Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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unter Paschalis II. in Verbindung bringt. — Beanstanden
möchte ich den Ausdruck „Soheinoriginal", während ich im
Gegensatz zu Schmitz an der Bezeichnung „Originalnachbildung"
nichts auszusetzen finde. Ferner bezweifle ich die Richtigkeit
dessen, was S. 93 über die Kardinalsunterschriften gesagt ist.
Ich glaube, dass viel mehr Unterschriften eigenhändig sind, als
wir bisher annahmen. Es lässt sich bemerken, dass alte
Kardinäle an der Gewohnheit, selbst zu unterschreiben, fest-
hielten, als jüngere kaum noch das „Ego" eigenhändig aus-
führten. — Mit einem Hinweis auf die Kanzleireform des Jahres
1908 Bchliesst die Darstellung, die auch für den Theologen,
der sich mit mittelalterlicher Kirchengeschichte beschäftigt, un-
entbehrlich ist.

Weit wichtiger freilich ist für den Kirchenhistoriker das an
zweiter Stelle genannte Werk. Aus dem dünnen Heft der
ersten Auflage, einem „Grundriss" im eigentlichen Sinn des
Wortes, ist ein stattliches Handbuch geworden. Es ist be-
stimmt, an die Stelle der „Geschichte der Kirchenverfassung
Deutschlands im Mittelalter" zu treten, von der nur der erste
Band erschienen ist. Die Vorarbeiten zum 2. Band haben nun
in dem vorliegenden Werke ihre Verwendung gefunden. Es
ist erstaunlich, welch eine Fülle von Stoff hier vereinigt ist.
Um den Rahmen des Sammelwerkes nicht zu sprengen, musste
ganz überwiegend Kleindruck angewandt werden. Wodurch
denn freilich der Zweck dieses Verfahrens, Wichtiges von Unwich-
tigerem zu scheiden, illusorisch geworden ist. Auch die Freude
an zusammenhängender Lektüre wird dadurch nicht unwesent-
lich beeinträchtigt. Und doch liegt gerade darin ein Vorzug
dieses Buches vor dem vorher besprochenen Werke, dass es
wirklich eine anregend geschriebene Darstellung der verfassungs-
geschichtlichen Entwickelung bietet. Hier findet man vereinigt,
was man bisher mühsam zusammensuchen musste aus enzy-
klopädischen Werken und zahllosen Einzeluntersuohungen. Einer
Verfassengsgeschichte des Mittelalters und nicht zum mindesten
gerade der kirchlichen setzt die Mannigfaltigkeit der Erscheinungs-
formen oft Schwierigkeiten gegenüber, die das Herausarbeiten
bestimmter Eutwickelungsreihen unmöglich machen. So war
es vor allem Werminghoffs Aufgabe, „zu schildern, wie viel-
gestaltigen Bildungen auf deutschem Boden die Beziehungen
zwischen Staat und Kirche während des 10. bis 15. Jahr-
hunderts Raum, Zeit und Gelegenheit gewährten" (S. 40). Da
wirken gegeneinander, um nur eins hervorzuheben, die Tendenz
des Reichsklerus, „für sich selbst und seine Anstalten in den
Besitz landesherrlicher Gerechtsame zu gelangen", und die
landeskirohlicheu Bestrebungen der Laienfürsten, die kirchlichen
Anstalten ihres Landes sich unterzuordnen oder wenigstens auf
ihre Leitung einen bestimmenden Einfluss zu gewinnen, Be-
strebungen, deren Erfolg dem Reformationszeitalter vorbehalten
blieb. Naturgemäss bleibt die Darstellung nicht auf die deutschen
Verhältnisse beschränkt. Auch Rechte und Einkünfte des Papstes,
Papstwahl, Kardinäle, kuriale Behörden und Konsilien werden
in gedrängter Kürze behandelt. Die verarbeitete Literatur ist
vor jedem Paragraphen zusammengestellt worden und wird für
die Weiterarbeit auf dem Gebiet der kirchlichen Verfassungs-
geschichte die besten Dienste leisten. So bildet das Werk eine
vortreffliche Ergänzung zu Haucks Kirchengeschichte und ge-
hört wie diese zum unentbehrlichen Rüstzeug für jeden, der
sich mit der Kirchengesohichte Deutschlands im Mittelalter be-
schäftigt, sei er nun Studierender oder selbständiger Forscher.

Gerhard Bonwetsch-Berlin-Steglitz.

