Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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nicht mehr Sünde tun kann. Diese sittliche Grnndauffassung
der Charis hat Paulus vom Judentum. Sein Gnadengedanke
ist also ein kompliziertes synkretistisches Gebilde, das sich aber
als ein eigenartiges, selbständiges Ganze darstellt auf dem
Boden der paulinischen Gesamtanschanung, der heroischen,
überspannten, eschatologisohen Grundauffassung des Apostels:
die messianische Zeit ist mit Jesus schon gekommen, und alle
Christen sind in das messianische Reich versetzt worden. Nach
Paulus, dessen auf persönliche Erfahrung gegründete, durchaus
originelle religiöse Ueberzeugung unverstanden blieb, ist die
Gnadenvorstellung verschoben worden. Und zwar auf zwei
Linien, der „jüdischen" und der „hellenistischen". Einmal
orientiert die christliche Kirche bald wieder, ganz wie die
jüdische Religion, ihre religiösen Gedanken an der Vergeltung,
am Gericht und verkehrt die göttliche Gnade in Barmherzig-
keit, Mitleid. Sodann wird unter „hellenistischem" Einfluss die
Gnade als eine Kraft gefasst, die den Menschen in Besitz
nimmt wie ein Dämon, oder als eine Potenz, die ihn erfüllt
und dadurch seine geistige und physische Fähigkeit erhöht,
als ein selbständiger Kraftstoff, als eine Art pneumatisches
Fluidum, das in geringerer oder grösserer Quantität in den
Menschen eingegossen werden kann. Bindung dieser Gnaden-
substanz an Kirche, Amt und Sakrament ist der Absohluss
dieser Entwickelung.

Man kann der in ihren Grundgedanken hiermit um-
schriebenen ideengeschichtlichen Studie Wetters eine gewisse
Grosszügigkeit nicht absprechen. Sie enthält ohne Frage wert-
volle und richtige Momente. Aber diese Momente sind mehr
intuitiv erfasst als wissenschaftlich erwiesen. Und die Freude
an dem gut, fast zu gut geschriebenen Buche wird stark ge-
trübt durch einen Wirrwarr von bedenklichen Konstruktionen
nnd hingeworfenen schiefen Urteilen und durch die gänzliche
Abwesenheit einer soliden sprach- und begriffsgeschichtlichen
Fundamentierung der Arbeit. Dass Paulus von seiner religiösen
Gesamtanschauung aus das Wort x*Plc mu einem ganz neuen
Inhalt erfüllt und es zum Exponenten der christlichen Er-
Iösungsreligion gemacht hat, ist sicher. Aber Wetter begeht
den schweren Fehler, weder bei Jesus, noch in der israelitisch-
jüdischen Religion die Anknüpfungspunkte hierfür zu suchen,
die klar zutage liegen trotz des Fehlens eines xaPlC etli"
sprechenden Begriffs. Statt dem Zusammenhange des Paulus
mit dem alttestamentlichen Prophetismus und seinen seitdem
nicht wieder ganz verloren gegangenen grossen heilsgeschicht-
lichen Gesichtspunkten nachzugehen (Koeberles tiefgrabendes
Werk über „Sünde und Gnade" scheint er überhaupt nicht zu
kennen!), müht er sich ab, die Gnaden Vorstellung des Paulus
in ihren Hauptzügen anf hellenische und orientalisch mystische
Gedanken zurückzuführen, die dann doch unter den Händen
des Paulus wieder etwas ganz anderes, Neues, Originelles ge-
worden seien. Ich bestreite nicht, dass das reiche Material,
das Wetter ans der Antike des Westens und des Ostens bei-
gebracht hat, die Hellenisiernng und Orientalisierung der alt-
christlichen xaPl?"Idee im 2. Jahrhundert usw., in den Oden
Salomos, bei den Apologeten, Irenäus u. a. vielfach ausgezeichnet
beleuchtet. Aber die Gnadenvorstellungen des Paulus und der
übrigen neutestamentlichen Autoren vom Griechentum oder von
der Mystik her interpretieren wollen, wie Wetter als pedissequus
von Dieterich, Reitzenstein, Norden n. a. unternimmt, heisst den
Spaten an ganz falscher Stelle ansetzen. Dass xaPl« bei nna'
seit Paulus ein mehrdeutiger Begriff der ältesten christlichen
Glaubenssprache ist, der von grossen Taten Gottes und von

den wichtigsten psychologischen Tatbeständen im Leben der
Christen, von göttlicher Heilsoffenbarung und von menschlichem
Heilsbesitz redet, hat Wetter richtig angedeutet. Die — schöne
und lohnende — Aufgabe, diesen Begriff aus seiner nächsten
religionsgesohichtliohen Umgebung heraus, Judentum und Ur-
christentum, zu entwickeln und seinen eigentümlichen Inhalt
nach den verschiedenen Seiten hin zu entfalten, aber ist noch
nicht gelöst. J. Behm Breslau.

