Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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tum» and die Stellung der Mission im Eonkurrenzkampf der
einzelnen Völker" und „Die Aufgaben der Zukunft" wird viel
Beherzigenswertes gesagt über die Folgen, welche die grössere
Opferwilligkeit der englischen und amerikanischen Christenheit
für die Mission auch auf politischem und kommerziellem Ge-
biete hat Aber die Art, in der (mit Berufung auf den vor-
jährigen Aufruf zur Nationalspende für die Mission, in dem die
zentrale religiöse Aufgabe der Mission nur einmal gestreift und
nebenbei erwähnt sei) die Missionare für eine Auffassung ihres
Berufes in Anspruch genommen werden, die man bisher in
Deutschland den englischen und amerikanischen Missionaren so
oft, und nicht immer mit Unrecht, zum Vorwurf gemacht
hat (das Anglisieren und Amerikanisieren), wird in den wirklich
opferwilligen Kreisen der Missionsträger wenig Beifall finden.
Nur eine Mission, die ohne Nebenabsichten und Neben-
gedanken das Eine, das not ist, znm Ziel nimmt, wird sich
in der Heimat die Liebe der frommen Herzen und draussen
das Vertrauen der Völker, an denen sie arbeitet, erwerben
nnd erhalten.

Pfr. D. v. Schwartz-Querum b. Braunschweig.

Wernle, D. Paul (Prof. an der Universität Basel), Einführung
in das theologische Studium. 2., verbesserte Auflage.
Tübingen 1911, J. C. B. Mohr (524 S. gr. 8). 7 Mk.;
geb. 8.60.

Das vorliegende Buch ist bedeutend genug, um auch eine
leider sehr verspätete Anzeige zu rechtfertigen. Verhältnismässig
schnell ist diese zweite Auflage nötig geworden, und unzweifel-
haft wird daB Buch auch weiter seinen Platz innerhalb der
theologischen Literatur behaupten. Es mag sogleich hinzugefügt
sein: Mit Recht. Auch der theologisch anders Denkende wird
das gern anerkennen, soviel er auch im ganzen und im einzelnen
auf dem Herzen hat.

Die neue Auflage darf mit gutem Grunde eine verbesserte
genannt werden. Erfreulich ist bereits, dass die sog. positive
Theologie eine stärkere Berücksichtigung erfahren hat. In dem
Punkt bleibt freilich noch immer viel zu wünschen übrig. Das
bedeutet in einem Buch, das in die Arbeit der gegenwärtigen
Theologie einführen will, einen sehr ernsten Mangel. Er ist um so
bedauerlicher, als er in der Einleitung durch eine üble Zensur der
nicht berücksichtigten Theologen gerechtfertigt wird: „Die
wirklich Fördernden und Vertiefenden unter ihnen (den positiven
Theologen) hoffe ich genannt zu haben, und die anderen be-
gehre ich nicht zu nennen" (S. IX). Wer selbst in der neuen
Auflage wiederholt genannt und gelegentlich mit einer sehr
freundlichen Note versehen ist, wird am ehesten gegen eine
solche Diskreditierung der theologischen Arbeit anderer Ver-
wahrung einlegen dürfen. — Sachlich hebt der Verf. selbst
zur Charakterisierung der zweiten Auflage besonders hervor,
dass in der systematischen Theologie die Abschnitte über Wesen
der Religion, Wesen des Christentums, Aufgabe des dogmatischen
Denkens, Wahrheit der Religion und christliche Ethik stark um-
gearbeitet seien.

Das, was daB Buch will, darf im allgemeinen als bekannt
vorausgesetzt werden. Es Bteht unter methodischem Gesichts-
punkt in scharfem Gegensatz zu dem, was die Eckertsehe Ein-
führung in die Theologie beabsichtigt, die im Jahrgang 1909
S. 460 von mir angezeigt wurde. Während diese sich grund-
sätzlich ganz auf eine Herausarbeitung der Prinzipien zur
Methode der Theologie konzentriert, will das Buch von Wernle

in die Arbeit der Theologie selbst und ihre vornehmsten gegen-
wärtigen Probleme einführen. Demgemäss geht es nach einer
grundleglichen Verständigung über das Ziel des theologischen
Studiums die einzelnen theologischen Disziplinen in drei grossen
Teilen durch: die historische Theologie S. 39—260, die syste-
matische Theologie S. 261—440 und die praktische Theologie
S. 441—513. Ein Sach- und Namenregister erleichtert die
Orientierung.

