Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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so seien gewisse inhaltliehe Uebereinstimmungen nicht zu leugnen,
aber von literarischer Abhängigkeit des Vaterunsers von jüdischen
Gebeten könne nicht die Rede sein, es sei Jesu originales
Eigentum. In diesen Ausführungen ist Hensler vielfach von
A. Bluuau, „Ist das Vaterunser aus jüdischen Gebetsformeln
zusammengesetzt?" (Der katholische Seelsorger XX, Paderborn
1908) abhängig. — Eine kurze Vergleichung mit den Gebeten
des klassischen Altertums, die die überlegene Grösse des Vater-
unsers auch hier zeigt, bildet den Sohluss.

Die Selbständigkeit der Henslersohen Schrift ist gering. In
den Hauptpunkten wiederholt er nur schon Gesagtes, sei es von
v. Soden, sei es von Bludau u. a. Man kann daher nicht sagen,
dass diese Schrift eine Bereicherung der Wissenschaft bedeutet.

Lio. Walther-Langenstriegis.

de Janow, Matthiae (dioti Magister Parisiensis), Regulae
Veteris et Novi Testamenti. Primum in luoem edidit
Vlastimil Kybal. Vol. I—III. Oeniponte (Innsbruck)
1908—11, Sumptibus librariae universitatis Wagnerianae
(XXIX, 347 8. mit einer Tafel; XXIV, 351 S.; XXXIV,
455 S. Lex.-8). Je 12 Mk.
Ein besonderes MisBgeBchiok, an dem ich freilich auch einen
grossen Teil der Schuld trage, hat über der Anzeige dieser
drei Bände gewaltet. Sie ist überholt, wenigstens in formaler
Hinsicht, durch eine Anzeige des vierten Bandes durch Herrn
Kollegen G. Daxer in Pressburg, Theol. Litbl. 1914, Nr. 9.
Aber nach der materiellen Seite läset sich doch immerhin noch
einiges, vor allem über unser Verhältnis zu der ausländischen
Literatur an der Hand dieser ersten drei Bände sagen.

Vor etwa zwölf Jahren hatte ich mir eine der Prager Hand-
schriften des Janowsohen Werkes kommen lassen und an-
gefangen, Bie zu exzerpieren (vgl. mein Sohriftprinzip I, 66 ff.
u. S. 461). Aber sehr bald wurde die Handschrift zurück-
gefordert, weil man in Böhmen einen Druck des ganzen Werkes
beabsichtigte (vgl. Loserth PRE. VIII, 588). Obwohl der In-
halt, wie ich bald feststellen konnte, für die Geschichte des
SchriftprinzipB nicht besonders ergiebig war, sondern mehr
praktisch -ethischen Charakter trug, hat mich seitdem das
Schicksal des Druckes natürlich stets beschäftigt. Eine wirk-
lich brauchbare, moderne Ausgabe des Matthias von Janow,
der als böhmischer Vorläufer von Joh. Huss wieder dadurch
besonders interessant wird, weil Huss bekanntlich seine theo-
logische Weisheit zumeist Wiclif entlehnt hat, ist dooh immer-
hin für die Gelehrtenwelt ein Ereignis, das viele neue Probleme
aufrollen könnte. Aber als ich die Anschaffung der neuen Aus-
gabe beantragte, begegnete man mir in Bibliothekskreisen mit
kühler, um nicht zu sagen misstrauischer Ablehnung des
„tschechischen" Unternehmens. Verwunderlich ist dies nicht
weiter, wenn man bedenkt, dass die anerkannt solide und
grossartige neue Wiclifausgabe, die deutscher Initiative
ihren Ursprung verdankt (D. Buddensieg), auf deutschen Uni-
versitätsbibliotheken mir ebenfalls abgeschlagen und ich auf
private Anschaffung verwiesen wurde, weil sie einige hundert
Mark bereits überschritten hatte. Vielleicht sehen die Herren
Kollegen sich einmal um, ob auf ihren Bibliotheken die Wiclif-
ausgabe vorhanden ist. Hier ist freilich zweifellos die „Wycliffe-
Society" selbst schuld, die keine Rezensionsexemplare an deutsche
Blätter abgibt, so dass die zahlreichen Bände nur als „Vereins-
publikationen" erscheinen und dem deutschen Buchhandel so
gut wie unbekannt bleiben. Auf diesen Mangel an Kontakt

zwischen vorzüglichen ausländischen Quellenpublikationen und
dem gleichfalls vorzüglichen deutschen Rezensions- und buoh-
händlerisehen AnzeigeweBen hingewiesen zu haben, möchte ich
nicht bereuen. Erst kürzlich hatte ich Gelegenheit, auf einen
ähnlichen Fall von Sprödigkeit ausländischer Verleger hinzu-
weisen (Theol. Lit.-Bericht 1914, Nr. 2 über die zehnbändige,
äusserst gehaltreiche „Bibliotheea Reformatoria Neerlandiea").

