Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Biohtspunkte einer Gelegenheit zur Aktion, zum Gottesdienste er-
schöpft. Auch für das Kreuz reicht der Gedanke des vollendeten
Gottesdienstes Jesu schwerlich aus.

Bemerkenswert im einzelnen ist z. B. die klare Heraus-
arbeitung des Begriffes der Gottheit Christi (S. 11 f.), die sich
gegen eine bloss ethische, sei es auch mit der Sündlosigkeit
Jesu (S. 19) rechnende Urbildchristologie Bcharf abgrenzt. Jesu
Gottesgemeinschaft ist nicht seine Gottheit. Ueber Schlatters
Methode im einzelnen ist hier nicht zu rechten. Schlatter steht
mit gutem Zutrauen vor den neutestamentlichen Berichten über
den Heilandswillen Jesu. Was das Kreuz bedeutet, ist alles
bereits in Jesu Bewusstsein enthalten (S. 5, Anm. 1). An dieser
Stelle, bei der neutestamentlichen Begründung kann man viel-
fach anderer Meinung und skeptischer sein als Schlatter; die
dogmatische Position in Christologie und Versöhnungslehre
wird davon nicht berührt. Lic. P. Althaus-Göttingen.

Carus, Paul, Nietzsche and other exponents of Indivi-
dualism. Chicago & London 1914, The open court
Publishing Company (150 S. 8). Geb. L 25.
Der Verf., Deutscher von Geburt, lebt in Illinois, Vereinigte
Staaten. Er schrieb eine ganze Anzahl von Büchern über
philosophisch-religiöse und literaturgeschichtliche Themata. Am
meisten scheint ihn Buddha und der Buddhismus anzuziehen,
dessen christliche Kritiker er mehrfach einer neuen Kritik unter-
zog. In der von ihm herausgegebenen Vierteljahrsschrift „The
Monist" und in seinem monatlich erscheinenden illustrierten
Blatte „The Open Court" bemüht er sich, die grundsätzlich
gegen die Vernunftwissenschaft gerichteten modernen Bewegungen
des extremen Individualismus zu bekämpfen oder wenigstens
einzudämmen.

Das von ihm vorliegende Buch verfolgt im wesentlichen
denselben Zweck. Er bespricht darin zunächst Nietzsches Lebens-
und Werdegang und seine Philosophie, indem er besonders
Nietzsches extremen Nominalismus, seine Unabhängigkeit z. B.
von Darwin und der Evolutionstheorie, dann den „Ueber-
menschen" und eingehend den „Zarathustra" behandelt. Deussens
„Erinnerungen an Friedrich Nietzsche" (Leipzig 1901) legt der
Verf. in einleuchtendem Verfahren zugrunde und beweist auch
sonst, dass er sich durch gründliche und umfassende Studien
auf die Lösung seiner Anfgabe vorbereitete. Doch hat er z. B.
die Vorlesungen von Rieh. H. Grützmacher über Nietzsche
(Leipzig 1910) und die Studien iu der französischen Literatur,
die sich mit Nietzsche beschäftigen, nicht benutzt. Unter
Nietzsches Vorläufern findet Joh. Kasp. Schmidt, pseudonym
„Max Stirner", gebührende Berücksichtigung. Für deutsche
Leser sind dann die Charakterisierungen der Schüler Nietzsches
in England und Amerika von Interesse (Leonard Abbot, J. Wm.
Lloyd, James L. Walker, Ragnar Redbeard).

Mehrere Photographien Nietzsches, eine Wiedergabe des
letzten Portraits Nietzsches von Stoeving, des plastischen Kopfes
von Klinger, der Statue von Klein sind beigegeben und ge-
währen einen tiefen und erschütternden Eindruck von den Zer-
störungen von innen heraus, denen Nietzsche zuletzt in Geistes-
krankheit erlag.

