Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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ihrem Teile beisteuert und — eindringlieh am weitere Mitarbeit
wirbt. Angeregt durch den Herausgeber der Abhandlungen*
selbst lehrt sie erkennen, dass die Kirehenreohtswissensehaft
rostig am Werke ist, um mit anderen Disziplinen kirchlicher
oder theologischer Prägung in erfolgverheissenden Wettbewerb
einzutreten. Der schwere Ernst der nnmittelbaren Gegenwart
lässt die wissenschaftliche Forschung vor der höchsten nationalen
Aufgabe, der unserer Selbstbehauptung und Selbstverteidigung,
zurücktreten, weil kein Archimedes mehr der Sorge für sein
Vaterland sich entziehen darf, — es bleibt die feste Zuversicht,
dass die Zeit des Friedens das Daseinsrecht und die Daseins-
pflicht wissenschaftlicher Arbeit froh anerkennen, neu bestätigen
wird. A. Werminghoff-Halle a. S.

Sachssa, Carl (Lioentiat der Theologie in Bonn), D. Balthasar
Hubmaier als Theologe. (Neue Studien zur Geschichte
der Theologie und der Kirche, herausgegeben von N. Bon-
wetsch und R. Seeberg. 20. Stück.) Berlin 1914, Trowitzsoh
& Sohn (XVI, 274 S. gr. 8). 10. 40.
Nachdem durch J. Loserth (Hubmaier und die Anfänge der
Wiedertaufe in Mähren, 1893) und W. Mau (Hubmaier, 1912)
der Lebensgang H.s gründlich aufgebellt worden ist, tritt
nun Saohsse ergänzend mit einer Schilderung dieses Wieder-
täufers als Theologen auf, damit in dankenswerter Weise eine
Lücke schliessend.

Im ersten Teil gibt Sachsse ein sorgfältiges Verzeichnis der
unter Hubmaiers Namen gehenden Schriften, mit genauer
bibliographischer Beschreibung und Inhaltsangabe; und zwar
in drei Gruppen: 1. 24 echte und von Hubmaier selbst in
Druck gegebene Schriften, die handschriftlich erhaltene „Rechen-
schaft" Hubmaiers für Erzherzog Ferdinand (unter den „Bei-
lagen" hier erstmalig abgedruckt), Briefe, verlorene Schriften u.a.;
2. vier Schriften von zweifelhafter Echtheit; 3. sieben unter-
geschobene Schriften (darunter die 12 Artikel der Bauernschaft
und die sog. Nikolsburger Artikel, über die eine vergleichende
Tabelle im Anhang beigegeben ist).

Der zweite Teil stellt die Theologie Hubmaiers in der
Entwickelung dar. Sein äusseres Leben wird dabei nur als
der nötige Rahmen skizziert, der bei Loserth und Mau des
näheren nachzusehen ist. Bemerkenswert ist bei diesem Ent-
wickelungsgang, wie sich Hubmaier von einem nach dem
anderen der Führer dieser Zeit beeinflussen lässt, ohne es frei-
lieh zuzugeben: aus dem Eckschüler wird 1521/22 der Lutheraner,
aus diesem 1523/24 der Zwinglianer, 1525 tritt er, wie Sachsse

* Wir dürfen nicht unterlassen, in aller Kürze wenigstens anzu-
merken, dass U. Stutz seine TJebersicht über die Geschichte und das
System des Kirchenrechts in einer zweiten, wesentlich vermehrten
Auflage veröffentlicht hat Sie verdiente von allen Theologen aufs
gründlichste studiert zu werden, schon allein um der unübertrefflichen
Klarheit ihres Aufbaues willen, der dem Werdegang des Kirchenrechts
und seinen Erscheinungsformen in der Gegenwart seine Aufmerksam-
keit schenkt, katholisches und evangelisches Kirchenrecht behandelt
und allüberall durch die Schärfe der historischen Schilderungen und
der juristischen Begriffsbildung, durch die ausgedehnte Heranziehung
der sorgfältig verzeichneten Literatur den Leser in seinen Bannkreis
zieht (Kirchenrecht, Geschichte und System. Zweite, vielfach ver-
besserte und vermehrte Auflage: Enzyklopädie der Rechtswissenschaft
in systematischer Bearbeitung, begründet von F. von Holtzendorff,
herausgegeben von J. Kohler, V, München und Berlin 1913, 8. 275
bis 479; dieser 5. Band ist einzeln käuflich). Die älteren Lehrbücher
über Kirchenrecht sind damit überholt, nicht zuletzt das „Lehrbuch
des Khdienrechts'' von A. von Kirchenheim, dessen zweite, neu-
bearbeitete Auflage (Heidelberg, Winter, 1911) nur darüber Aufschluss
gewährt, dass solche Werke nicht mehr dem Stande unseres Wissens
und den Anforderungen der Kirchenrechtswissenschaft zu entsprechen
vermögen.

wahrscheinlich macht, in den persönlichen Bannkreis Münzers,
übernimmt die Karlstadtsohe Abendmahlslehre und schafft, im
Anschlnss an Grebel und Genossen, die Kindertaufe ab. Damit
ist sein theologischer Werdegang abgeschlossen; das Folgende
ist nur noch Verarbeitung des gewonnenen Standpunktes.

