Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Schlatter, Prof. D. A. (Tübingen), Jesu Gottheit und das
Kreuz. 2. Aufl. (Beiträge zur Förderung christlicher
Theologie. V, 5.) Gütersloh 1913, C. Bertelsmann (103 S.
gr. 8). 1. 20.

Es ist erfreulich, dass diese gedankenreiche Studie Schlatters
eine neue Auflage erlebt hat. Sie hat neben der ausführlichen
Kreuzeslehre in dem „christlichen Dogma" selbständigen Wert
und lohnt die hohen Anforderungen, die sie — nicht nur durch
die Schwierigkeit des Gegenstandes — an die Aufmerksamkeit
und das Nachdenken des Leser3 stellt, reichlich. Schlatter
schrieb die Studie 1901 zur Auseinandersetzung mit K. Grass'
Abhandlung „Zur Lehre von der Gottheit Jesu Christi", deren
einschlägige Gedanken Grass dann wieder 1905 („Zur Lehre
von der wesenhaften Gottheit Jesu Christi". Leipzig. Bes.
S. 56—65) mit stillschweigender Berüoksichtignng Schlatters
wiederholt hat. In allem Wesentlichen hat Schlatter den
Aufbau und Inhalt der ersten Auflage unverändert in die
zweite übernommen, nur einige Partien, die speziell einzelne
Aufstellungen von Grass betrafen, sind gefallen.

Es handelt sich um die Frage: „Wie wurde Jesu Gottheit
an seinem Kreuze wirksam und offenbar?" Innerhalb der
kirchlichen Lehrbilduug sind im wesentlichen drei verschiedene
Antworten gegeben; diejenige des Origenes, die sich z. B. bei
Luther wiederfindet (Ueberwindung des Satans durch die Gott-
heit Jesu), die Antwort Anselms und des protestantischen Dogmas
(die Gottheit Jesu gibt seinem Leiden unendlichen Wert), endlich
die Andeutung Melanchthons und des Heidelberger Katechismus
(kraft seiner Gottheit überwindet Jesus die ihm am Kreuze
bereitete Gottverlassenheit). Grass hatte die beiden ersten Ant-
worten abgelehnt und ausschliesslich die dritte akzeptiert. Die
Absicht der Sohlatterschen Schrift geht dahin, das gute Kecht
auch der beiden ersten Formeln samt ihren Modifikationen zu
erweisen (S. 48). Es gilt, die kirchlichen Formeln vereint zu
behalten.

Schlatter zeigt, wie in der Aufhebung der Gottverlassenheit
Jesu als solcher zwar das Wirken Gottes, aber noch nicht die
Gottheit Jesu in ihrer „wesentlichen und qualitativen" (S. 12)
Unterschiedenheit von aller menschlichen Gottesgemeinschaft
sichtbar wird, dass aber auch der znr Ergänzung dieses Ge-
dankenganges unternommene Versuch einer „ Bewusstseins-
theologie" (Vorwort; S. 20 ff.), aus der Gewissheit um die Er-
lösung konsequent anf die Gottheit des Erlösers zu schliessen,
unmöglich ist, da die Fragen nach unserem Erlöstsein und Jesu
Gottheit nicht als die verschiedenen Teile eines Syllogismus aus-
einandertreten können, sondern identisch sind (Abschnitt 1).
Sodann misst er die kirchlichen Sätze an der Schrift, d. h.
zuerst an den mannigfaltigen Aussagen der Apostel (Abschnitt 2
und 3), weiter au dem, was geschichtlich als Heilands- und
Kreuzeswille Jesu zu erkennen ist (Abschnitt 4 und 5). Als
Resultat dieser letzteren Abschnitte ergibt sich: „Darin ist
(Jesu) Gottheit offenbar, dass sein Krenz wertvoll und wirksam
ist vor dem Vater für die Welt" (S. 17), dass er der Welt die
Gemeinschaft mit Gott bereitet. Jesu Sterbenswille ist identisch
mit seinem Heilandswillen, dieser aber ist gottheitlioh, also ist
der Kreuzeswille (S. 52 ff., 86) als solcher, nicht irgend etwas
Einzelnes an der Passionsgesohiohte (8. 95), Offenbarung der
Gottheit Jesu. Freilich — das zeigt der Abschnitt 6 — gott-
heitlich ist der Heilandswille Jesu erst, sofern er wirksam ist.
Am Kreuze tritt diese Seite der Sache in Jesu Maohtbewusst-
sein, wie es in der Erfassung seines Willens als Gehorsam

zum Ausdruck kommt, hervor, hinterher dann in der Auferstehung
und Begründung der Gemeinde.