Im ganzen genommen wird diese Schrift einen beachtens-
werten Platz in der Nietzscheliteratur beanspruchen, da der
Verf. sich geistig und persönlich offenbar mit Hingebung in
die Bewegungen des „Individualismus" versetzt und ihn sach-
gemäss zu kritisieren bemüht ist. Um so mehr aber muss es

auffallen, dass er, wenn es sich um seine eigenen positiven
Feststellungen handelt, nur verschwommene oder überhaupt un-
vorstellbare Gedankenbilder, richtiger Phantasmata bietet, indem
er z. B. erklärt, der „Uebermensch" würde sich schon einstellen,
wenn wir nur erst den „Uebergott", d. i. den überpersönlichen
Gott gefunden hätten. Ja, wenn! Ein anderer „Individualist",
Sören Kierkegaard, würde dem Verf. manche wertvolle Winke
geben können u. a. in seiner Bemerkung, die abstrakte Speku-
lation möge wohl etwas zeigen und lehren, sei indes unfähig,
zu ernähren. Kierkegaard nennt sie eine „Amme ohne Milch
für Erwachsene". Fr. Hashagen-Rostock.

Pernsteiner, P. Benedict, 0. S. B., Im Kreislauf. Synonyme
Gedanken aus Werken griechischer, römischer u. deutscher
Dichter u. Denker. Kempten u. München 1913, J. Kösel
(VIII, 240 S. 8). 2. 40.
Eine schöne Frucht literarischer Studien, die sich namentlich
auf den für höhere Schulen in Betracht kommenden Literatur-
bereich erstrecken. Biblisches und auch das im engeren Sinne
Kirchliche bleibt ausser Betracht. Oft finden sich auch auf
diesem Gebiet überraschende Berührungen, ohne dass doch von
Abhängigkeit des Späteren vom Früheren die Rede sein kann.
Und anregende Ideenverknüpfnngen drängen sich überall auf.
Von Vollständigkeit kann natürlich keine Rede sein. Aber vieles
und Interessantes ist gesammelt und in Rubriken gebracht, die
ein Auffinden ermöglichen. Der Redner und sogar auch speziell
der Prediger wird manche Anregung finden.

Bachmann-Erlangen.

Rausch, Lic. Dr. Erwin, Geschichte der Pädagogik und
des gelehrten Unterriohtes im Abrisse dargestellt.
4., verbesserte und vermehrte Auflage. Leipzig 1914, A.
Deiohert (W. Scholl) (X, 206 S. gr. 8). 3. 40.
Die Aufgabe, die sich Rausch nach dem Vorwort zur ersten
Auflage gestellt: „den Studierenden und Kandidaten des höheren
Sohulamtes, der Theologie und Philosophie das Wichtigste aus
der Geschichte der Pädagogik in kurzer und klarer Fassung,
besonders zur Vorbereitung für das Examen zu bieten", hat
er in geradezu mustergültiger Weise gelöst. Dies beweist schon
die Tatsache, dass sein Buch bereits die vierte Auflage erlebt.
Mit bewundernswerter Knappheit hat er den Riesenstoff zu-
sammengefasst und klar geordnet, immer bestrebt, dem Be-
nutzer seines Buches feste, leicht behaltliche Resultate zu ver-
mitteln. Als treffliches Hilfsmittel zum Repetieren oder zur
Uebersichtsgewinnung kann dieses daher wärmstens empfohlen
werden. Allein auch nur als solches. Es erfordert unbedingt
eine vorhergehende oder nachfolgende gründliche Beschäftigung
mit der Geschichte der Pädagogik, wenn es nicht mehr schaden
als nützen, zum Gebrauch von halbverstandenen Sctilagworten
anleiten und damit der wissenschaftlichen Solidität schaden soll.
Das gilt nun zwar von allen derartigen Kompendien. Die
Gefahr ist aber bei einer Geschichte der Pädagogik besonders
gross, weil erfahrungsgemä38 die grosse Mehrzahl derer, an die
Rausch bei Abfassung seines Buches gedacht hat, sich nur not-
gedrungen, des Examens wegen, mit diesem für den künftigen
Oberlehrer wichtigen Gegenstand beschäftigt.

Auf einzelne sachliche Bedenken näher einzugehen, verbietet
der Raum. Nur folgende seien erwähnt. Unter den bedeutenden
Gymnasialpädagogen des 19. Jahrhunderts dürfte A. Vilmar, der
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