Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Kraft? Wenn ich Niebergall recht verstehe, denkt er so darüber:
Jede Zeit hat ihr Ideal = sittliches Entwickelungsziel. Unseres ist
das der Persönlichkeit und Innerlichkeit. Was diesem unserem
(Gewissen8-)ideal entspricht und uns auf dem Weg zu seiner
Durchführung in unserem Leben helfen, Kraft geben kann, ist
uns Autorität und Norm. In den geschichtlichen Persönlich-
keiten der Bibel ist soviel, „das noch grösser ist, als wir sind",
dass auch wir, wie unsere Väter, noch nicht von ihr loskönnen.
Wo diese „Hauptwerte" stehen, „wo die Normen auftauchen,
die uns heute leuchten", ist uns die Bibel „Schrift". „Alles ist
in demselben Masse für uns Gottes Wort, als es für uns be-
deutend ist." Die praktische Exegese „hat es im allgemeinen
damit zu tun, aus dem geschichtlichen Menschenwort ein Gottes-
wort voll Autorität für uns zu machen." D. h. also: Wir halten an
der Bibel, weil wir noch innerhalb der von ihr ausgegangenen
Entwiokelungswelle stehen und das Ideal ihrer Persönlichkeiten
xum Teil noch unser Ideal sein kann; sie hat keinen Offen-
barungscharakter, sondern wir verleihen ihr für uns Offen-
barungswert. Das streift nicht nur, wie Niebergall S. 4 meint,
an Illusionismus, sondern es ist reiner Illusionismus.

Es steckt darin auch ein gut Teil Unklarheit. Er will „das
Stärkste und Beste in den Personen" beibehalten ohne ihre „Welt-
anschauung", will ihre „Kräfte" ohne ihre „Wahrheiten". Als ob
das eine sich vom anderen trennen Hesse! als ob man Jesu Glauben
haben könnte ohne seinen Gottesgedacken! Er will auch an
dem „geschichtlichen Jesus" als einer vergangenen Person fest-
halten und zugleich „einen gegenwärtigen Christus haben".
„Dauernde und eindringende Beschäftigung mit der geschicht-
lichen Gestalt kann dazu führen, dass sie einem gegenwärtig
wird und eindrucksvoll nahetritt. Ganz unbefangen braucht
dann der gläubige Christ die grammatische Form der Gegen-
wart, wenn er von Jesus etwas aussagen will, das ihn oder
andere praktisch berührt. Jedenfalls dürfen wir mit der Ver-
wendung dieser einflussreichen Kraft, über die wir verfügen,
nicht warten, bis alle jene Fragen nach ihrer Begründung mit
den Kategorien der Substanz und der Zeit erledigt sind" (S. 559).
Ist das noch „unbefangene" Unklarheit über den Unterschied
der Kategorien des Seins und des Gedachtwerdens? Jedenfalls
ist es ein bedenkliches Quid pro quo und ein Luftschloss auf Flug-
sand erbaut. — Bedenklich sind auch die Ratschläge Niebergalls
an junge Pfarrer, wie sie der Wunderfrömmigkeit in ihren Ge-
meinden „das Wasser abgraben" und diese zu ihrer „höheren"
Auffassung erziehen sollen (S. 76 ff.). Hier offenbart sich der
ganze schrankenlose Subjektivismus einer Theologie, die sich als
Herrin der Gemeinde wie der Schrift fühlt und gebärdet.

Ein Glück, dass man im „auslegenden" Teil ganze Stücke
lesen kann, ohne anders als durch die Einseitigkeit der Zitate
an diese Theologie erinnert zu werden.

K. Meyer-Magdeburg.

A. Sehlessing's Deutscher Wortschatz („Der passende
Ausdruck"). Praktisches Hilfs- und Nachschlagebuch für
Freunde der deutschen Sprache. Mit einem ausführlichen
Wort- und Sachverzeichnis. Fünfte Auflage. Neu bearbeitet
von Dr. phil. Hugo Wehrle, Oberlehrer in Duisburg-
Ruhrort. Esslingen 1914, Paul Neff (544 S.). Geb. 6 Mk.
Der „Deutsche Wortschatz" zerfällt in zwei, faBt genau
gleiche Teile von 268 und 276 Seiten, einen systematischen und
einen Registerteil. Jener enthält in sechs Klassen (das Sein, der
Raum, die Erscheinungsformen des Seins, geistige Fähigkeiten,

