Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Theologisches Literaturblatt.

Unter Mitwirkung

zahlreicher Vertreter der theologischen Wissenschaft und Praxis

herausgegeben von

Dr. theol. Ludwig Ihmels

Professor der Theologie in Leipzig.

Nr. 21. Leipzig, 9. Oktober 1914. XXXV. Jahrgang.

Erscheint viorzehnUlgig Freitags. — Abonnementspreis jahrlich 10 Jt. — InsertionsgebO.hr pr. gesp. Petitzeile 80 <j. — Expedition: Eonigstrasse 13.

Sellin, Prof. D. Dr. E., Einleitung in das Alte

Testament.
Welter, Gillis P:son, Charis.
Hensler, Dr. J., Das Vaterunser,
de Janow, Matthiao, Eegulae Votoris et Novi

Testaraenti.

Berg, Prof. Dr. theol. Ludwig, Gero, Erzhischof
von Köln 969—976.

Dreillng, Dr. P. Raymundus, O. F. M., Der Kon-
zeptualismus in der Univorsalienlehro des
Franziskanerbischofs Petrus Aureoli.

Theobald, Dr. Leonhard, Die Einführung der
Reformation in der Grafschaft Ortenburg.

Brandt, Dr. Aug., Johann Ecks Predigttiltigkoit
an U. L. Frau zu Ingolstadt (1526—1642).

Bölsche, Wilhelm, Des Angelus Siiesius Cheru-
binischer Wandersmann.

Hetlinger, Dr. Franz, Apologie des Christentums.

Endriss, Julius, Religiöse Naturlaute.

Schmitt, Dr. Carl, Der Wert des Staates und die
Bedeutung des Einzelnen.

Kant, Immanuel, Zum ewigen Frieden.

Schaefer, Heinrich, Niedergang und Erhebung
der Kulturmcnschheit.

Jacobi, Dr. jur. Erwin, Religiöse Kindererziehung

nach Sächsischem Recht.
Blachny, Fritz, 7 Briefe an die deutsche Jugend.
Burggraf, Julius, Goethepredigten.
Bell, Fr., Laienwünsche an die evangelische

Kirche.

Dubechot, Henri, Enfers psychiques et enfers
sociaux, PExplication.

Nemitz, Helene, Die altdeutschen Maler in Süd-
deutschland.

Neueste theologische Literatur.

Zeitschriften.

Sellin, Prof. D. Dr. E. (Kiel), Einleitung in das Alte
Testament, zweite, neubearbeitete Auflage. Leipzig 1914,
Quelle & Meyer (XV, 168 S. gr. 8). Geb. 3. 20.
Auch bei der Besprechung der zweiten Auflage, die die
alttestameutliche Einleitung Sellins erfreulicherweise schon er-
leben durfte, darf zuerst noch einmal der umfassende Stoff-
reichtum dieses Buches hervorgehoben werden. Denn es gibt
praktisch znr allgemeinen Vorbereitung des Lesers ein Ver-
zeichnis der Gesamtkommentare znm Alten Testament, bringt
auch eine chronologische Uebersieht über die altiestamentlichen
Bücher sowie ein Sachregister. Sodann verdient hervorgehoben
zn werden, dass in allen Partien des Buches einerseits das
früher Erarbeitete mit grösster Unparteilichkeit berücksichtigt
ist, dass aber andererseits die Forschung in allen Punkten
möglichst weiter fortgeführt wird. Dies zeigt Bich naturgemäss
hauptsächlich innerhalb der anf den Pentatench bezüglichen
Abschnitte, da dieser jetzt ganz im Mittelpunkt der Unter-
suchung steht. Da hat Sellin sich nicht bloss an der Nach-
forschung nach den Quellen des sog. Priesterkodex beteiligt,
sondern hat auch eigene nene Gedanken in die Debatte ge-
worfen. Von ihnen ist gewiss der richtig, dass die Entstehung
des Pentatenchs nicht so „eingleisig" verlanfen ist, wie es in
der neueren Zeit oft dargestellt worden ist (S. 54 f.). Der und
jener andere Gedanke, wie z. B., dass die Salbung Adonias
(1 Kön. 1, 18 ff.) nicht südlich von Jerusalem (am Gichon),
sondern in Gibeon stattgefunden habe (S. 55), wird bei der
Kritik vielleicht nicht standhalten. Aber die emsige Ausschau
nach nenen Anhaltspunkten der Erkenntnis bringt doch Leben
in die Wissenschaft und wird dazu helfen, dass die reine Ge-
stalt des wirklichen Ganges der Geschichte schliesslich hervor-
leuchten wird. Uebrigens seine Stellung zu Dahses Meinungen
hat Sellin hinreichend scharf bestimmt. Er gibt ihm zn, dasB
in manchen Versen und kleinen Perikopen der Genesis, die
man bis jetzt zn P gerechnet hat, nichts anderes als liturgisches
Beiwerk zn sehen sei. Aber „der Versuch Dahses, die ganze
sog. Priestersohrift auf diese Weise aufzulösen, scheitert total
an den langen Gesetzen, den Listen, wie auch an manchen
Einzelerzählungen" (S. 52), wie ja die Richtigkeit dieses Urteils

