Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Hegel hervorgeht. Bei der folgenden Schilderung der Be-
ziehungen Kierkegaards zn den anderen Denkern der Zeit ist
dem Verf. leider derjenige Däne entgangen, der gerade um
seiner Polemik gegen Hegel willen Kierkegaard persönlich wie
sachlich am allernächsten stand: Rasmua Nielsen (Üher ihn und
sein Verhältnis zu Kierkegaard vgl. £. Asmussen, Flensburg
1911). Es ist auoh bedauerlich, dass die Untersuchung mit
der „Nachschrift" von 1848 abgebrochen wird, weil von da
ab in Kierkegaards Denken an Stelle der religionsphilosophischen
Theorie die Praxis des Christenlebens im Vordergrunde stehe.
Es wäre doch auch für eine religionsphilosophische Unter-
suchung fruchtbar gewesen, zu zeigen, wie etwa in der „Ein-
übung im Christentum" (1850) der früher erkenntnistheoretisohe
Begriff des Paradox in den rein religiösen übersetzt wird. —
Aber abgesehen von diesen Ausstellungen bedeutet Reuters
Untersuchung eine hervorragende Bereicherung der Kierke-
gaardliteratur. Er analysiert die Schriften biB 1848 und gibt
zum Schluss eine systematische Zusammenstellung der religions-
philosophischen Gedanken, verglichen mit den Hegelachen. Dabei
handelt es sich hauptsächlich um Kierkegaards Angriff auf
Hegels Ausgangspunkt: Die Identität von Denken und Sein
wird bei Hegel doch nur durch eine abstrakte Verflüchtigung
erreicht und wird dann zur leeren Tautologie. Hegel hat die
Wirklichkeit vernachlässigt. Man kann sie nicht ergreifen,
man kann auch den Gegensatz zwischen Endlichem und Un-
endlichem nicht überbrücken durch objektiv sein sollendes
Denken, sondern allein durch subjektive Leidenschaft. Ist
damit Hegels System wirklich überwunden, so ist doch die
formale Abhängigkeit Kierkegaards von der Problemstellung
Hegels unverkennbar. Der tiefste Gegensatz liegt in der
völligen Selbständigkeit des Subjekts bei Kierkegaard, während
bei Hegel die Subjektivität vernichtet wird. Umgekehrt ver-
mag aber wieder Kierkegaard des Objekts nicht ganz Herr zu
werden, weil alle Wahrheit von ihm in das Subjekt verlegt
wird. So haben beide den alten Dualismus von Subjekt und
Objekt nicht zu überwinden vermocht. Mit dieser Feststellung
hat Hans Reuter nicht nur der Philosophiegeschichte, sondern
auch allen Suchern einer klaren Welt- und Lebensauffassung
einen Dienst getan. Lic. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Sandt, Dr. Herrn. (Stadtschulinspektor zu Charlottenburg), Die
Pädagogik Wioherns. Ihre Grundgedanken und deren
Bedeutung für die modernen pädagogischen Probleme.
Leipzig 1913, Jul. Klinkhardt (VIII u. 270 S. gr. 8).
5. 60.

Der Verf. stellt an die Spitze seiner Arbeit einen einleitenden
Abschnitt über den „Werdegang Wicherns" (S. 11—39), um
dann in fünf Kapiteln die Pädagogik desselben darzustellen.
Die Uebersohriften dieser Kapitel lauten: Die Grundlinien des
Wichernschen ErziehungsplaneB (S. 41—68); Die Bildung für
das Leben (S. 69—121); Die Bildung durch das Leben (S. 122
bis 189); Die Grundbedingungen der Lebensbildung (S. 190
bis 229); Das spezifische Gepräge der Wichernschen Pädagogik
und ihre Gegenwartsbedeutung (S. 230—263). In einem Schluss-
wort Bucht er Wicherns Stellung in der Geschichte der Päda-
gogik (S. 264—270) zu bestimmen. Den Kern der Darstellung
bilden danach die Ausführungen von S. 41—263. Hier hat
der Verf. aus Wicherns Schriften einen zusammenhängenden
Nachweis der pädagogischen Gedanken des Begründers und
langjährigen Leiters des Rauhen Hauses gebracht und bei der

