Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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geist- nnd kraftvolle Reformator des kurhesaischen Sehnlweaens,
nicht fehlen. Vgl. die Darstellung des Pädagogen Vilmar bei
W. Hopf, „A. Vilmar. Ein Lebens- und Zeitbild", Bd. I (Mar-
burg 1913, N. G. El wert). Einseitige Urteile finden sich z. B.
S. 167/177: „Ein stark hervortretender Zug der 40er Jahre
ist die Anfeindung der klassischen Bildung als einer unkirch-
lichen und unchriatlichen (Hengstenberg, Rümpel)." Weder der
Theologe Heugstenberg, noch der Schulmann Rümpel war ein
Gegner der klassischen Bildung an sich, beide aber erhoben
warnend ihre Stimme gegen einen nur Athen und Rom, nicht
aber Golgatha recht würdigenden einseitigen Klassizismus. Oder
auf S. 179: „Durch die Regulative .... wurde der Religions-
unterricht in den Mittelpunkt gerückt und zugleich veräusserlicht
und mechanisiert." Mit solchen Schlagworten wird Rausch den
vieigeschmähten Regulativen, die sich meines Erachtens als sehr
segensreich erwiesen haben, doch zu wenig gerecht.

In der Darstellung der neuesten Zeit kommt die Volks-
schule — im Verhältnis zu den früheren Perioden — etwas
zu kurz weg. Auch auf dem Gebiet der Volksschule — nicht
nur auf dem der höheren Schulen — kann man von einem
„Kampf um die Schulreform" reden. Da derselbe noch tobt,
ist es durchaus begreiflich, wenn Rausch kein abschliessendes
Urteil abgibt. Allein eine Orientierung über die sich be-
kämpfenden Gegensätze wäre doch erwünscht gewesen.

Dr. Amelung-Dresden.

Niebergall, D. Friedrich (Prof. in Heidelberg), Praktisohe
Auslegung des Neuen Testaments. Für Prediger und
Religionslehrer. 2. Auflage. Tübingen 1914, J. C. B. Mohr
(VI, 608 S. gr. 8). 11. 50.
Die vorliegende zweite Auflage von Niebergalls „Praktischer
Auslegung" erscheint als selbständiges Werk, nicht mehr im
Rahmen des Lietzmannschen „Handbuches zum Neuen Testa-
ment", dessen fünften Band es in der ersten Auflage bildete.
Und das mit Recht. Denn abgesehen davon, dass beide Werke
der „kritischen" Theologie entstammen, ist ihr Zusammenhang
gering. Niebergalls Buch steht dem J. Weissschen Sammelwerk
näher, wie auch dessen Titel vermuten lässt: „Die Schriften des
Neuen Testaments, für die Gegenwart erklärt." Eins freilich
hat Niebergall mit dem „Handbuch" gemeinsam: die inhaltliche
Auslegung tritt zurück. Seine Arbeit ist eigentlich gar keine
Auslegung des Neuen Testaments, auch keine praktische, will
es auch gar nicht sein; der Titel ist nicht eben glücklich ge-
wählt und irreführend.

Was er will, ist dies: er möchte eine methodische Anleitung
geben, wie man die Bibel für die Gegenwart religiös fruchtbar
machen, wie man zu einer praktisch wirksamen Verwendung
ihrer Teile in Predigt, Unterricht, Seelsorge und liturgischem
Gebrauche gelangen kann. Und das von der veränderten „ge-
schichtlichen" Auffassung der Bibel auB. Er arbeitet „nicht
für den religiösen Konsumenten, sondern für den kirchlichen
Zwischenhändler". „Es soll der Hauptnachdruck auf die um-
fassende Darstellung der praktischen Bedeutung, erst der ganzen
Gruppe, also etwa der paulinisohen Briefe, dann der einzelnen
vorliegenden Schrift, dann ihrer wichtigsten Hauptteile, dann
der einzelnen Kapitel und Abschnitte gelegt werden, um einige
Gesichtspunkte für die Erfassung des einzelnen Gedankens oder
Verses zu bieten" (S. 44). „Jeder Gedanke an Vollständigkeit
der praktischen Darlegungen ist ausgeschlossen. Darum wird

auch darauf kein Wert gelegt, in der üblichen Weise Vers für
Vers den Most aus den Trauben zu pressen" (ebd.).

