Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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habe. Das wirkt dann — man mag zugeben, mit einer ge-
wissen Notwendigkeit — bis in die Stoffwahl sich aus.

Immerhin zeigt schon das zitierte Wort, dass der Verf. auch
von einer Bindung durch liberale Traditionen zu warnen ver-
mag, und umgekehrt will sein Buch gewiss nirgends zu einem
voreiligen Absprechen über kirchliche Positionen anleiten. Viel-
mehr dringt er wiederholt darauf, dass man die Motive der
kirchlichen Theologie auf sich wirken lasse; er selbst ist eben
überzeugt: „Einerlei ist es wahrlich nicht, was einer als Christ
glaubt und denkt" (S. 300). Mehr noch: Der Verf. kann ge-
legentlich an dem Christentum Seiten betonen, auf die gerade
das kirchliche Christentum Wert legt; — aber freilich, zugleich
zeigt sich überall die ungeheuere sachliche Differenz.

Einzelne Proben mögen das illustrieren. Am sympathischsten
berührt vielleicht die Energie, mit der er sich gegen ein
Christentum ohne Jesus erklärt und zugleich betont, dass er
Paulus und die Reformatoren als die tiefsten Interpreten zum
Evangelium Jesu hinzugerechnet haben will (S. IX). Bei der
Besprechung des Urchristentums heisat es dann aber von der
sich bildenden Kirche: „Sie ist nicht die Stiftung Jesu" ...,
„Ihr Christentum ist nicht das Evangelium Jesu"; „die
fatalste Veränderung liegt vielfach darin, dass letztlich das Bild
Jesu selbst und die Wiedergabe seines Evangeliums von der
kirchlichen Umbildung mit ergriffen wurden, wie denn in der
Tat Orthodoxie, kirchliche Engherzigkeit, Sakramentales, Mytho-
logisches sich in den Evangelien eingenistet hat." Auch in
diesem Zusammenhang wird zuletzt aber dann wieder betont:
„Dennoch, der grösste Dienst, den die Kirche, sie allein, der
Menschheit erwiesen hat, ist die Ueberlieferung von Jesus, der
Glaube an Jesus" (S. 182). — Eine Absolutheit des Christen-
tums wird ähnlich wie bei Troeltsch als wissenschaftlich nicht
beweisbar zur Seite geschoben; aber als das Wertvolle an dem
Absolutbeitsanspruch wird anerkannt, dass eine bestimmte Ent-
scheidung für oder gegen das Christentum gefordert werde:
„Man kann nicht Jünger Buddhas und Jesu, nicht einmal Goethes
und Jesu sein" (S. 367). — Von der „Reaktion", die Verf. mit
dem zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts einsetzen lässt,
wird behauptet: „Das eigene Ziel ist Wiederherstellung der
unfehlbaren Autorität des Gottsswortes uud der kirchlichen Be-
kenntnisse und Ordnungen bis zum strengsten exklasivsten
KonfesBionalismus, der womöglich die lutherische Streit-
wut des 16. und 17. Jahrhunderts übertrifft" (S. 248.
Von mir unterstrichen). Man ist überrascht, wenn gleichwohl
später besondeis über die Erlanger Schule sympathische Aeusse-
rungen begegnen. Eine irgendwie ausreichende Würdigung
auch eines Mannes, wie Hofmann, wird freilich nirgends erreicht.

Alles in allem: man kann gern anerkennen, dass der Verf.
in seiner Weise wirklich bemüht ist, Licht und Schatten nach
beiden Seiten zu verteilen. Aber seine Grundstellung maeht
es ihm unmöglich, der positiven Theologie wirklich gerecht zu
werden, und diese kann der wiederholten Geringschätzung ihrer
Arbeit nur mit ernster Ablehnung begegnen. Manches mag
dabei anf Rechnung der temperamentvollen Ausdrueksweise des
Verf.s gesetzt weiden. Aber ihr selbst wünschte man stärkere
Zügelung. Die „wissenschaftliche Schwäche" der „Reaktion"
belegt Verf. mit dem Satz: „Die Kanonakritik der Aufklärung,
die anf dem Wege geschichtlicher Auslegung konstatierte Ver-
schiedenheit, ja Gegensätzlichkeit der biblischen Religions-
auf'fassungen, zumal der inferiore jüdische Charakter des Alten
Testaments und die wirkliche Differenz des Evangeliums Jesu
von der apostolischen Dogmatik sind nicht von ferne wider-

legt, sondern einfach gläubig überbrüllt worden" (von mir
unterstriehen; S. 250). Dürfte Verf. verwundert sein, wenn
ein so ungeheuerliches Urteil seinen Gegnern ein für allemal
den Geschmack an seinem Buch verdürbe?

