Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Auch an den übrigen Abschnitten spürt man die bessernde
Hand. Die Schilderung der Frauenarbeit in der Reformations-
zeit ist durch die Einfügung der Lebensbilder der Margarete
Blaurer und der Herzogin Elisabeth von Münden bereichert.
Vergleiche das ansprechende Titelbild von Häberlin — Fresko-
gemälde aus dem Inselhotel zu Konstanz — Margarete Blaurer
nnter den Pestkranken. Dia Anmerkungen zu Anfang des
zweiten Bandes bringen auf 48 Seiten ausser ziemlich voll-
ständigen Literaturangaben manche interessante Einzelergänzung.
Die Urkundensammlung behält neben dem „Quellenbuch" von
Hennig ihre selbständige Bedeutung. Nicht nur durch die ver-
schiedene Gruppierung der einzelnen Stücke. Setzt Hennig mit
der Reformationszeit ein, so hat v. d. Goltz schon aus der alten
Kirche und dem Mittelalter wichtiges Material einem weiteren
Kreise zugänglich gemacht. Wo fand man bisher Auszüge aus
der Syrischen Didaskalia oder die Bestimmungen der Aachener
Synode von 816 über die Nonnenklöster oder die Lebensregeln
der armen Schwestern des heiligen Franziskus von Assisi oder
die in der zweiten Auflage neu hinzugekommenen Satzungen
von Begiaenkonventen des Mittelalters in lesbarem Deutsch?
Aus der Reformationszeit sind die Aktenstücke über Diakonen
und Diakonissen in Wesel und die Auszüge aus der Emdener
Kirchenordnung von 1594 öfter abgedruckt. Daneben bringt
der Verf. eine instruktive Zusammenstellung von Bestimmungen
lutherischer Kirchenordnungen aus dem 16. Jahrhundert über
mancherlei Frauendienst. Für die Erneuerung der weiblichen
Diakonie im 19. Jahrhundert ist Hennigs Buch eine ebenso
reiche Fundgrube. Dagegen bietet v. d. Goltz allein Urkunden
zur Geschichte der philanthropischen Frauentätigkeit im Zeit-
alter der Aufklärung und mehr als Hennig von den Kund-
gebungen patriotischer Frauenvereine aus der Zeit der Freiheits-
kriege. Wie dankbar liest man ferner die Regeln der von
Vincenz gestifteten confrerie de la oharite, die in der
Geschichte der weiblichen Liebestätigkeit solange nachgewirkt
haben!

Die Darstellung im ersten Bande verläuft nach kurzer Ein-
leitung in sechs Abschnitten: L Die Frau im kirchlichen Alter-
tum; II. Christlicher Frauendienst im Mittelalter; III. Frauen-
arbeit in den evangelischen Gemeinden der Reformationszeit;
IV. Die Erneuerung der organisierten weiblichen Liebestätigkeit
in der katholischen Kirche; V. Dieselbe in der evangelischen
Kirche Deutschlands; VI. Deutsohe evangelische Frauenarbeit
in der Gegenwart. Es folgen zwei Anhänge: I. Der Dienst
christlicher Frauen in England; II. Der Dienst der Frau in
der Mission. Ueber den Grundgedanken, der ihn bei dieser
Darstellung bestimmte, spricht sich der Verf. in der Einleitung
aus: „Es kommt mir nicht so sehr auf vollständige Darbietung
des reichen Materials, auch nicht auf biographische Einzelheiten
an, als vielmehr auf die Charakteristik der Arten und Formen
des Frauendienstes in jeder Zeitperiode in ihrem Zusammenhang
mit den gleichzeitigen kirchlichen und sozialen Verhältnissen.
Die Geschichte des Frauendienstes ist nicht nur ein Stück
Kirchengeschichte, sondern auch ein Stück Kulturgeschichte.
Nur unter solcher Beleuchtung wird man ein gerechtes Urteil
über die Erscheinungen der Vergangenheit gewinnen; und dieses
wiederum ist die Vorbedingung einer richtigen Beurteilung der
Bestrebungen unserer Zeit." Man wird sagen dürfen, dass die
Durcnführung des Grundgedankens wohl gelungen ist. Wer
auf dem Wege der kritischen Betrachtung der Vergangenheit
zu einer besonnenen, gerecht abwägenden Würdigung der Er-
scheinungen der Frauenbewegung in der Gegenwart vordringen

i möchte, der wird sich v. d. Goltz als einem kundigen und
sicheren Führer anvertrauen dürfen.