Wenn man einmal diese Position Niebergalls als gegeben
annimmt, wird man zugeben, dass er seine Aufgabe mit Geist
und Geschick gelöst hat. Es steckt in den Besprechungen der
einzelnen Schriftabschnitte eine grosse Summe sorgfältiger Text-
betrachtung unter dem Gesichtspunkt ihrer inhaltlichen prak-
tischen Verwendbarkeit und zur Gewinnung einer handlichen
und gefälligen Form ihrer Verwendung, besonders für Predigt
und Unterricht, auch bo manche überraschende geistvolle Einzel-
wendung. Hier wird wohl jeder Belehrung und Anregung
reichlich finden. Auch sachlich ist vieles erfreulich, wie die
Betonung des Rechtes der Allegorese in der Gleiohnisdeutung,
die Ablehnung des bekannten argumentum e silentio beim ver-
lorenen Sohn, die Anerkennung des Stellvertretungsgedankens
in Rom. 3, 25. 26, des göttlichen Zorns in Röm. 1, 18 usw.
Niebergall zeigt sich weithin als ein Vertreter der neueren
religionsgeschichtlich interessierten exegetischen Arbeit, die
weniger ihre eigene Theologie in die Schrift hinein liest, mehr
Verständnis und Achtung für das Geschichtliche, Eigenartige
und Fremdartige zeigt; wobei er dann gelegentlich gerade
den Abstand zwischen dem „Einst" und „Jetzt", zwischen Bibel
und Neuprotestantismus betont. Dass hier andererseits nicht
weniges aphoristisch und etwas dürftig wirkt, hat seinen Grund
in der oben dargestellten Anlage des Werkes; dass Niebergall
vieles breit behandelt, was dem Rez. weniger wichtig erschiene
und umgekehrt, liegt an der verschiedenen theologischen Stellung;
dass die Stellen, in denen religiöse Gegensätze hervor- und ihre
streitenden Verfechter auftreten, einen besonderen Raum ein-
nehmen und mit Virtuosität auf die Gegenwart umgedeutet
werden, dass dabei die „braven engen Leute" eine Rolle spielen
und von „den Herren Schwachen" geredet wird, gibt dem
Ganzen einen pikanten und unangenehmen kirohenpolitischen
Beigeschmack, wie überhaupt die Tonart nicht immer gerade
geschmackvoll ist Unverständlich ist mir, wie Niebergall zu
Röm. 1, 24—32 schreiben kann: „Wie es Zucht bei Un-
gläubigen, so gibt es auch bei Frommen eine Brunst, die oft
Begleiterscheinung oder gar selbst Inhalt einer ekstatischen
Frömmigkeit ist, wozu die Geschichte der Pfarrhäuser und
Waisenanstalten, auch der Gemeinschaftskreise nicht selten ein
trauriges Belegkapitel bildet." Auf diesem Gebiete sollte man
sich doch am ernstesten vor irreführenden Verallgemeinerungen
hüten!

Liest man in diesem „auslegenden" Teil (S. 80—593) mit
gemischten Gefühlen, wobei aber doch der Dank für eine reiche
Gabe die Bedenken und Aergernisse weit überwiegt, so steht
man im ersten grundsätzlichen Teil (S. 1—79) einer religiösen
Gedankenwelt gegenüber, die man vom Standpunkt des Offen-
barungsglaubens nur glatt ablehnen kann. Niebergall will der
kirchlichen Praxis die Hilfsmittel zur Erfüllung ihrer Aufgabe
bieten, „die Zustände des Menschenherzens nach den im Evan-
gelium liegenden Normen zu gestalten". Die Bestimmung der
Aufgabe halte ich für richtig und glücklich. Die Auffassung
und Beurteilung des Zustandes der zu bearbeitenden Menschen-
herzen ist schon nicht unabhängig von den gedachten und ge-
wollten Normen. Ueber deren Inhalt, soweit er ethisch ist, ist
man weithin einig; soweit er religiös ist, bedingt ihn zugleich
der Gottesgedanke, den man hat. Ihre Zusammenfassung als
„reine Innerlichkeit" ist ungenügend, denn sie ist rein formal
und ohne den Gottesgedanken gebildet. Entscheidend ist die
Frage: woher stammt die Norm? was gibt ihr normative
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