Beurteilung derselben Bich auch auf Aeusserungen über ihn und
seine Ansichten mehrfach bezogen, welche sich in älteren und
neueren Arbeiten über diesen „Pädagogen von Gottes Gnaden"
vorfinden. Was hier geboten wird, kann als erschöpfend für
die Behandlung des Themas, mit dem sich der Verf. beschäftigt,
bezeichnet werden. Die Arbeit ist daher jedem, der sich ein-
gehend mit der pädagogischen Bedeutung Wicherns beschäftigen
will, bestens zu empfehlen. Man darf jedoch nicht übersehen,
dass Wicherns eigentliche Bedeutung nicht in erster Linie auf
pädagogischem Gebiete liegt; die Geschichte hat ihn vielmehr
mit Recht als den „Vater der Innern Mission" bezeichnet. In
die Geschichte der Liebestätigkeit innerhalb der evangelischen
Kirche wird er darum in erster Linie einzureihen sein. Gegen-
über dem Ehrenplatze, den er dort einnimmt, sieht es fast wie
eine Auskunft der Verlegenheit aus, wenn Sandt Wichern zu
den preussischen Pestalozzianern rechnet und ihn neben Harnisch
stellt (S. 268). Diese Einschätzung, die gewiss Richtiges ent-
hält, kann doch leicht dazu führen, Wioherns Pädagogik, die
letztlich von Motiven der Innern Mission bestimmt ist, in ihrer
Selbständigkeit gegenüber den Gedanken und dem Wirken
anderer pädagogischer Zeitgenossen als minder original er-
scheinen zu lassen, als sie in Wirklichkeit sich entwickelt und
erwiesen hat. Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, möchte
die sonst sehr verdienstvolle Arbeit von Sandt wohl noch einer
Nachprüfung und Ergänzung bedürfen.

K. K n o k e - Göttingen.

Reukauf, Dr. A., Didaktik des evangelischen Religions-
unterrichts in der Volksschule. 3., erweiterte Auflage
(Bd. I von Reukauf-Heyn: Evangelischer Religionsunter-
richt). Leipzig 1914, E. Wunderlich (XX, 385 S. gr. 8).
4. 60.

Das Reukauf-Heynsche Werk hat sich trotz eines Gesamt-
preises von 40—50 Mk. für seine 11 Bände den führenden
Platz in der modernen Religionspädagogik erobert, und es
bietet gerade in den beiden grundlegenden Bänden, der Didaktik
und Methodik, neben der Fülle des Stoffes, die das ganze Werk
kennzeichnet, viel Gutes, dem jeder Religionslehrer unein-
geschränkt zustimmen kann und Verwirklichung wünschen wird.
Freilich verleugnet sich in dem vorliegenden Bande die liberale
Ueberzeugnng des Verf.s in seiner Erfassung des Wesens der
christlichen Religion und der schulpolitischen Fragen natürlich
nicht, aber gerade in letzterer Beziehung ist er dank seinem
Wirklichkeitssinn und den Dörpfeldschen Schulverfassungsge-
danken einer bemerkenswerten Wandlung zugänglioh gewesen:
er vertritt in der neuen Auflage nicht mehr, wie in früheren
seiner Schriften, das Ideal der allgemeinen interkonfessionellen
Schule mit gemeinsamem Religionsunterricht, sondern das der
„freien evangelischen Schule" unter Berücksichtigung der
Famüieninteressen; dieser grundlegende Teil mit Beiner Ein-
führung in die religionsphilosophischen, reiigionspädagogischen
und schulpolitischen Fragen bildet eine wertvolle Bereicherung
der neuen Auflage. Wohl hätte hier nach Kabisch' und Richerts
Vorgang der jugendpsychologischen und namentlich der reli-
gionspsychologischen Forschung noch mehr Raum gewidmet
werden können, damit das Werk auch in dem wissenschaftlichen
Unterbau den neuen Typ der Religionshandbücher so gründlich
wie möglieh herausgestaltet, aber gerade in den ausführenden
Teilen bekundet sich eine so reiche Stoffbeherrschung und
Literaturkenntnis hinsichtlich der zu behandelnden Fragen, dass
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