Es ist ein ungeheurer Stoff, der in dem Buch verarbeitet
ist. Ueberall aber bewährt der Verf. eine grosse Belesenheit und
selbständiges Urteil. Auch verfügt er über eine hervorragende
Begabung, die Punkte, auf die es ankommt, anregend heraus-
zuarbeiten. Ihm selbst ist das Bedenken gekommen, ob nicht
das Vielerlei des Inhalts den jungen Theologen erdrücken
könne. Mindestens tritt an dem Punkte die Schwierigkeit einer
Einführung, wie der Verf. sie beabsichtigt, zutage. Es wäre
interessant genug, zu erfahren, wer vor allem die erste Auflage
gekauft hat. Ich vermute, es werden zum weit tiberwiegenden
Teil „Studenten" gewesen sein, die das akademische Studium
längst hinter sich haben. Indes, wir haben es hier schliesslich
nicht mit der Frage zu tun, was Anfängern wirklich einen
Dienst der Einführung tun kann. Schon in der Besprechung
des Eckertschen Buches wurde von mir anerkannt, dass neben
solchen Untersuchungen, wie Eokert sie anstellt, grundsätzlich
angesehen, für Versuche, wie sie in dem Wernleschen Buch
vorliegen, Raum bleiben muss. Ein Buch braucht sich dann
aber nicht solche pädagogische Schranken aufzuerlegen, wie
eine Vorlesung über Enzyklopädie es schon mit Rücksicht auf
die Zeit tun muss. Jedenfalls: wird für den Anfänger — ich
bin allerdings der Meinung — viel zu viel an Stoff geboten,
so empfinden eben nicht bloss Anfänger das Bedürfnis einer
Einführung. Auch sehr „reife" Semester werden bei dem
gegenwärtigen Umfang der theologischen Arbeit und dem
Reichtum der Problemstellungen sich gern von einem kundigen
Führer nach den verschiedensten Seiten neu anregen lassen.

Zumal, wenn er so lebhaft schreibt wie unser Verf. und
zugleich sich bemüht, auch anderer Anschauung gerecht zu
werden. Freilich haben sogar Freunde des Buches den Eindruck
gehabt, das Buoh sei doch vor allem eine Einführung in das
Studium der liberalen Theologie. In der Tat gilt das doch nicht
bloss in dem Sinn, wie der Verf. es gern akzeptieren will, dass
eine Einführung in eine „freie Theologie" beabsichtigt sei, „die
aufrichtig und tapfer sucht und keine Dogmen und fertigen
Traditionen (also auch keine liberalen) kennt" (S. IX). Mit
einem solchen Programm mtisste freilich an sich die Verstän-
digung ausserordentlich leicht sein. Auch wir möchten den
Studierenden eindringlich machen, dass es nur darauf ankommen
kann, die Wahrheit zu suchen und nichts als die Wahrheit,
von diesem Suchen auch kein Dogma und keine Tradition dis-
pensieren kann. Vollends fürchten wir bei unseren Studenten
nichts mehr als frühreife Fertigkeit. In Wahrheit ist mir das
an dem Buch besonders sympathisch, dass es für den Charakter
aller echten Religion als eines persönlichen Erlebnisses so
starkes Verständnis hat und darum so lebhaft auf Gewinnung
einer persönlichen religiösen Stellungnahme und folgeweise auch
persönlichen wissenschaftlichen Ueberzeugung von dem, was das
Christentum zur Religion macht, dringt. Indes macht der
Verf. ja selbst kein Hehl daraus, dass das Buoh von einem
ganz bestimmten Standpunkt aus geschrieben ist, und er legt
ausdrücklich Wert darauf, dass es an deutlichen Winken nicht
fehle, worauf ein evangelischer Theolog sich zu konzentrieren
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