Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Art der Studentenbewegung in Einzelbildern anschaulich zu
machen. Auch hier wird, gelegentlich recht kaleidoskopartig,
eine Fülle älteren, schon gedruckten Materials verwendet: Briefe,
Berichte, Hauptstellen aus Konferenzvorträgen. Im einzelnen
liest man hier sehr viel Treffendes und Erhebendes. Doch
seien einige Bedenken nicht verschwiegen. Es ist wohl nicht
die Schuld des Herausgebers, wenn hier und da (z. B. S. 9 ff.,
aber auch S. 49 unten) die Sache des Christentums an unseren
Universitäten mit dem Erfolge oder der Erfolglosigkeit der
D. C. S. V. gleichgesetzt erscheint oder (wie S. 86 Mitte) die
Neigung zum Superlativ hervortritt. Den Abschnitt „Studenten",
in dem aus der inneren Geschichte heimgegangener Studenten
erzählt wird, möchte man ausser den Partieen über Borden und
Mott in einem öffentlich erscheinenden Buche gern missen,
ebenso das Zeugnis S. 94 ff. Warum stellt man die Heiligtümer
hier in das grelle Tageslicht? Aehnliche Studentengestalten
haben auch in anderen akademischen Verbänden gelebt, aber
es ist eine feine und gute Sitte, ihre innere Geschichte wie
einen Schatz in der Stille zu hüten. Was hätten sonst unsere
Seelsorger zu erzählen, wenn sie von der Geschichte so manches
Herzens in Büchern die Schleier zögen! Die Aufnahme des
grausigen Berichts über eine Hinrichtung (S. 47 ff.) ist nach
ihrer Absicht unverständlich und sonst sehr zu bedauern. Auch
bei weiteren Abschnitten, so demjenigen über das „sittliche
Ideal" (S. 57 ff.) oder dem ausführlichen, an sich sehr Bchönen
Berichte eines aus der Bewegung hervorgegangenen Missionars
über seine Arbeit („Militia Christi" S. 101 ff.) ist nicht recht
klar, aus welchem Grunde sie unter „Zeugnisse aus der christ-
lichen Studentenbewegung" eingereiht sind. Berichte wie den
letzten kann man fast allmonatlich in jedem deutschen Missions-
blatte, oft genug auch aus der Feder von Akademikern, lesen.
So hätten wir an vielen Stellen etwas mehr Zurückhaltung ge-
wünscht. Trotz dieser Schwächen, die in ihrer Art be-
zeichnend sind, kann das Buch in verständnisvollen Kreisen
ein wertvolles Zeugnis von den machtvollen Regungen christ-
lichen Lebens innerhalb der akademischen Jugend werden.

Lic. Althaus-Göttingen.

Witte, Lic. theol. H. (Missionsinspektor in Berlin), Ostasien
und Europa. Das Ringen zweier Weltkulturen. Tübingen
1914, Mohr (VIII, 244 S. gr. 8). 5 Mk.
Der Verf. dieses in lateinischen Lettern gedruckten Buches
hat als Missionsinspektor des Allg. evangelisch-protestantischen
Missionsvereins eine Visitationsreise nach Ostasien gemacht. Auf
Grund der dort empfangenen Eindrücke und des Studiums der
reichhaltigen neueren Literatur über Geschichte, Kultur, Religion
und Politik der beiden ostasiatischen Mächte will er nach dem
Vorwort dem Leser eine Kenntnis der geistigen Kräfte ver-
mitteln, die in der ostasiatischen Kultur wirksam sind, und die
er im Unterschiede von unserer Persönlichkeitskultur als eine
ihrem Wesen nach antike Kultur definiert, „in der die All-
gewalt der Ordnungen das Persönlichkeitsleben niederhält".
Wirkt es auch etwas monoton, dass fast jedes Kapitel in die
beiden Teile a) China, b) Japan zerfällt, so erfüllt dies doch
den Zweck, den grossen Unterschied, der trotz der gemeinsamen
Kulturbasis zwischen beiden Ländern besteht, klarzustellen. In
flüssigem Feuilletonstil versteht es der Verf., mit Hilfe einer
grossen Fülle von Zitaten ein anschauliches Bild von den
sozialen, familiären, volkswirtschaftlichen, sittlichen und religiösen
Zuständen zu entwerfen, um sich damit den Unterbau zu