Gebiet des Wollens, Gebiet des Gefühls) unter 1000 Stichworton
ebensoviele Begriffsfamilien, meist paarweise nach Gegensätzen
oder bestimmten Beziehungen zusammengoordnet und in Kolumnen
gegenübergedruckt. Unter diesen Begriffsstichworten finden Bich
dann möglichst alle ihnen verwandten Begriffe, Worte, literarischen
und sprichwörtlichen Redensarten, unter den Rubriken: Haupt-
worte, Zeitworte, Eigenschaftsworts aufgeführt. Da ein grosser
Tal der Worte in mehrfachem Sinne gebraucht wird, also
öfters und an den verschiedensten Stellen des begrifflich
geordneten Teiles erscheint, so bedurfte es eines derartig aus-
führlichen Registers, das geradezu eine alphabetische Wieder-
holung des gesamten Wortmaterials sein muss, um seinen Zweck
zu erfüllen. Der Zweck ist, dem Leser für einen bestimmten
Gedanken den passendsten Ausdruck zu bieten; er sucht im
Register einen ungefähr die Sache bezeichnenden, wird damit
auf die Gruppe der Synonyma im ersten Teil geführt und wählt
hier den wirklich passenden. Der Gebrauchswert des Buches
hat also an der Begriffskenntnis und dem Sprachgefühl des
Benutzers seine Grenze; innerhalb dieser kann es dem Gebildeten
manch guten Dienst leisten. Es ist überaus reichhaltig. Nicht
gut zu entbehrende Fremdworte sind in Klammern gesetzt, auf
Stellen, an denen dasselbe Wort in anderer Bedeutung steht,
ist durch die entsprechende Nummer verwiesen. In der Literatur-
angabe hätte wohl Sanders-Wülfing noch Platz finden können.

K. Meyer-Magdeburg.

Kurze Anzeigen.

Löhe, W. llartyrologium. Zur Erklärung der herkömmlichen Kalender-
namen. Gütersloh 1913, Bertelsmann. 2. Auflage (247 S. gr. 8).
2.60.

Das Buch, zum ersten Male 1868 erschienen und seitdem nicht
wieder, heisst Martyrologium im Anschluss an die katholischen Mar-
tyrologien, unter denen das von Gregor XIII. 1583 herausgegebene
und unter Urban VIII. neu durchgesehene Martyrologium Romanum
das wichtigste ist. Der Name: Märtyrer ist nicht unbedingt in dem
Sinne: Blutzeuge zu nehmen; in dem Verzeichnisse sind auch solche
Männer und Frauen aufgeführt, die eines natürlichen Todes gestorben
sind, die aber infolge ihrer hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete
des kirchlichen Lebens würdig sind, als leuchtende Zeugen der
christlichen Tugenden und Kräfte in der Christenheit fortzuleben und
sie zur Nachfolge zu reizen. Die von Löhe aufgenommene Schar
von Märtyrern und Heiligen stimmt nicht durchweg mit den Person n
des römischen Marlyrologiums überein, das zudem für einzelne Tage
mehrere Personen hat, sie stimmt auch nicht durchweg mit den Namens-
. erzeichnissen überein, die in unseren Kalendern unter den zwei Rubriken:
Katholisch, Protestantisch stehen. Wieweit die bei Löhe sich findenden
Abweichungen von ihm selbst vorgenommen worden sind, vermag der
Rezensent nicht zu sagen. Löhe spricht e9 aber selber in der Vorrede
aus, dass er Aenderungen vorgenommen habe. Das wird wohl am
meisten bei den biblischen Namen der Fall sein; die kurzen Betrachtungen,
die Löhe an die biblischen Namen anfügt, stammen wohl aus seiner
Feder. Sie sind das Erbaulichste in dem Buche. Auch das, was über
die Märtyrer und Heiligen der Kirche gesagt ist, ist von Löhe bear-
beitet. Es ist interessant, zu lesen, wie ein schriftgläubiger, bekennt-
nistreuer Protestant sich mit dem Heiligenwesen der Vergangenheit
auseinandersetzt und auch auf diesem uns so fremdartig berührenden
Gebiete evangelisches Wesen auffindet. Aber die Empfindung hat der
protestantische Leser doch, dass die Bearbeitung hätte weiter gehen
und den protestantischen Namen mehr Raum verschaffen sollen. Ein
paar Worte über Luther, das ist doch zu wenig. Will man keine Per-
sonennamen in den Kalender einsetzen, weil wir Proteatanteu keine
Heilige haben, so kann man doch an einzelnen Tagen der Reformation
und ihrer Geschichte und ihren Leistungen die gebührende Ehre
widerfahren lassen. Solche Tage sind: 13. Aprd Luther in Woran»;
7. Juni Paul Gerhardt t> protestantisches Kirchenlied; 25. Juni
Augustana; 22. September Wittenberger Kirchentag 1848, Innere
Mission; 24. Oktober Westfälischer Friede.

Walter Uaspari-Erlangen.

Skovgaard-Petersen, C, Das Geheimnis des Glaubens. — Ein Weg-
weiser für das praktische Glaubensleben. Deutsch von P. O. Gleiss.
2. Auflage. Gütersloh 1914, Bertelsmann (207 S. 8). 2. 40.
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