Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Mysterienreligionen zurückging, so haben dagegen Harnaek
und Schweitzer und in gewissem Sinne auch Deissmann den
Zusammenhang Pauli mit dem Urchristentum und Judentum
nachdrücklich betont, das geschieht aber nicht, ohne dass zu-
gleich der Apostel der Inkonsequenz beschuldigt und die absolute
innere und äussere Eindeutigkeit des Apostels in Frage gestellt
wird. Auch in der Exegese der paulinischen Briefe wird
das Verständnis der Eigenart des Apostels neuerdings dadurch
gefährdet, dass man eine ganze Reihe christlicher Gedanken
schon in der urchristlichen Gemeinde ihre feste stereotype Aus-
prägung erhalten läsBt, der sich dann auch Paulus bedient haben
soll. Schon in dieser Skizzierung der wissenschaftlichen Situa-
tion deutet sich der eigene Standpunkt unseres Verf.s au. Auch
er tritt nachdrücklich für den engen Zusammenhang Pauli mit
dem Urchristentum und Judentum ein, aber er hält zugleich
die charakteristische Eigenart des Apostels so fest, dass sich
für ihn ein wesentlich einheitliches Bild der paulinischen
Frömmigkeit und Theologie ergibt

Hinsichtlich der entscheidenden Grundtatsachen stimmt das
paulinische Evangelium ganz mit dem Evangelium der Ur-
gemeinde überein. Paulus selbst weiss von keinem Unter-
schied oder gar Gegensatz zwischen beiden, und er hat durch-
aus recht Dort wie hier gehören Tod und Auferstehung Jesu,
und zwar als Heilstatsachen gewertet, zu den Hauptstüeken
des Evangeliums und eben damit auch das Bekenntnis zur
Gottheit Christi. Gleichwohl bleibt dem paulinischen Evan-
geliums eine spezifische Eigenart. Sie ist durch den Beruf des
Apostels bedingt, das Evangelium den Heiden zu bringen, und
sie hängt in erster Linie mit der Gesetzesfrage zusammen; —
die scharfe antithetische Formulierung der Rechtfertigungs-
lehre: „nicht aus Gesetzeswerken, sondern (allein) aus Glauben"
ist spezifisch paulinisch. Jedoch bestand auch an diesem Pnnkt
für das Bewusstsein des Apostels keine Spannung mit dem
Evangelium der Urgemeinde; vielmehr beweist besonders Gal. 2,
16, dass nach seiner Ueberzeugung die gemeinsame Grund-
anschauung zu den gleichen Konsequenzen führen müsste.
Pauli Stellung zum Gesetz bedeutet eben umgekehrt ganz und
gar nicht eine Geringschätzung des Gesetzes und verkennt
keineswegs den immanenten Wert, der ihm an sich zukommt.
Nur in der Frage nach der Beschaffung von Rechtfertigung,
Errettung und Heil sind Gesetz und Gesetzeswerke völlig aus-
zuschalten. Daraus ergibt sich freilich auch die Konsequenz,
dass es einen tertius usus legis für den Apostel nicht gibt. —
Mit dieser Stellung Pauli stehen Grundsätze, wie sie 1 Kor. 7,
17—20 entwickelt werden, nicht in Widerspruch: das Gesetz
ißt für den Apostel gewissermassen zu einem Adiaphoron ge-
worden. Ebenso ist Paulus ganz und gar nicht gehindert, ge-
wisse Vorzüge Israels unbedenklich anzuerkennen. Auf das
ganze gesehen ist also die Stellung des Apostels durchaus ein-
heitlich durch den Gedanken der Alleinwirksamkeit der Gnade
bestimmt. Eine Ergänzung findet dieser Gedanke in der
Pneumalehre, die als „das Spezifisch-Paulinische an Paulus"
zu gelten hat. Ueber sie konnte freilich der Verf. nur nooh
zehn Thesen aufstellen.