Anrioh, Gustav (Prof. a. d. Universität Strassburg), Martin
Bucer. Buchschmuck von Ph. Kamm. Strassburg 1914,
K. J. Trübner (VIII, 147 S. gr. 8). 2. 75.
Für Strassburg ist ein Bucerdenkmal geplant. Um die Ge-
bildeten dafür zu interessieren, hat der Denkmalsausschuss den
Strassburger Kirohenhistoriker Anrieh veranlasst, ein Bild von
Bucers Lebensgang, von seiner Wirksamkeit wie von seiner
Eigenart und Bedeutung zu entwerfen. Im Hinblick auf diesen
Zweck bemerkt der Verf. bescheiden, dass er nicht beanspruche,
die noch immer fehlende Biographie des Strassburger Reformators
zu bieten, betont aber, dass sich seine Arbeit auf ausgiebigen
Quellenstudien aufbaue, wenn auch der gelehrte Hintergrund
erst in der Zugabe deB Literaturnachweises am Schlüsse augen-
fällig wird.

Anrichs Schrift ist eine überaus vornehme Erscheinung. Es
wird ihr gelingen, die historisch Gebildeten (freilich auch nur
diese) für ihren Helden zu interessieren, vielleicht auch zu er-
wärmen, und damit zu ihrem Ziele zu kommen. Darin wird
sie unterstützt durch ein höchst geschmackvolles Aeusseres; eine
besonders erfreuliche Zugabe sind die acht feinen ganzseitigen
Federzeichnungen von Ph. Kamm, die den Leser mit dem
Porträt Bucers wie mit Personen und Gegenden aus den Ge-
bieten seiner Wirksamkeit bekannt machen.

Das Wertvollste am Inhalt des Buches sind weniger die
vielen Einzelheiten seiner zahllosen Unionsreisen als vielmehr
die individuelle Zeichnung der historischen Bedeutung Bucers.
Anrieh findet in Bucer viel Gegensätzliches vereint (S. 137).
Gegensätzliches ist es gewiss, aber nicht sich Widersprechendes,
und dieses lässt sich meines Erachtens (ebenso wie bei Calvin,
dessen unmittelbarer Vorläufer, ja Lehrer er gewesen ist) durchaus
harmonisch von dem alles überragenden Gesichtspunkt der
Majestät oder Ehre Gottes (S. 129. 131) ableiten. Von
hier aus nämlich erklärt sich, wie mir scheint, ebenso sein
Drängen auf Kirchenzucht (S. 105) (die Gemeinde soll durch
ihren Wandel Gottes Ehre respektieren) und Mission (S. 135)
(die Welt soll für Gott erobert werden), wie der Bucer be-
herrschende Gedanke der Prädestination als Ausdruck der
Unmittelbarkeit (dieser Ausdruck scheint mir treffender als der
der „Allwirksamkeit" [S. 123. 131] zu sein) göttlichen Handelns,
das der geschichtlichen Vermittelung nicht absolut bedarf (der
Gedanke des Erlösungstodes tritt immer mehr zurück hinter dem
der unmittelbaren Verbindung mit dem himmlischen Herrn, S. 49).
Mit dieser Unmittelbarkeit ist aber auch die Betonung des „Geistes"
mitgesetzt — der Geist weht ja, wo er will —, und eben damit
hängt zusammen der Wunsch, die prädestinierten, aber räumlich
und zeitlich getrennten Gotteskinder zusammenzuschliessen oder
wenigstens zusammenzudenken: also die Protestanten durch
„Idealpolitik" unter sich, die Protestanten mit den wohlgesinnten
Katholiken, das Alte Testament mit dem Neuen Testament, ja
das Christentum mit der Antike. („Es ist ein Gottesvolk vom
ersten Erwählten bis zum letzten", S. 123.) Von hier aus flieset,
theologisch angesehen, das Werk seines LebenB, das ewige Ver-
mitteln des „indefessus conciliator et pacis instaurator" (S. 141),
mochte dieser Trieb auch durch eine besondere Charakteranlage
stark unterstützt werden (er zeigt sich auch in seinem „leiden-
schaftlichen" Hang zum Ehestiften, S. 12). Anrieh macht glaub-
haft, dass Bucer bei diesen Unionsversuchen von reinen Ab-
sichten geleitet wurde (S. 61; Motto des Titelblattes das
Bucerwort: Nihil aliud specto quam ut prosim); doch liegt es
im Wesen jeder Vermittelungspolitik, dass der Vermittler sich
dehnen lässt und Anpassungen, oft halb unbewusst, nicht aus
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