Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

443

444

Der Verf. hat sich ausserordentlich gründlich mit der Heils-
armee beschäftigt, nicht nur mit der Literatur derselben und
über dieselbe (das Verzeichnis zählt 242 Nummern), sondern
auch in persönlicher Erkundung vor allem auch in England
salbst. Diese persönliche Anschauung macht sich überall im
Buche bemerkbar. Dabei hat er als Sozialwissenschaftler natür-
lich von vornherein einen ganz bestimmten Gesichtspunkt, der
seine Darstellung und überhaupt seine ganze Anschauung von
der Heilsarmee beherrscht, die er rein als religiös-soziale Er-
scheinung wertet, mit dem Nachdruck auf dem zweiten Worte.
So schildert er denn nach einem Ueberblick über Literatur und
Quellen und einleitenden methodischen Bemerkungen zuerst
Organisation, Religion und Geschichte der Heilsarmee, dann die
Heilsarmee als soziale Erscheinung und endlich die soziale Be-
tätigung der Heilsarmee. Abgesehen von der wertvollen Zu-
sammenstellung über Organisation und Geschichte scheint mir
in dem letzten Teile der Hauptwert des Buches zu liegen. Mit
den angehängten Tabellen und Register bildet es in der Tat
eine Art „Heilsarmee-Handbuch". Man wird dem Verf. auch
darin recht geben, dass die steigende Konzentration auf die
Sozialarbeit tatsächlich das Charakteristische der Heilsarmee ist.
Aber wie er den theologischen Beurteilern vorwirft, dass sie dar
Heilsarmee nicht gerecht geworden seien, weil sie eben diese
Seite nicht in den Mittelpunkt gerückt hätten, so ist er der
Einseitigkeit nach der anderen Seite nicht entgangen. Er lehnt
die Kompetenz der Theologen überhaupt ab, weil die Heils-
armee grundsätzlich und letzten Endes mit Theologie nichts zu
tun habe. Dabei redet er selbst von religiösen Vorbedingungen
für die Entstehung des Salutismus. Zwar denkt er dabei vor
allem an „die soziale Umformung, zu welcher sich die grossen
christlichen Konfessionen gezwungen sahen", wie er denn auch
bei der Schilderung der „eigentümlichen kirchlichen Verhältnisse
Englands" vor allem die sozialen Verhältnisse darstellt, es ent-
steht aber eben dadurch eine Lücke, die doch nur der Kirchen-
historiker ausfüllen kann. Der theologische Zusammenhang der
englischen Denominationen, in den auch die Heilsarmee hinein-
gebort, bleibt unklar, so dass der Verf. von „zufälligen" An-
klängen an salutistisohe Art spricht (S. 146), wo der Theologe
eine ganze in sich zusammenhängende Richtung vor sich sieht.
Vor allem fehlt hier die Heranziehung der englischen Revivals,
bei denen Bchou früher vieles sich findet, was Clasen der Heils-
armee zuschreibt, so die Denominationslosigkeit. Moody, den
Clasen nicht zutreffend einfach als Methodist bezeichnet, arbeitete
ebenso änterdenominational wie R. P. Smith und Finney. Anderer-
seits übersieht Clasen, dass es sich dabei auf englischem und
amerikanischem Boden stets um nahverwandte, irgendwie refor-
miert gefärbte Denominationen handelt, ebenso wie die von
ihm erwähnten Allianzartikel (S. 206) durchaus dissenterisch-
reformiert und nicht konfessionslos sind. Dasselbe gilt nun auch
von den Anschauungen der Heilsarmee, und zwar nicht nur
den dogmatischen, sondern auch den ethischen. Es ist eben
nicht so, dass die Dogmatik die Konfessionen trenne, die Ethik
sie eine (sogar nicht nur die christliehen Konfessionen, sondern
selbst Christentum und Buddhismus! S. 205), sondern gerade
in der Ethik scheiden sich ja die Konfessionen scharf, und die
Heilsarmeeethik trägt ausgesprochen diesenterisch-reformierten
Charakter. Dass die Heilsarmee „als die Morgenröte des kon-
fessionslosen Christentums" erscheine, wird darum kaum ein-
leuchten. So wird also der Theologe zu dem Werke manches
ergänzend hinzufügen bzw. Korrekturen anbringen müssen (auch
in Einzelheiten: Christian Endeavour ist nicht eine dogmenlose