In den entscheidenden Hauptpunkten weiss ich mich mit
dem Verf. durchaus eins. Im einzelnen könnte ich in den
Aussagen über das irvsöu.a die einfache Identifikation mit
dem erhöhten Christus in These 3 nicht mitmachen; der fol-
gende Satz läset mich freilich bereits vermuten, dass mehr eine
Differenz des Ausdrucks als der Sache vorliegt. Gern unter-
schreibe ich dagegen den schönen Satz, dass für das Glaubens-

bewusstsein des Apostels der Begriff „Geist" ein unmittelbarer
Ausdruck erlebter Wirklichkeit ist. Zur Erklärung der anti-
thetischen Formulierung des Rechtfertigungsgedankens würde
ich stärker neben dem heidenapostolischen Berufe und, grund-
sätzlich angesehen, vor ihm das eigene Erlebnis des Apostels
betonen. Endlich könnte ich mich bei einer einfachen Ab-
lehnung des tertius usus legis für Paulus nicht beruhigen, so
sehr ich mich auch hier mit der Tendenz des Verf.s eins weiss,
und so wenig ich mich des Ausdrucks annehmen würde. Doch
ist ein näheres Eingehen darauf im Rahmen dieser Anzeige
nicht möglich.

Alles in allem scheint mir der Vortrag ebenso durch seine
Orientierung über die Problemstellungen wie die besonnene Art
der Beurteilungen ausgezeichnet. Ich empfehle ihn lebhaft.

Ihmels.

Thommon, R. (o. Prof. in Basel), und Schmitz-Kallenberg,
L. (Prof., Privatdoz. in Münster i. W.), Urkundenlehre

I. und II. Teil, 2. Aufl. (Grundriss der Geschichts-
wissenschaft, hrsg. v. A. Meister; Bd. I, Abteiig. 2.) Leipzig
1913, Teubuer (VI, 116 S. gr. 8). 2.40.

Werminghoff, Dr. phil. Albert (o. ö. Prof. an d. Univ. Königs-
berg i. P.), Verfassungsgeschichte der Deutschen
Kirche im Mittelalter. 2. Aufl. (Dieselbe Sammlung;

II. Reihe, Abteiig. 6.) Ebd. 1913 (238 8. gr. 8). 5 Mk.
Von dem Sammelwerk, das wir gewöhnlich als „Meisters

Grundriss" zitieren, und das in der Hauptsache Abrisse der
historischen Hilfswissenschaften im weitesten Sinn enthält, liegen
einige Teile bereits in zweiter Auflage vor. Es zeigt sich
darin, wie richtig der nachträgliche Entschluss des Verlages
war, die einzelnen Teile auch in gesonderten Heften aus-
zugeben. Denn gerade in einem derartigen Sammelwerk sind
die einzelnen Beiträge nach Wert und Brauchbarkeit oft recht
verschieden. Diese Differenz macht sich übrigens auch in dem
ersten der hier zur Besprechung stehenden Abteilungen be-
merkbar. Während der erste Teil (Grundbegriffe. Kaiser- und
Königsurkunden) immer noch unter einer bei einem Grundriss
nicht recht verständlichen Breite des Ausdrucks leidet, sehr zum
Nachteil der Uebersichtlichkeit, hat Schmitz-Kallenberg seiner
Behandlung der Papsturkunden alle Vorzüge gewahrt, die schon
der ersten Auflage nachgerühmt wurden: Uebersichtlichkeit,
Klarheit der Darstellung und infolgedessen Behaltsamkeit deB
Gebotenen. Denn um ein Lern- und Nachschlagewerk für
Studierende handelt es sich ja in erster Linie. Dafür ist aber
eine wesentlich kompilatorische Arbeit, wie sie Schmitz geleistet
hat, völlig ausreichend. Schmitz verfolgt die Entwicklung des
kurialen Urkundenwesens von der ältesten Zeit bis auf unsere
Tage. Die Erweiterungen gegenüber der ersten Auflage sind
nicht sehr erheblich, doch sind natürlich die Ergebnisse der
letzten Jahre, besonders die neuen Bände der Regesta ponti-
ficum von Kehr und Brackmann, gewissenhaft verarbeitet. Der
für die Kenntnis der römischen Kanzlei überaus wichtige Nach-
weis von Peitz, dass wir im Registrum Gregorii VII das Original-
register dieseB Papstes haben, wird auch von Schmitz als ge-
lungen angesehen. Mit Recht finden jetzt auch die Papstbriefe
Berücksichtigung, die, wenn auch keine Urkunden im recht-
lichen Sinn, sich doch formell mit diesen nahezu decken. Neu
ist, dass wir die Existenz der Literae clausae bis auf Calixt II.
zurückverfolgen können. Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn
man ihre Einführung mit den mannigfachen Kanzleireformen
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