Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Hadorn, D. W. (Prof. u. Pfarrer in Bern), Zukunft und
Hoffnung. Grundzüge einer Lehre von der christlichen
Hoffnung. (Beiträge zur Förderung christlicher Theologie.
XVIII. Jahrg., 1. Heft, 1914.) Gütersloh 1914, Bertelsmann
(147 S. gr. 8). 3 Mk.
Konstantin von Zastrow hat durch seine Artikel über
„Diesseits und Jenseits" in der „Christlichen Welt" die Lehre
von den letzten Dingen in ihrer Behandlung durch die modernen
Darstellungen des Christentums in ein für den Gemeindeglauben
höchst bedenkliches Licht gerückt. Aber gerade die Aussprache
in der „Christlichen Welt" hat ergeben, dass man auch auf
dem Standpunkt der modernen Theologie nicht ohne weiteres
geneigt ist, die Eschatologie einfach aus der Glaubenslehre zu
streichen und an die Stelle des Jenseitsglaubens die Diesseits-
religion zu setzen. Vielen, die jene Debatte aufmerksam ver-
folgt haben, mag Hadorns Schrift als ein gutes Wort zur
rechten Zeit erscheinen. Sie ist „aus den Bedürfnissen und
Erfahrungen des praktischen Amtes erwachsen" und sucht ihre
Leser vor allem wohl im Pfarramt. Gelehrter Apparat ist
darum ganz vermieden und nur mit grosser Klarheit und
Schärfe die christliche Hoffnung auf Grund des biblischen Be-
fundes in systematischem Aufbau als Lehrstück des Glaubens
dargelegt. Die einleitenden Kapitel reden vom Christentum als
der Religion der Hoffnung, nämlich der Hoffnung auf die
persönliche Vollendung jenseits des Todes in der Form des
ewigen Lebens, und von der Hoffnung Jesu. Das unterscheidet
die Stellung der Jünger Jesu zu ihrem Meister von der Stellung
der PhilosophenBchüler zn ihrem Lehrer, dass die ersteren in
Jsbu Geschichte eine Offenbarung Gottes erlebt haben. Die
Auferstehung Jesu wird ihnen zur Grundlage ihrer Hoffnung
und bestimmt seitdem das Verhalten der Christen in ethischer
und religiöser Beziehung. In Jesu Hoffnung, deren Form sich
an das antike Weltbild hält, steht der Gedanke der Herrschaft
Gottes beherrschend im Vordergrund. An diese Hoffnung
fühlen wir uns gebunden. Nicht ganz unmissverständlich ist
hier der Satz: „Weil wir seine Herrschaft erfahren und erlebt
haben, glauben wir auch, dass er herrschen wird." Ist alle
Erfahrung Glaubenserfahrung, so folgt nicht aus der Erfahrung
der Glaube als ein Zweites.

Im ersten Hauptteil bespricht Hadorn Grund, Wesen und
Iuhalt der Hoffnung. Auch da könnte Rez. sich die Formulierung
nicht völlig aneignen: „In uns liegt die Erfahrung eines ewigen,
unzerstörbaren Lebens, ausser uns die Auferstehung Jesu Christi
von den Toten" (S. 30). Aber im folgenden wird dem Sub-
jektivismus, der sich auf Gefühl und Erfahrung auch für die
Hoffnungsgedanken stützen zu können glaubt, die Berechtigung
entzogen durch die Erörterung über das Reich Gottes als den
Gegenstand nicht nur der Hoffnung, sondern der schon in der
Gegenwart zu machenden Glaubenserfahrung. Wichtig ist die
klare Betonung der Tatsache, dass unser Leben trotzdem seinen
Wert erst erhält als Vorstufe des zukünftigen wahren Lebens.
Der Inhalt der Hoffnung des Christen wird unter die drei Ge-
sichtspunkte des Individuellen, Sozialen (die Gemeinde) und
Universellen gestellt und danach im zweiten Hauptteil unter-
sucht. Dabei geht der Verf. von dem guten Recht der persön-
lichen Hoffnung auf ein ewiges Leben aus. Die Natur bietet
nirgends eine Tatsache von vollständiger Vernichtung dar. Der
Leib aber als das Organ des Geistes erweist sich bei zu-
nehmendem Alter als untauglich für eine weitere und höhere
Entwickelung des Innenlebens. „Er wird abgenutzt, wahrend
die Seele reicher und lebendiger wird." Der Gotteserfahrung

