Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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eine ungeschickte Obrigkeit loszuwerden versuchen, wenn das
ohne Unfrieden geschehen kann (!).

Die Folge dieser massvollen Aufstellungen Hubmaiers (der
auch den Kommunismus, den Chiliasmus und die Eidverweigerung
der Täufer ablehnte) ist es dann gewesen, dass er bald ver-
gessen wurde. „Mit der Rekatholisierung von Nikolsburg um
1580 verschwinden die letzten Anhänger Hubmaiers."

Zu dem mit Kenntnis, Sorgfalt und Kritik gearbeiteten
wertvollen Buche noch ein paar kleine Randbemerkungen:
S. XIII und 176, 3 wird Köstlins Luther nach der ersten Auflage
von 1875 zitiert! Bei der Theologie Luthers von demselben
Verfasser fehlt die Angabe der Auflage. S. 39: Das Zitat von
Chr. Hegendorf stammt zweifellos aus seinem Kommentar zum
1.Petrusbrief, den Job. Secerius 1525 herausgab (vgl. G. Kawerau,
Zwei älteste Katechismen der lutherischen Reformation — von
P. Schultz und Chr. Hegendorf, Halle 1890, S. 12). Dazu
stimmt auch gut das Erscheinungsjahr der zitierenden Schrift:
1526. Es war eben „neueste" Literatur, die H. ins Feld rückte.
S. 211: Bei der Einleitung zur „Lehre vom Sehwert" vermisse
ich N. Paulus, Protestantismus und Toleranz im 19. Jahrhundert
1911. K. Völker, Toleranz und Intoleranz im Zeitalter der
Reformation 1912. Hans Preuss-Leipzig.

Lotiohius, Martin (Geheimer Rat), Das Kirchenwesen im
Königreich Sachsen nach dem geltenden Verfassungs-
recht und dessen neuesten Aenderungen gemeinverständ-
lich dargestellt. Dresden 1914, Buchdruckerei der Wilhelm
u. Bertha v. Bänsch-Stiftung (VII, 162 S. gr. 8). Geb. 2. 20.

Wie in der staatlichen Gesetzgebung, haben die letzten
fünf Jahrzehnte auch hoohbedeutsame Wandlungen für die
Kirchengesetzgebting gebracht. Für die evangelisch-lutherische
Kirche des Königreichs Sachsen, die noch jetzt gegen 94 Proz.
der Bevölkerung umfasst, ist besonders die Einführung der
Kirchenvorstands- und Synodalordnuug im Jahre 1868 und
nachher die Einsetzung des evangelisch-lutherischen Landes-
kousistoriums zur Führung des Kirchenregiments seit 1874 von
grosser Wichtigkeit gewesen. Die seitdem durch diese Behörde
ergangenen Gesetze und Verordnungen füllen allein eine statt-
liche Reihe von Bänden. Zur Orientierung der in der Ver-
waltung der Landeskirche Stehenden in der Fülle der Gesetze
ist — da eine Neuherausgabc des v. Seydewitzachen Kodex deB
Kirchen- und Sohulreohts noch nicht ermöglicht worden ist —
erst in den letzten Monaten von kompetentester Seite eine
hochwillkommene Bearbeitung der wichtigsten kirohengesetz-
lichen Vorschriften für die evangelisch-lutherische Landeskirehe
im Königreich Sachsen veröffentlicht worden. Die obengenannte
Schrift aber kommt nun dem Bedürfnis weiterer kirchlich
interessierter Kreise entgegen. In der Gegenwart liegt nicht
wenigen Gemeindegliedern daran, einen Einblick und Ueberblick
über die kirchlichen Verfassungs- und Rechtsverhältnisse zu er-
halten. In dieser Schrift findet man das Kircheuweseu im
Königreich Sachsen verfassungsrechtlich in treffender Kürze
insbesondere für Nichtjuristen und nicht akademisch Gebildete
gemeinverständlich dargestellt. Vor anderen ist der Verf. dazu
berufen gewesen, nachdem er nahe an 20 Jahre in der obersten
sächsischen Kirchenbehörde als weltlicher rechtsgelehrter Rat
in erspriesslioher Arbeit für die Landeskirche mitgewirkt nat.

