Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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dem Wege geht (S. 50. 61 f. 91). Wie gross steht Luther da
mit seiner diplomatischen Unfähigkeit. Man kann es diesem doch
nicht verübeln, wenn er ihn, besonders nach den unliebsamen
Erfahrungen mit der lateinischen Uebersetzung seiner Kirchen-
postille durch Bucer 1526, als nequam (hier wohl etwa
soviel wie Schlingel) bezeichnete und erklärte, dass er ihm
„nimmer traue".

Als Theologe steht Bucer wie auch geographisch zwischen
Luther und Calvin, doch diesem soviel näher, dass Anrieh mit
Recht sagen kann, dass dem Genfer Reformator die schöpferischen
Gedanken Luthers vielfach in der Fassung entgegengetreten
seien, die ihnen Bucer gegeben (S. 143); nur tritt bei Calvin
alles „folgerichtiger, geschlossener, heroischer, aber auch härter
und schroffer" auf (S. 144). Nicht in Gemeinden, aber in Calvin
hat Bucer fortgelebt.

Es liegt in diesen Zusammenhängen fast notwendig, dass
Luthers alles bewegende Grösse mehr nur in der Ferne gezeigt
wird und dass mehr seine Kanten hervortreten. Indes konnte
wohl sein religiöses Interesse, das gerade gegenüber den
politischen Friedensschalmeien Bucers so erquickend rein und
frisch erscheint, mehr betont werden, besonders bei dem
Tadel seiner „mittelalterlichen" Abendmahlsfassung (S. 45 f. 48).
Dagegen kommt S. 47 Karlstadts unsinnige Abendmahlsexegese
mit dem milden Vermerk „merkwürdig" viel zu gut weg.

In dem ganzen Buche ist konsequent die Schreibweise
Bucer durchgeführt (gewöhnlich wechseln auch sonst buch-
stabengenaue Autoren zwischen tz und c ab), und zwar mit
Recht: der Reformator hat sich auf der Höhe seines Lebens
stets so geschrieben (= Abkürzung der lateinischen Form
Bucerus).

Noch immer mangelt es an einer bequemen Ausgabe der
wichtigsten Werke Bucers; von einer Gesamtausgabe ganz zu
schweigen. Ob nicht eine solche Teilausgabe (mit einem brauch-
baren Register versehen) ein wertvolleres Denkmal wäre als eins,
das auf einen Raum von etlichen Quadratmetern eingeschlossen
bleibt? Hans Preuss-Leipzig.

Maichle, Dr. Albert (geistl. Lehrer und Lehramtspraktikant
am Grossherzogl. Gymnasium zu Baden-Baden), Das Dekret
„De editione et usu saerorum librorum". Seine Ent-
stehung und Erklärung. (Freiburger Theol. Studien, hrsg.
von Hoberg u. Pfeilschifter, 15. Heft.) Freiburg i. Br. 1914,
Herder (XVI, 118 S. gr. 8). 2. 60.
Entsprechend den drei Missbräuchen, die das in Frage
stehende Dekret rügt, wird zunächst die Mannigfaltigkeit der
vortridentinisohen lateinischen Bibelausgaben, die „unkirchliche"
Exegese und die Willkür der Buchdrucker skizziert; sodann
werden die Vorverhandlungen des Dekretes, bei denen sich, wie
auch sonst in Trient, mancherlei evangelische Züge hervorwagten,
seine endgültige Gestaltung und die mancherlei Auslegungen
(gemässigte und rigoristische) desselben dargelegt. Die Abhand-
lung, die besonders auf der neuen Ausgabe der Görresgesell-
schaft fusst (Concilium Tridentinum. Diariorum, Actorum, Episto-
larum, Tractatuum nova collectio, ed. S. Merkle und St. Ehses,
1901—1911), gipfelt in der Auslegung des Prädikates authentisch,
das jenes Dekret der Vulgata zuerkannte. Nicht dogmatisch,
wie sich aus dem Zustandekommen desselben und aus dem
fehlenden Anathema ergibt, sondern disziplinar, also praktisch
(non parum utilitatis accedere posse ecclesiae Dei . . .) meinten
es die Väter des Konzils. Der Grund dieser Auszeichnung der

Vulgata ist in der jahrhundertelangen Praxis der römischen
Kirche zu finden. Damit erledigen sich alle verstiegenen Inter-
pretationen des Dekretes, z. B. die tatsächlich auf dem Konzil
vertretene Behauptung, man müsse die biblischen Originale nach
der Vulgata korrigieren u. a. m. Immerhin sieht man auch aus
diesem Buche, zu welchen Rösselsprüngen der Logik und un-
natürlichen Gezwungenheiten die Tatsache führen muss, dass
eine späte Uebersetzung authentischer Schriften selbst wieder
als authentisch, d. h. als absolut rechtskräftig ex se, dekretiert
wird.