jetzt nun durch meine Untersuchung „Die moderne Pentateuch-
kritik usw." begründet sein dürfte. Also Sellins Einleitung
erweist sich auch besonders in ihrer nenen Gestalt als ein
äusserst stoffreiches, ans dem lebendigen Flusse der Forschung
geborenes nnd mit wohltuendem wärmsten Interesse an der
Hauptsache des Alten Testaments geschriebenes Buch.

Ed. König.

Wetter, Gillis P:ßon (Lic, Upsala), Charis. Ein Beitrag znr
Geschichte des ältesten Christentums. (Untersuchungen znm
N. T, hrsg. von H. Windisch, 5. Heft.) Leipzig 1913,
J. C. Hinrichs (XIV, 224 S. gr. 8). 7 Mk.
Die Gnadenidee im ältesten Christentum ist eine complexio
oppositorum. Ein guter Teil der Entwiekelnngs- oder Um-
wandlnngsgesehiehte der ältesten christliehen Kirche läset sich
an ihr studieren. Auf der einen Seite steht der „griechische"
Gnadengedanke, der Gedanke des gnadenvollen Handelns, der
souveränen Tat Gottes, in Analogie mit der „Gnade" der
Kaiser, die die Inschriften in überschwenglichen Worten preisen.
So denkt Paulus: er versteht unter xaPt? die grosse göttliche
Tat, die Gott mit Christi Kreuz vollzogen hat, wodurch er
alle, die an Christus glauben, in eine neue Welt versetzt, sie
ans Sünde, Gesetz nnd Zorn herausgerissen hat. Aber damit
verbindet sich, schon bei Paulus nnd nach ihm immer mehr
die Oberhand gewinnend, die „hellenistische" (orientalische) Vor-
stellung von der Gnade als einer mystischen, pneumatischen
Kraft, die den Menschen ganz in Besitz nimmt nnd zum
Christen macht. Bald wird hier x<*Pl« als objektive, äussere
Erscheinung gedacht, hypostasiert, räumlich oder == „Heil"
vorgestellt, bald als eine dem Mensehen immanente Kraft oder
als seine Ausstattung, mit deutlieh religiöser Qualität oder auch
mehr allgemein naturhaft gefasst Diese Vorstellung hat Paulus
ans der Ideenwelt der Mysterienreligionen. Aber, im Unter-
schiede von ihnen, huldigt er nicht der quantitativen Auffassung
von der Gnade. Für ihn ist die Gnade keine Naturmacht,
sondern sittlicher Art: sie bedeutet ihm eine ethische Neu-
schöpftuig oder Umsehaffnng des Christen, so dass er eigentlich
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