Die Schrift behandelt in vier Teilen: 1. Kirchenhoheit und
Kirchengewalt im Hinblick auf staatliehe Aufnahme, Anerkennung
und Zulassung von Religiensgesellschaften überhaupt. 2. Die auf-

genommenen Kirchen, besonders eingehend die evangelisch-
lutherische Landeskirche, aber auch die Rechtsverhältnisse der
römisch-katholischen Kirche, der evangelisch-reformierten Ge-
meinden und Deutsohkatholiken. 3. Dia zugelassenen (be-
stätigten) Religionsgemeinschaften. 4. Die übrigen christlichen
Religionsgesellschaften. Ein Anhang bespricht die israelitischen
Religionsgemeinden und fügt einige der wichtigsten neuesten
Kirchengesetze im Wortlaut bei, auch das staatsgesetzlioh noch
nicht zustande gekommene Pfarrbesoldungsgesetz. Für den
praktischen Gebrauch wird auch Geistlichen und Kirohenvor-
ständen der erste Abschnitt des zweiten Teiles besonders dien-
lich sein, der über örtliches Kirchenwesen und den Gesamt-
organismus der Landeskirche Aufschluss gibt. Dazu ist das
ausführliche Sachregister am Schluss von grossem Wert.

Die verdienstliche Arbeit wird in den betreffenden Kreisen
dankbare Aufnahme finden. D. Nobbe.

Dunkmann, K. (D. u. Prof. der Theologie in Greifswald),
Idealismus oder Christentum? Die Entscheidungsfrage
der Gegenwart. Leipzig 1914, Deiohert (165 S. gr. 8).
3.60, kart. 4.20.

Ein Buch, das mit Blut geschrieben ist. Ein Buch zugleich,
das weite Ausblicke eröffnet, zuletzt alles aber auf die Thema-
frage konzentriert. Indem der Verf. sein Eigenstes gibt,
wünscht er seine Zeit vor die Entscheidung zu stellen: Idealis-
mus oder Christentum?

Freilich, er ist selbst darauf gefasst, dass die Fragestellung
überraschen kann. Erstlich: ist etwa das Christentum kein
Idealismus (S.V)? Insofern gewiss, als auch das Christentum eine
idealistische Form der Weitanschauung ist (S. 5). Gleichwohl
will der Verf. zeigen, dass die Eigenart der christlichen Religion
sich in dem Gegensatz gegen allen und jeden Idealismus be-
zeugt (S. 2). Erhebt sich sodann aber gegen diese Alternative
nicht das andere Bedenken, dass in ihm die möglichen Gegen-
sätze sich nicht erschöpfen? Müsste nicht mindestens auch der
Materialismus als wichtige Weltanschauung in Betracht ge-
zogen werden? In Wirklichkeit soheidet er aus. Als wissen-
schaftliches Denksystem ist er nicht möglich, als praktisoh-Bitt-
liches Lebenssystem aber weist er über sich hinaus. Für eine
ideallose Ethik kann eben niemand ernsthaft eintreten, es zeigt
Bich daher „zu unserer nicht geringen Ueberraschung, was doch
im Grunde so erklärlich ist, dass der Materialismus zu allen
Zeiten, wenn auch bis zu gewissen Grenzen, nur eine andere
Form des Idealismus ist und bedeutet" (S. 13).

Innerhalb des Idealismus aber unterscheidet der Verf. zunächst
drei Formen, je nachdem er als Idealismus der Vernunft oder
des Gefühls oder des Willens auftritt. Keine dieser Typen
kann aber für sich allein befriedigen, eine jede weist auf die
andere als eine notwendige Ergänzung hinaus. Finden dann
die entstehenden Schwierigkeiten ihre Lösung in dem universalen
Idealismus, der in der gemeinsamen Berücksichtigung der drei
Grundvermögen der Seele seine Eigentümlichkeit behauptet?
Es ist recht eigentlich der deutsche Idealismus, mit dem wir
es hier zu tun haben. Als Vertreter erscheinen Fichte und
Eucken und werden vom Verf. mit lebhafter Sympathie ge-
zeichnet. Nachdrücklich wird auch herausgehoben, dass es bei
diesem universalen Idealismus sich nicht um zufällige willkür-
liche Einfälle handelt, sondern um eine geschichtlich gegebene
unvermeidliche Synthese. Gleichwohl erheben sich auoh gegen
diese Form des Idealismus drei Bedenken. Erstens muss man
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