Im Literaturverzeichnis wie im Text vermisse ich F. Kro-
patscheck, Das Schriftprinzip der lutherischen Kirche I, 1904
und W. Walther, Die deutsche Bibelübersetzung des Mittel-
alters 1889—92. Andererseits ist F. Laudiert, Die ital.-lit.
Gegner Luthers 1912, zwar mit aufgeführt, aber soviel ich
sehe, nirgends benutzt. Die Prot. Realenzyklopädie wird ganz
merkwürdig mit REP abgekürzt. — Die französische Form für
S. Castellio (Chateillon S. 13, besser Chatelion, urspr. Chatillon)
ist ganz ungebräuchlich; er selbst schrieb sich Castalio. Positiv
falsch ist „Striegel", „Cammerarius" (S. 27), „Plank" (S. 30). —
Luthers Stellung zur Schrift ist ganz obenhin dargestellt. Seine
Allegorisierung wird getadelt; das ist aber gerade das, was ihn
mit der römisch-katholischen Auslegungsmethode seiner Zeit ver-
bindet. Hubs unter die „rationalistische" Richtung, die in Erasmus
gipfelt, einzureihen, geht durchaus nicht. Bucer wird S. 28 als
„einer der einflussreichsten Reformatoren Süddeutschlands" vor-
gestellt. Wozu das? Traut Maichle seinen Lesern nicht die
Bekanntschaft Bucers zu? Das törichte Urteil Paulsens über
eine dogmatisch bestimmte Philologie als Grundlage der Refor-
mation wird natürlich als „klassisch" begrüsst (S. 30). Als
Musterbeispiel von buchhändlerischer Unaufriohtigkeit wird S. 41
„ein Passionale Christi" vom Jahre 1521 angeführt, „das in
Grünenberg gedruckt sein will, tatsächlich aber in Wittenberg
bei Cranaoh erschien". Das ist ein spassiges Versehen. Natür-
lich ist das Büchlein nicht in, sondern bei Grünenberg, dem
bekannten Wittenberger Buchdrucker, erschienen (vgl. näheres
WIX, 677ff.). Hans Preuss-Leipzig.

von der Goltz, D. Ed. Freiherr (o. Professor an der Uni-
versität Greifswald), Der Dienst der Frau in der
ob.ristlicb.en Kirche. Geschichtlicher Ueberblick mit
einer Sammlung von Urkunden. Zweite, vermehrte Auf-
lage mit einem Anhang von Pastor Schoene „Der Dienst
der Frau in der Mission". 2 Bände. Potsdam 1914,
Stiftungsverlag (257 u. 202 S. gr. 8). Zusammen 4 Mk.
Eingehender als Uhlhorn im grossen Rahmen seiner Ge-
schichte der Liebestätigkeit es zu tun vermocht, umfassender
als Schäfer, der nur die weibliche Diakonie zum Gegenstande
seiner Geschichtsschreibung machen wollte, es beabsichtigt, hat
Freiherr v. d. Goltz den Dienst der Frau in der christlichen
Kirche von den Anfängen bis zur Gegenwart dargestellt. Der
Verf. hat auf die Neubearbeitung seines Werkes, das schon in
der ersten Auflage reiche Anerkennung gefunden hat, viel Mühe
verwandt. Das gilt vor allem von dem ersten Hauptabschnitt
„Die Frauen im christlichen Altertum", dessen sieben Kapitel
die Uebersohriften tragen: 1. Die Frauen in den urohristliohen
Gemeinden; 2. Die Frauen im christlichen Familienleben (sehr
wertvoll!); 3. Die ehelosen Frauen; 4. Der geordnete Gemeinde-
dienst der Frauen; 5. Die Märtyrerinnen und Prophetinnen;
6. Die gelehrten Frauen; 7. Die christlichen Kaiserinnen. —
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