In der Tat, es kostet nach einem solchen Satz Ueber-
windung, noch ein ruhiges sachliches Wort über einen einzelnen
Punkt hinzuzufügen. Besonders wortvoll ist mir das gewesen,
was Verf. zur Rechenschaftslegung über die Wahrheit des
Christentums sagt. Die Fragestellung erinnert insofern an
Troeltsch, als Verf. zuerst die Frage nach der Wahrheit und
Selbständigkeit der Religion zur Diskussion gestellt wissen will
und dann erst die Wahrheit des Christentums und die bleibende
Bedeutung der Person Jesu. In der Beantwortung trifft der
Verf. aber an dem entscheidenden Punkte genau mit dem zu-
sammen, was der Ref. vertritt. Alles kommt nach ihm auf
einen ganz festen, klaren Ausgangspunkt an, und dieser rnnss
ebenso dem Gelehrten wie Ungelehrten gleich naheliegen und
kann daher nur das eigene Erleben Gottes und die Be-
sinnung darauf sein. Auch das entspricht genau dem, was
ich fordere, dass diese Selbstbesinnung auf das Erlebnis dann
mit den übrigen Bewusstseinsinhalten in Beziehung zu setzen
ist und dafür neben dem Wahrheitsproblem überhaupt das
Problem der Natur, der Religion und der Geschichte ins Auge
gefasst werden soll. Es versteht sich von selbst, dass in der
Durchführung des Programms sich überall der Unterschied der
verschiedenen Grundstellung auswirken müsete; bleibt aber das
religiöse Erlebnis der entscheidende Ausgangspunkt, so ist für
eine wirklich fruchtbare Auseinandersetzung das 66; p.oi itoo
otS) gegeben. In dem ganzen theologischen Gegensatz kann
es sieh zuletzt vernünftigerweise nur um die Frage handeln,
ob das kirchliche Verständnis der Offenbarung Gottes für das
Erleben Gottes die Bedeutung hat, die eben dies Verständnis
behauptet.

Dass man dem Verf. für diese Fragestellungen Verständnis
zutrauen darf, macht mir sein Buch trotz allem und allem, was
die Kritik herausfordert, sympathisch. Möchte er in einer neuen
Auflage es dem theologischen Gegner leichter machen, von ihm
Bich dankbar anregen zu lassen! Ihmels.

Breitenbach, Dr. W., Die Gründung und erste Ent-
wicklung des Deutschen Monistenbundes. Brack-
wede i. W. 1913, Dr. W. Breitenbach (109 S. gr. 8). 1 Mk.
Wie „menschlieh" es in der Entwickelung des Deutschen
Monistenbundes hergegangen ist, wird hier von einem, der sich
selbst als Opfer dieser Schwächlichkeiten und Kleinlichkeiten
fühlt, authentisch dargelegt, von Dr. Breitenbach, der mit
Dr. Schmidt in Jena zusammen der geistige Urheber dieser
Organisation ist, aber bald genug aus ihr herausgedrängt
wurde. Natürlich gilt das: audiatur et altera pars auch hier.
Aber der Eindruck ist bestimmt richtig: dem Monistenbund,
der unser Geistesleben auf neue Grundlagen stellen möchte,
stellt sein Mangel an Kraft, Einheitlichkeit und Zielbewnsstheit
die denkbar schiechteste Qualifikation dafür aus. Sollte aber
Dr. Breitenbach nicht fühlen können, dass das nicht bloss die
Schuld der verbündeten Menschen, sondern die der Sache ist,
für die sie sich verbündet haben? Bachmann-Erlangen.

Muss-Arnolt, William, B.D., Ph.D., The book of Common
Frayer arnong the nations of the world; a history
of tue transIatioDs of the Prayer Book of the Chorch of
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