in Christus verdanken wir die Gewissheit nicht nur der Un-
sterblichkeit, sondern eines ewigen, zur Vollendung gelangenden
Lebens. Diese Gewissheit wird den Gegnern, vor allem den
Vertretern der modernen sozialen Ethik gegenüber ins Licht
gestellt unter Betonung des sozialen Momentes auch der christ-
lichen Hoffnung. „Unsterblichkeit" winkt den der Mitwelt Be-
kannten, ewiges Leben auch den Millionen von Unbekannten.
„Die Entscheidung über das Recht und das Unrecht der
Hoffnung auf ein ewiges Leben hängt einzig und allein von
ihrer Wirkung auf das persönliche und das allgemeine Leben
ab, ob Bie sich als eine lebenbejahende oder lebenverneinende
Macht erweist" (S. 71). In allen Fragen, die von dem Neuen
Testament nicht eindeutig gelöst werden, übt Hadorn grosse
Zurückhaltung. Während mit der Bibel die Gleichzeitigkeit
von Sterben und Auferstehen abgelehnt wird, ist das Urteil
über Ort und Seinsweise der Toten, über das neue Weltbild
vorsichtig. Besondere Bedeutung misst dar Verf. dem Gedanken
bei, dass wir nur dann von einer persönlichen Hoffnung zu
sprechen berechtigt sind, wenn wir dem sozialen Gesichtspunkt
in der biblischen Hoffnung völlig gerecht werden. Daher widmet
er ihm einen grossen Abschnitt. Die kirchliche Theologie trägt
einen Teil der Schuld, wenn über der Betonung der Jenseits-
hoffnung die Perspektiven für die diesseitige Zukunft der
Menschheit uneröffnet blieben. „Damit überliess man es dem
materialistischen Monismus, auf Grund seiner optimistisch ge-
färbten Entwickelungslehre dieses Gebiet der sozialen Hoffnung
zu monopolisieren und die Herzen der sehnsüchtig auf die Zu-
kunft Schauenden für ein auf Erden realisierbares Hoffnungs-
ziel zu gewinnen" (S. 87). Interessant ist der Hinweis auf die
Aehnlichkeit der Hoffnung im Alten Testament mit der sozia-
listischen, wichtig die aufgezählten vier Punkte, in denen sich
die christliche Reichsgotteshoffnung von der sozialen Diesseits-
hoffnung absolut unterscheidet. Abschnitte wie die über die
Rechtfertigung und Reinigung der Gemeinde nach der Wieder-
kunft Christi wünschte man etwas ausführlicher, den Abschnitt
vom Antichrist wissenschaftlich deutlicher unterbaut. In letzterem
darf unseres Erachtens die religionsgesehichtliche Struktur der
Frage nicht kurzerhand in die biblisch-theologische aufgelöst
werden, auch in einer dogmatischen Darstellung nicht, zumal
Jesus selbst weder vom Antichrist noch vom Millennium ge-
redet hat. Der letzte Abschnitt handelt von der universellen
Hoffnung, und zwar zunächst von den Stufen der Vollendung.
Auch hier spricht der Verf. von „Vermutungen und Möglich-
keiten", vertritt aber mit Energie die Anschauung, dass das
Werk Christi sich auf das ganze Universum, auf alle Kreaturen
erstreckt. Zum Nachdenken reizt vor allem die Erörterung
über die Bekehrungsmöglichkeit der Toten und über die
Apokatastasis. — Das gut geschriebene Buch wird vielen
einen wertvollen Dienst leisten. Zänker-Soest.

Reuter, Dr. phil. Hans, S. Kierkegaards religionsphilo-
sophische Gedanken im Verhältnis zu Hegels religions-
philosophisohem System (23. Heft von Falckenbergs Ab-
handlungen z. Philos. u. ihrer Gesch.). Leipzig 1914, Quelle
& Meyer (VI, 131 S. gr. 8). 4. 50.
Der Metaphysizismus Hegels und der Ethizismus Kierke-
gaards sind zwei so inkommensurable Grössen, dass Hans Reuter
mit Recht seiner systematischen Untersuchung eine Nachzeich-
nung der historischen Verhältnisse vorausschickt, aus der Kierke-
gaards faktische Abhängigkeit von und spätere Polemik gegen
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