Es waren wirklich nicht bloss egoistische Interessen, die
mich veranlassten, die ersten drei Bände zur Besprechung ein-
zufordern. Einen etwas lebhafteren Kontakt herbeizuführen,
schien mir verdienstlich, ebenso der Versuch, wenigstens die
öffentlichen deutschen Bibliotheken zur Anschaffung solch eines
wertvollen Quellenwerkes durch eine Empfehlung zu veranlassen.
Hier hat der Innsbruoker Wagnersche Verlag vorzüglich reagiert,
im Unterschied von den Engländern (Wiclif) und den Holländern.
Vor etwa zwei Jahren erhielt ich die drei Bände, und es ist
nun freilich meine Schuld, dass ich allzulange auf den baldigst
in Aussieht gestellten Abschluss des Werkes gewartet habe.
Was vier Jahre gewährt hatte, konnte ja auch ein halbes Jahr
noch währen. Es kommt mir zunächst nur darauf an, die Un-
ordnung in ausländischen Büeheranzeigeu (1908 bis 1912!)
einmal beim rechten Namen zu nennen, die unserer deutschen
Wissenschaft einen recht wesentlichen Teil ihrer geordneten
Arbeitsmöglichkeit entziehen oder mindestens stark erschweren
muss. Denn über Berlin lässt sich ja auch Wiclif, Huss,
Janow u. a. für einige Wochen wohl entleihen. Aber Verleger,
Herausgeber, Bibliotheken und vor allem die Benutzer der
Werke könnten doch sehr viel besser sich in die Hände
arbeiten und das Bewusstsein haben, Zeit, Geld und Mühe gut
anzuwenden, wenn wichtige Quellenwerke stets rechtzeitig an-
gezeigt, geprüft und angekauft würden. Den grössten Märtyrer
der Geschichtswissenschaft der Periode, Joh. Huss, wage ich
in diesem Zusammenhang kaum noch zu nennen. Seine Opera
omnia (Tom. I, fasc. 1: Expositio Decalogi) begannen 1903 bei
Jar. Bureik in Prag zu erscheinen, herausgegeben von Wenzel
Flejshans; als zweiter Band erschien der grosse Sentenzen-
kommentar (herausgeg. von W. Flejshans und Dr. Marie Ko-
minkova 1905/6). Von demselben Herausgeber ist bis jetzt
(da ich Subskribent bin, glaube ich sicher zu gehen) nur ein
Tom. III: Sermones de sauotis erschienen, in dem neuen Verlag
von Jos. R. Vilimek (ohne Jahr!! 11 Mk.). Eine deutsch ge-
schriebene Einleitung spricht für die Ausgabe, zahlreiche
Rezensionen desgleichen, aber hier stimmen offenbar manche
Anforderungen an neue Textausgaben nicht mit der Leistung
überein, so dass man nicht sagen kann, wir hätten aus dieser
etwas unansehnlichen und unübersichtlichen, aber Erstdrucke
bietenden Hussedition seit zehn Jahren einen Aufschwung der
Hussforsohung erlebt. Dooh das ist eine Sache für sich.

Wbb die neue Janowausgabe betrifft, so entspricht sie allen
modernen Anforderungen. Die Einleitungen sind lateinisch ge-
schrieben und zeugen von solider Arbeit. Die Prager Akademie
hat das Werk subventioniert (Subsidio academiae soientiarum,
artium et litterarum Bohemiae Pragensis steht auf jedem Titel).
Eine Sonderstellung nimmt der dritte Band ein, weil er (mit
Recht) den Untertitel: Tractatus de antichristo usw. führt.
Aehnlich könnte man andere Teile absondern, wie es auch
beim vierten Band bereits geschehen ist. Aber im allgemeinen
bleiben die sechs Bücher dooh ein einheitliches Ganze und
sollen in sechs Bänden als Gesamtausgabe der „Regulae"
erscheinen. Zwei Bände also stehen noch aus.

Das kirohengeschichtliohe Interesse an der Ausgabe kon-
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