Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Leipoldt, D. Dr. Johannes (ord. Professor der Theologie in
Kiel), Vom Jesusbilde der Gegenwart. Sechs Auf-
sätze. Leipzig 1913, Dörffling & Franke (VIII, 445 S.
gr. 8). 8. 50.

Dieses Buch mag einem schlicht frommen Gemüt recht
schwer eingehen. Denn ihm ist es selbstverständlich, dass man
sich nnter Jesus stellt, dass man ihn nimmt, wie er in den
vier Evangelien sich darbietet, dass der Mensch seine An-
schauungen nach ihm ändert. Hier aber tnt Bich die moderne
Welt anf, für die es keine unbedingte Autorität gibt. Jeder
tritt vielmehr mit seiner eigenen Weltanschauung auch an die
Grössten heran nnd misst sie an seinen Massstäben. Selbst
Jesus muss es Bich gefallen lassen, dass er ganz subjektiv ge-
wertet wird. Jeder sieht ihn von seinem Standpunkt aus und
liest seine Gedanken in ihn hinein. Bis zn einem gewissen
Grade ist das freilich immer so gewesen nnd mnss schliesslich
so sein. Aber früher liess man sich zn Jesu Höhe emporziehen,
jetzt zieht man Jesnm zn der eigenen Tiefe nnd Einseitigkeit
herab. Und darin liegt das Aergerliche dieser Betrachtungs-
weise für ein frommes Gemüt. Es ist freilich nichts geholfen,
wenn man all den modernen Angen, die anf Jesnm gerichtet
sind, nnr so im allgemeinen sagt: Ihr seid kurzsichtig nnd nicht
imstande, ihn zn erkennen, oder wenn man sie gar schilt: Ihr
wollt ihn nicht richtig sehen! Denn denselben Vorwurf geben
sie uns zurück, und es steht Behauptung gegen Behauptung.
Leipoldt hat den einzig richtigen Weg gefunden: er Iässt
sechs Kategorien von modernen Jesnsbeurteilern ihre Auf-
fassungen darlegen, indem er immer die hervorragendsten Ver-
treter derselben sehr ausführlich und eingehend zitiert, und
jeder Leser wird zugeben, dass er sich bemüht, die fremden
Gedankengänge ganz gerecht, möglichst vollständig nnd objektiv
darzustellen und von ihren Ausgangspunkten ans, im Znsammen-
hang mit ihrer ganzen Weltanschauung zu verstehen. Kurz
nur ist dabei seine Kritik — manchmal fast zu kurz. Aber
er zeigt überall die Einseitigkeit, das Ungenügende der be-
treffenden Auffassung.

Der erste Aufsatz behandelt das Jesnsbild der Schön-
heitssucher. Es ist selbstverständlich, dass das nicht einheit-
lich ist. Ebenso werden wir von vornherein zugeben, dass kein
Künstler je imstande sein wird, Jesnm dem religiösen Erlebnis
kongenial darzustellen. Dazu ist Jesus eben zn gross und die
Glaubenserfahrung zn verschieden. Aber gerade das mnss uns
erheben, dass er für Dichter und Maler gleich anziehend ist nnd
die Dichter aller Richtungen sieh mit ihm beschäftigen. Die
staunenswerte Belesenheit des Verf.s verhilft uns mit einem um-
fassenden Ueberblick über die moderne Kunst zn der Freude
dieser Beobachtung, wobei Abweichungen im Urteil hier nnd
da wohl möglich sind. Zum Beispiel weiss ich nicht, ob jeder-
mann E. Lagerlöf gerade für Kinder so einschätzen wird, wie
es der Verf. tut. Vielleicht kann zn den dichterischen Paralle-
lismen in Jesu Reden auch die Einsetzung des heiligen Abend-
mahls gerechnet werden: den Kelch daraus wegnehmen kann
nnr jemand, der für die Denk- und Ausdrucksformen Jesn kein
Organ hat