Mit alledem will Schlatter zugleich den Nachweis führen,
dass im Neuen Testament eine Mannigfaltigkeit von Gedanken
über Jesu Kreuz vorliegt und dass zu allen genannten Theorien
das Neue Testament Beziehungen hat. Bezeichnend für das
ganze Buch ist die Verteidigung der Grundgedanken Anselms,
trotz aller Kritik an denselben und so gewiss Schlatter die
anderen Formeln als Ergänzung der anselmischen würdigt.
Das Kreuz ist zunächst der vor Gott wirksame Gottesdienst
und erst insofern für die Welt wirksam (S. 76 f.). „Der Ver-
such, den Erfolg des Kreuzes, dass uns Gott verzeiht, von dem,
was der Sterbende für den Vater war, vom Wert, den er als
Sohn Gottes hat, abzulösen, schlüge den (neutestamentlichen)
Texten ins Gesicht" (S. 48). Sogar der ansalmische Gedanke,
dass die Gottheit Christi seinem Leiden einen übersittlichen
Wert vor Gott verleihe (S. 31 f., 42 ff., 86), wird von Schlatter,
obgleich stark verändert, festgehalten. Diese Ausführungen sind
nicht überall überzeugend.

Am bezeichnendsten für Schlatters Versöhnungslehre ist der
Abschnitt über den Heilands- und Kreuzeswillen Jesu. Hier
tritt Schlatteis tiefste Uebereinstimmung mit der kirchlichen
Lehrbildung, ebenso seine deutliche Abweichung klar hervor.
Besonders zwei Punkte sind hier bemerkenswert: 1. Schlatter
fordert, dass — entsprechend dem neutestamentlichen Bilde
Jesu — Jesu Heilands- und Sterbenswille wirklich in ihrer
Einheit begriffen werden, Jesu Sterbenswille nicht als Gegensatz
zum Hailandswillen, sondern als Mittel desselben. Das ist nur
möglich, wenn der Tod positiv als Anlass zum höchsten voll-
endeten Gottesdienste eines völligen Glaubens verstanden wird.
Diese Ausführungen über das Sterben (S. 52—67) sind von
grosser Kraft und ernster Beachtung wert. 2. Damit ist schon
gegeben, dass für Sohlatter (entsprechend der in J. T. Beck
und Hof mann verkörperten Tradition) die Aktion Jesu, nicht
die Passion, die Tat der Opferhingabe, nicht das Leiden als
solches das Entscheidende ist. Gegenüber der einseitigen
Passionstheorie der kirchlichen Orthodoxie ist hier eine wichtige
Verschiebung des Akzentes vollzogen. Allerdings vollzieht sich
auch für Schlatter in Jesu Leiden die Gerechtigkeit Gottes. Es
ist gerecht, dass Jesus so leiden muss. Aber dies wird ganz
und gar nicht im Sinne einer Sirafstellvertretung verstanden,
sondern, wie es scheint, vorwiegend im Sinne einer ethisch-
geschichtlichen Notwendigkeit (S. 70 ff-, 78). „Durch unser
falsches Lebenwollen ist er gestorben, hat durch unsere falsche
Liebe gelitten. Dass er sich von ihr gesohieden halte und
deshalb an ihr leide und Bterbe, das hielt Jesus für gerecht."

Allerdings findet an der Verbindung des Sterbens mit der
Sünde die rein positive, aktive Auffassung des Sterbens eine
Grenze. Schlatter selbst stellt nicht nur Glaube und Sterben,
sondern auch Sterben und Busse in Beziehung zueinander
(S. 68). Damit ist aber neben die Aktion die Passion gestellt.
Es geht dann also doch nicht an, Jesu Gottverlassenheit nur
als Anlass zum höchsten Gottesdienste zu würdigen, sondern,
so wie man mit Sohlatter das Leiden mit Gottes Gerechtigkeit
in Beziehung setzt, hat das Leiden als solches eine eigene Be-
deutung. Schlatter betont auch ausdrücklich, dass das Sterben
als Lebensentziehung ein Zeugnis der göttlichen Gerechtigkeit
über die Widersetzlichkeit unseres Willens gegen Gott ist (S. 69).
Um so mehr vermisst man, dass Schlatter die Passion nicht
deutlicher neben der Aktion gewürdigt hat. Schon das mensch-
liche Leiden überhaupt wird nicht mit dem teleologischen Ge-
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