schaffen, auf dessen Grund er seine zweite Aufgabe zu lösen
sucht, „den deutschen Missionskreisen, vor allem den Pfarrern,
ein Handbuch zu geben, das es ihnen ermöglicht, das Material
leicht zu gewinnen, das sie brauchen, um die Notwendigkeit
und die hohe Bedeutung des Christentums für die ostasiatische
Kulturwelt den gebildeten Kreisen Europas nachzuweisen". Die
Ausführungen, in denen bei aller Anerkennung, die sie ver-
dienen, die Minderwertigkeit aller ostasiatischen Religions- und
Moralsysteme gegenüber dem Christentum nachgewiesen und
zum grossen Teil mit Aussprüchen hervorragender Japaner und
Chinesen belegt wird, bilden den Glanzpunkt des Buches.
Leider wird aber der Wert des Ganzen stark beeinträchtigt
durch die Aufdringlichkeit, mit der bei jeder passenden Ge-
legenheit der Gegensatz des Verf.s gegen biblisches Christen-
tum und kirchliche Theologie zugunsten des verdünnten liberalen
Protestantismus zum Ausdruck kommt. Mit Bedauern liest man
Plattitüden, wie sie sich auf S. 41 finden: „Aber Luther war
kein Jesus. Er hat nicht die ganzen Konsequenzen seiner
Verkündigung gezogen. So kommt eine Gespaltenheit (!) in
sein Wesen hinein, die seiner Bedeutung keinen Abbruch tut,
aber darauf hinweist, dass die Vollendung und Durch-
führung seines Werkes erst in der Zukunft kommen
muBSte und muss."* Und ebenda: „Mit der Konstatierung
seiner Zentralidea hätte Luther zum wenigsten die Freiheit des
menschlichen Denkens und Forschens und der menschlichen
Vernunft festhalten sollen" usw.

Diese Befangenheit des Verf.s in dem Gedankenkreise der
liberalen Theologie macht sich am unangenehmsten geltend in
den Kapiteln über „die beste Missionsmethode" und die „Erfolge
der Mission". Gewiss bietet der alte Missionsbetrieb viel Anlass
zu berechtigter Kritik. Das Eindringen der Mission in China unter
dem Schutz der europäischen Kanonen und zugleich mit dem
Opium, die Aussendung ganz ungenügend ausgerüsteter Missions-
arbeiter namentlich seitens der China-Inland-Mission, die Ver-
quickung des Christentums mit der Politik auch in der neuesten
Revolutionsperiode, der sich die Missionare keineswegs mit der
erforderlichen Energie widersetzt haben — das sind Dinge, die
zwar mit einseitiger Schärfe, aber auch mit Recht kritisiert
werden. Aber wenn ganze Seiten darauf verwandt werden,
den „geraden und zielsicheren" Weg zu rechtfertigen, den der
Allg. evang.-protestantische Missionsverein eingeschlagen habe,
indem er in China „auf Taufen vorläufig prinzipiell überhaupt
verzichtet", um den „üblen Folgen der Gemeindebildung" zu
entgehen, und sich ausschliesslich der indirekten Arbeit durch
Schulen, Krankenhäuser und literarische Mission widmet; oder
um das Bedauern darüber zu begründen, „dass man noch heute
immer wieder das Bog. Apostolische Glaubensbekenntnis für die
unerlässliche Basis jeder neuchristlichen Kirchenbildung erklärt"
(S. 169), so empfängt man den unangenehmen Eindruck, dass
es Bich doch im Grunde um eine Tendenzsohrift handelt, die
darauf ausgeht, bei den Lesern die Mission, welche auf dem
Grunde des alten Glaubens getrieben wird, zugunsten des Allg.
protestantischen Missionsvereins zu diskreditieren, wobei die in
China wie überall wiederkehrende Klage der Missionare darüber,
dass die sittliche Haltung der neugesammelten Gemeinden noch
in bedauerlichem Missverhältnis zu ihrer religiösen Erkenntnis
steht, in ganz verständnisloser Weise verwendet wird, um die
Missionare und ihre Arbeit in ein schiefes Licht zu stellen. In
den beiden letzten Kapiteln: „Der Universalismus des Christcn-

* Vom Verf. gesperrt.
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