Hensler, Dr. J., Das Vaterunser. Text nnd literarkritische
Untersuchungen. (Neutest. Abhandl., herausgeg. von Dr.
Meinertz. IV, 5.) Münster i. W. 1914, Aschendorff. 2. 80.

Diese Schrift ist offenbar dem Bedürfnis entsprungen, zu
den verschiedenen Vaterunserproblemen auch einmal vom katho-
lischen Standpunkt aus Stellung zu nehmen. Hensler behandelt
hier monographisch zunächst die textkritische Seite der Vater-
nnserüberlieferung, wobei er der Frage nach dem abweichenden
Lukastext der zweiten Bitte, der sog. Geistbitte, einen besonders
ausführlichen Abschnitt widmet. Dann lässt er einen literar-
kritischen Teil folgen, in dem zuerst die Priorität der Matthäus-
oder Lukasform erörtert wird, dann neutestamentliche Parallelen
zum Vaterunser geboten, ferner Zitate des Vaterunsers in der
altchristlichen Literatur bis Origenes namhaft gemacht werden
und endlich das Verhältnis des Vaterunsers zur Gebetsliteratur
des Judentums untersucht wird.

Als Ziel steckt sich der Verf., die älteste griechische Gestalt
des Vaterunsers und seine literarische Eigenart zn ermitteln.
Das Ergebnis der textkritischen Untersuchung ist, dass es bei
der traditionellen Textform des Matthäus und Lnkas bleibt, die
unsere neueren Ausgaben bieten. Die Doxologie wird als späterer
Zusatz preisgegeben. Die ganze Untersuchung ist reichlich breit.
Besonders merkwürdig berührt es darin, wie auch sonst in der
Schrift, dass zahlreiche Zitate aus A. Eurhards Predigten über
das Vaterunser als wissenschaftliche Argumenta angeführt
werden. — Die dann folgende Erörterung über die Urgsstalt
des VaterunBers setzt sich mit Harnacks bekannter These aus-
einander, dass das Vaterunser ursprünglich nur aus der vierten
bis sechsten Bitte bestanden habe, nnd dass Matthäus die drei
ersten Bitten, Lukas aber die Geistbitte hinzugefügt habe.
Hensler lehnt die ganze Aufstellung Harnacks mit Argumenten ab,
die fast durchweg auf die Ausführungen v. Sodens gegen Harnack
(Christi. Welt 1904, Nr. 18) zurückgehen. Die Geistbitte sei von
Marcion eingefügt, und Lukas habe die erste und zweite Bitte
geboten. Seine Abweichungen von Matthäus seien auf seine be-
kannte Gewohnheit, zu kürzen, zurückzuführen. Matthäus biete
die originale Fassung. — An neutestamentlichen Parallelen zum
Vaterunser gibt es ausser Mark. 11, 25 = Matth. 6, 14 f. keinen
bemerkenswerten Anklang. Was Hensler noch weiter anführt,
sind blosse Wortparallelon, so dass hier die literarkritische
Untersuchung zur biblisch-theologischen Studie wird. Höchstens
zeigt sich hier die enge Verknüpfung des Inhalts der ersten
drei Bitten mit den Hauptsachen der Verkündigung Jesu. —
Ebenso lose mit dem eigentlichen Untersuchungsgang verbunden
ist der Abschnitt über die Zitierung des Vaterunsers in den
ältesten Väterschriften, denn deren textkritisohe Bedeutung ist
schon im Anfange gewürdigt worden. Vollständig ist die Auf-
zählung der Väterzitate auch nicht, hat doch z. B. Clemens
von Alexandrien fünf zweifellose Vaterunserzitate, nicht nur
das eine von Hensler angeführte. — Was endlich das Ver-
hältnis des Vaterunsers zu der jüdischen Gebetsliteratur betrifft,
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