So kann nun im dritten Teile die Theologie Hubmaiers
systematisch zusammengefasst werden. Dass bei dieser Dar-
stellung manche Unstimmigkeiten bleiben, liegt wahrhaftig nicht
au dem Verf., der sich um die Klärung redlich bemüht, sondern
vielmehr an dem Gegenstande selbst.

Hubmaiers Theologie, die nach seiner Stellung zur Schrift,
zur Heilsaneignung, zur Kirche, den Sakramenten und nach
seiner Lehre vom „Schwert" gruppiert wird, zeigt den Typus
gemässigten Täufertums, in enger Verwandtschaft mit Zwingli,
von dem sie eigentlich im Wesen nur die Stellung zur Kinder-
taufe trennt. Aber auch Luthersohe Gedanken klingen überaus
deutlich nach; man erkennt überall die nachwirkenden Spuren
seines Entwickelungsganges wieder. Echt täuferisoh ist es da-
gegen, wenn er dem freien Willen mehr einräumt, als irgend
einer der Reformatoren, und dementsprechend auch die Nötig-
keit der guten Werke neben dem rechtfertigenden Glauben
betont. Seine Lehre von der Kirche ist uneinheitlich: es
steht sich gegenüber ein sektenhaft auf die Erwachsenentaufe
beschränkter Kirohenbegriff und ein weiterer, allgemein christ-
licher. Das entspricht aber ganz der konservativen Richtung,
die Hubmaier innerhalb des Täufertums vertrat. Als Sakramente
erkennt Hubmaier bloss Taufe und Abendmahl an. Jene ist
nur Glaubensbekenntnis und sittlich-religiöses Gelübde. Wenn
er dieses Sakrament so entleert, fragt man sich, warum er
denn dann so viel Wesens von der Taufe gemacht hat. Sachsse
findet den Grund in dem überaus strengen Sehriftprinzip Hub-
maiers. Genau wie Zwingli, steht er nämlich auf dem Stand-
punkte: „Was nit gebotten ist in der schrifft, ist schon ver-
boten in den dingen, bo die eer Gottes vnd unser seel seli-
kait betreffen" (S. 167). Die Schrift aber kennt nur die Er-
wachsenentaufe, vor allem setzt sie Glauben bei der Taufe voraus,
den kleine Kinder nicht schon haben können. Dieser Schrift-
grund ist aber m. E. schwerlich entscheidend gewesen. Sachsse
selbst betont (S. 200), dass Hubmaier „in vielen anderen Stücken
reichlich inkonsequent ist und gern einmal die Praxis gegen-
über der Theorie bevorzugt". Das Richtige liegt sicher in der
Richtung des Satzes auf S. 201, dass zur christlichen Volks-
kirche die Kindertaufe notwendig hinzugehöre, und die Er-
wachsenentaufe zur Sekte führe. Man denke an die treffenden
Ausführungen Troeltschs über Kirchen- und Sektentypus in den
„Soziallehren". — In der Abendmahlslehre geht Hubmaier von
Karlstadt aus, kommt aber schliesslich zu einer zwinglischen Auf-
fassung — das Abendmahl ist ihm Erinnerungs-, aber noch mehr
Liebesmahl, ja er kann schliesslich den Satz aufstellen, dass „dise
Ceremoni vnd zaichen gantz vnnd gar sich zeuhet auf briederliohe
liebe" (S.210). Hubmaiers Mässigung endlieh kann man am deut-
lichsten an seiner Stellung zum „Schwerte", d. h. zur Obrigkeit
(wir würden jetzt sagen: zum Staat) erkennen. („Von dem
Schwert. Ein Christenliche erklerung der Schrlfften, bo wider
die Oberkait... angezogen werdendt" 1527.) Hubmaier steht
nach dieser Schrift zwischen den duldenden und revolutionären
Täufern mitten inne, indem er das Recht der Obrigkeit, das
Schwert des Gerichtes und des Krieges zu führen, mit der
Heiligen Schrift verteidigt und sogar es als Christenrecht be-
hauptet, sich an diesen Dingen zu beteiligen, natürlich nur,
wenn die Obrigkeit nichts gegen Gott befiehlt. Doch soll man
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