Die Dankbarkeit, die wir gegen den Verf. empfinden,
hindert uns nicht, für eine hoffentlich bald erforderliche dritte
Auflage einige Wünsche auszusprechen. Ungern haben wir
unter den zahlreichen ausgezeichneten Fürstinnen die edle Ge-
stalt der Freundin Albert Knapps, der Herzogin Henriette von
Württemberg, vermisst, von der aus tieferen Wurzeln hervor-
wachsende, nachhaltigere Wirkungen auf die Mit- und Nachwelt
ausgegangen sind als von mancher der erwähnten. Auch
Regina Jolberg hätte neben Luise Scheppler und Henriette
Frickenhans gestellt werden dürfen. Wenn eine wohltuend
warmherzige Schilderung der hocherfreulichen Arbeit der Frauen-
hilfe und ihrer Ausdehnung gegeben wurde und daneben eine
Statistik der bedeutenden Tätigkeit des Evangelischen Diakonie-
vereins, so hätten wir gern auch von dem Umfang und der
reichen Mannigfaltigkeit der Arbeit der Diakonissenmutterhäuser
ein deutliches Bild entworfen gesehen. Die freundliche Be-
urteilung, die der Verf. ihnen hat angedeihen lassen, kann es
nicht ersetzen, und das Vorhandensein von Uebersichten in
anderer Literatur macht sie hier nicht überflüssig; denn das
Werk des Verf. darf nicht nur als eine Ergänzung, es muss
als eine selbständige, umfassende Darstellung gewertet werden,
und es ist eine optimistische Illusion, dass die Kreise, welche
es hoffentlich erreichen wird, über die Arbeit der Mutterhaus-
diakonie auch nur einigermassen orientiert wären. — Wenn
der Raum es gestattet, sähen wir gern die schwierige Frage
nach dem Vorhandensein eines geordneten Gemeindeamtes der
Frau in den ältesten Christengemeinden, über die wir im
wesentlichen mit dem Verf. übereinstimmen, noch gründlicher
im Zusammenhange mit der Frage der Aemter in der ältesten
Gemeinde überhaupt erörtert. Auch trägt die prinzipielle Aus-
einandersetzung mit dem Deutsch-evangelischen Frauenbunde, von
wie gesunden Grundsätzen sie auch ausgehen mag, doch einen
allzu aphoristischen Charakter. Der gut geschriebene Anhang
über den Dienst in der Mission ist durch die fortschreitende
Entwickelung in mancher Hinsicht bereits etwas überholt. In
der Darstellung der Landpflege hätte der vortreffliche Vortrag
Büttners auf der Allgemeinen lutherischen Konferenz in Rostock,
der auch von der ärztlichen Presse wiedergegeben ist, über in
der Provinz Hannover gemachte erfolgreiche Versuche nicht
unbeachtet bleiben sollen.

Doch das sind geringfügige Ausstellungen an dem vortreff-
lichen Buche. Es liest sich mit seinen Anhängen flüssig und
angenehm. Stilistische Unebenheiten haben wir kaum gefunden.
Ein Lapsus ist es, dass Priscilla S. 8 eine kluge und „be-
deutungsvolle" Frau genannt wird. Die Bilder, sinnvoll ge-
wählt, sind auch nach ihrer Ausführung eine Zierde. Druck
und Korrektur Bind Behr sorgfältig. Zu verbessern: Bd. 1,
8. 158, Z. 4 v. o. lies noch statt nach; S. 165, Z. 1 v. o. zu
statt da. Bd. 2, S. 30, Anm. 11, Z 1 Tschackert statt Tschakert;
S. 40, Anm. 19, Z. 2 Armin statt Arnim; S. 41, Anm. 26, Z. 4
französische statt preussische. Auffällig und störend wirkt der
Druckfehler unter dem Bilde nach S. 20: „Cliristin mit einen
Knaben." D. Schwerdtmann-Hannover.

Clasen, P. A., Der Salutismus. Eine sozialwissenBchaftliche
Monographie über General Booth und seine Heirearmee.
(Schriften zur Soziologie der Kultur. Hrsg. von Alfred
Weber-Heidelberg. II. Band.) Jena 1913, Diederiohs (XX,
330 S. gr. 8). 4. 60.
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