Gründung des Klosters Gladbach, einem Werk
Geros. Der Kritik seiner Grundungsgesohiohte ist der Exkurs II,
der wichtigste Teil der Schrift, gewidmet. Es ist eine Fundatio,
die sich von zahlreichen anderen nicht erheblich unterscheidet,
also Legende und Geschichte vermischt bietet. Erschwerend
für die Kritik ist die schlechte Ueberiieferung in späten Ab-
schriften. Trotzdem will Berg sie dem Ende des 11. Jahr-
loading ...