Der zweite Aufsatz beschäftigt sich mit den Armen-
freunden und der Art, wie sie von ihrem Standpunkt aus
Jesus sehen. Selten wird man so klare, richtige und umfassende
Darstellungen der Gedankenwelt eines Kautsky, Maurenbrecher,
Kalthoff oder eines Friedrich Naumann lesen wie hier. Ueber-
hanpt dient das Buch vorzüglich einer raschen Orientierung
über weite Gebiete des modernen Geisteslebens — ein ausführ-

liches Register hilft dabei. Besonders wertvoll ist es, dass der
Verf. die sozialen Gedankengänge nicht nur in der Literatur
(von Hauptmann und Kretzer bis auf Classen) oder in der
Malerei (besonders bei Uhde), Bondern auch in sektiererischen
Gestaltungen (Heilsarmee, die Neuapostolisohen) aufweist. Auch
er verkennt nicht in Jesus den sozialen Zug und hat viel übrig
für alles, was auf dieser Linie liegt. Aber er sieht auch die
Irrwege, die der Materialismus der Sozialdemokratie geht; er
fühlt das Bedenkliche in manchen Wohltätigkeiten (Blumen-
tage!); er versteht Betty Winters Widerspruch gegen die Ueber-
treibnngen der Armenfrenndliohkeit und rettet vor allem Jesu
Stellung, der nicht als Sozialist, sondern als Bringer einer
neuen Frömmigkeit gewertet sein will.

Auch die Aerzte beschäftigen sich heute mit Jesus. Von
der These aus, dass alles Grosse krankhaft ist, wird anch Jesus
daraufhin untersucht. Leipoldt findet Holtzmanns Antwort auf
die Frage, ob er Ekstatiker war, ungenügend, wie überhaupt
die Theologen in dieser Beziehung versagen. Aber freilich ist
es ebenso verfehlt, ihn als Epileptiker (Rasmnssen) oder als
Paranoiker (Lomer) oder als Vorkämpfer des Vegetarismus dar-
zustellen. Die Angriffe auf Jesu geistige Gesundheit können
nach Sohaefer als gescheitert gelten. Hier ist wohl das gesamte
Material zusammengetragen, das zur Beurteilung dieser Fragen
gegenwärtig zur Verfügung steht.

Es gibt wenig übersichtliche Darstellungen des Monismus:
in Leipoldts viertem Aufsatz finden wir eine, die zwar nicht
den ganzen Umkreis dieses Gebietes beschreibt, aber für das
praktische Bedürfnis einer schnellen Orientiernng durchaus zu-
reichend den landläufigen Monismus auf seine drei Wurzeln
zurückführt: Pantheismus, Materialismus, Evolntionismus. Be-
sonders hinweisen möchte ich anf die Beweise für Jesu Ge-
schichtlichkeit (S. 211, Anm. 1). Treffend ist die Zurückweisung
von Ellen Keys Jesnsbild. Leipoldt nennt es „einen miss-
glückten Versuch, die Weltanschauung des Monismus allseitig
durchzuführen", wobei die Schuld nicht bloss an Ellen Keys
mangelhafter philosophischer Durchbildung liegt, sondern an
den Unstimmigkeiten im Monismus selber.

Die beiden letzten Aufsätze sind die ausführlichsten. Das
katholische Jesnsbild ist auch nach den theologischen
Arbeiten und zwar vom linken wie vom rechten Flügel ge-
zeichnet. Mancher Protestant, der auf den Modernismus be-
sondere Hoffnungen gesetzt hatte, wird hier lernen, dass von
den Halbheiten eines Schell keine Erneuernng des Katholizismus
zu erwarten ist. Interessant ist die Schilderung der volkstüm-
lichen Jesusverehrung, besonders des Herz-Jesu-Kultus, und der
Jesusmystik in Literatur und Kunst. Mir will es freilich scheinen,
als stünde Rosegger dem Protestantismus innerlich viel näher,
als ihn Leipoldt wertet.

Im letzten Aufsatz nimmt die Darlegung des Lebensgangs,
der Dichtung, der Weltanschauung Dostojewskijs einen sehr
breiten Ranm ein. Viele werden diese eindringende Beleuchtung
des grossen Dichters dem Verf. mit mir besonders danken
Nur kommt darüber das russische Jesusbild, das eben an
Dostojewskijs Werken gezeichnet werden soll, meines Erachtens
etwas zn kurz. Soviel aber wird klar: das ist weder der
Christus der Evangelien noch einer für uns Deutsche.

So zeigt der Verf., wie verschieden Bich das Bild Jesu dem
modernen Menschen malt. Er macht dabei keinen Anspruch
anf Vollständigkeit. Vor allem fehlt völlig eine Würdigung
der theologischen Leben-JeBU-Forschung, ebenso der mythischen
Auffassung Jesu (Arthur Drews kommt nur in Anmerkungen
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