Kirchengemeinschaft [S. 203], sondern eine auf Allianzboden
stehende Jugendbewegung; ein Fall Jatho oder Traub ist in
England nicht unmöglich [S. 203], sondern Lehrzuohtfälle be-
schäftigen die englischen Kirchengememschaften häufiger und
um viel geringfügigerer Dinge willen; die grossen Erweckungen
sind immer noch das Normale, vgl. die Torrey-Alexander- und
die Chapman-Alexander-Missionen; Wesleys Bekehrung [S. 149]
fand abends 3/49 Btatt; Löhe als dogmatisch indifferente Natur
bezeichnet zu sehen [S. 204], erregt Verwunderung). Auch wird
man den Verf. nicht ganz von Voreingenommenheit für die
Heilsarmee freisprechen, etwa bei der Beurteilung der Arbeit
in Indien und Afrika, wo doch wohl irgendwie eine Parallele
mit anderen Leistungen gezogen werden musste, oder wenn
behauptet wird, dass in Deutschland „weder Protestantismus
noch Katholizismus der eigentlichen Heilsarmee-Sozialarbeit
irgend etwas Gleichwertiges gegenüberstellen können, wenn
auch einige kleine Versuche, die Heilsarmee nachzuahmen oder
gar zu verdrängen, gemacht worden sind" (S. 110). Aber diese
Ausstellungen hindern nicht, dass das Buch sehr geeignet ist,
einem „die Kirche des versunkenen Zehntels" und ihren ehr-
würdigen Gründer wirklich nahe zu bringen, vor allem dem
Theologen, der imstande ist, bei dieser Bezeichnung auch den
Begriff der „Kirche" mehr zu betonen und zu füllen, als es in
dem Werke geschieht. P. Fleisch-Loccum.

Fischer, Dr. phil. Friedrich, Basedow und Lavater in
ihren persönlichen und literarischen Beziehungen zueinander
auf Grund ihres unveröffentlichten Briefwechsels und Tage-
buohaufzeichnungen Lavaters. Strassburg 1912, J. H. Ed.
Heitz (104 S. gr. 8).
Man wird an dieser Veröffentlichung nicht vorübergehen
können, da sie wesentlich auf dem bisher unveröffentlichten
Briefwechsel beider Männer und auf Tagebuchaufzeichnungen
Lavaters beruht und Licht auf die ausserordentliche Beeinflussung
wirft, die Basedow durch Lavater zuteil geworden ist. Die
humanitären und pädagogischen Bemühungen zum Wohle der
Menschheit waren der gemeinsame Boden, auf dem die im
Innersten verschiedenen Männer einander trafen, der Austausch
religiöser Gedanken zum Nutzen der Mitmenschen sehr bald
das wertvollste Ziel ihrer Korrespondenz. Dabei wird klar, wie
stark die führenden Geister jener Zeit sich mit den religiösen
Problemen der natürlichen und geoffenbarten Religion, der Be-
deutung Christi für unser Heil, der Gottesoffenbarung in der
Schrift und der Gebetserhörung beschäftigten, und es fällt
vielfach ein gutes Licht auf Basedows tief religiöses Sehnen,
sofern er Lavaters freundschaftliche, aber oft recht andringliche
Mahnungen mit Ernst auf sich wirken Hess. Andererseits fühlt
man, wie Lavater ihre Meinungsunterschiede sich bis zur Un-
vereinbarkeit erweitern sah, und versteht das sohliessliehe Er-
löschen des Briefwechsels. Neben diesen reügiösen Beziehungen
zeigt Verf. eingebend die ganz besonderen Verdienste Lavaters
und seines Freundes, des Stadtschreibers Iseiin, um das inhalt-
Hche Zustandekommen, die geldliche Unterstützung und den
Vertrieb des Basedowschen Elementarwerkes. Die Fülle des in
drei Kapiteln verarbeiteten Stoffes wird durch zahlreiche An-
merkungen (S. 89—104) des weitereu erläutert.

Frenzel-Leipzig.
loading ...