Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

417

418

mir der Herr Verf. mitteilt, nachgewiesen worden: er ist Blochin.
Aus der Chlüstensekto ist Seiiwanow hervorgegangen, wie er
auch unter ihnen vornehmlich seine Anhänger gefunden hat.
Seine Christuswürde, die er beansprucht, ist ihm auch durch
die Anerkennung einer chlflstischen „Gottesmutter" gesichert.
Dagegen aber muss Grass sich erklären, dass die Gottesmutter
Axulina Iwanowna die eigentliche Erfinderin des Skopzentums
gewesen sei und Seiiwanow nur ihr Schüler; vielmehr hat
dieser jene in die neue Sekte aufgenommen, so wenig sie auch
dann eine nur passive Rolle in ihr gespielt hat. Was den
Seiiwanow zur Verschneidung bestimmt hat, läset sich nicht
mehr erweisen; er zog die rücksichtslose Konsequenz aus der
chlüstischen Forderung völliger geschlechtlicher Enthaltsamkeit.
1775 nach Sibirien verschickt, ist Seiiwanow 1797 wie alle
die, welche sich für Peter III ausgegeben, von Kaiser Paul
zurückberufen, 1802 völlig freigelassen worden. In ihrer
„goldenen Zeit" (1802—1820) konnte Seiiwanow die Sekte
ausbreiten, vielleicht ist ihm sogar ein Besuch des Kaisers
zuteil geworden. Von den Seinen wurde er als Peter III. und
als Gott verehrt und leitete in Petersburg ihre Andachts-
versammlungen. Eine Deutsche, die Obristin Tatarinow, geb.
von Buxhöwden, verschaffte (unter Verwerfung der Selbstver-
stümmelung) der religiösen Anschauung und dem Enthusiasmus
des Skopzentums Eingang in die vornehme Petersburger Ge-
sellschaft. Seine letzten Lebensjahre, von 1820 bis 1832, ver-
brachte Seiiwanow wieder in strenger Klosterhaft. 112 Jahre
alt, soll er gestorben sein, jedenfalls galt er schon ein Menschen-
alter vorher als Greis. Sicher mit Recht beurteilt Grass in
seiner Charakteristik Seiiwanows diesen als eine ebenso be-
deutende wie komplizierte Persönlichkeit. Einander sehr wider-
sprechende Züge sind in ihm geeint; Grass möchte sie völker-
psychologisch aus einer Mischung des finnischen und slawischen
Elements in ihm erklären.

Der weiteren Geschichte der Sekte und ihrer Ausbreitung
zu folgen, würde hier zu weit führen; auch die regelmässige
Verschickung ihrer Glieder in die ödesten Gegenden Sibiriens —
sie haben sich dort als die vorzüglichsten Ansiedler bewährt —
hat der letzteren gedient. Christus und Peter III. wollte
Seiiwanow nach Grass' Auffassung nicht im Sinn persönlicher
Identität sein. Hatte das Skopzentum an der Person Seiiwanows
im Gegensatz zum Chlüstentum einen bestimmten Mittelpunkt,
so entbehrt seit dem Tod seines Stifters doch auch jenes eines
Oberhaupts. Im Kultus unterscheiden sich die Skopzen von
den Chlüsten vornehmlich durch das Siohbekreuzen mit beiden
Händen; sie legen dabei nur zwei Finger zusammen, wohl in
Beibehaltung der Sitte der russischen sog. Altgläubigen, deren
Kreuzesform sie auch haben. Wie die Chlüsten bitten sie sich
bei B- ginn der Andacht gegenseitig um Verzeihung. Den Ge-
beten folgt das Singen ihrer Lieder, hierauf die Tänze in
langen, weissen Hemden, Prophezeien, Abendmahl. Das Gelübde
der Geheimhaltung und der asketischen Lebensweise, die Bitte
um Vergebung an alle himmlischen Mächie und die himmlischen
und irdischen Elemente, der Umgang mit dem Singen von
Tauf Uedem begleiten die Aufnahme; als eigentliche Taufe gilt
ihnen freilich die Verschneidung, die jedoch der kultischen
Einkleidung entbehrt. — Auch über weitere skopzische Deno-
minationen (geistliche Skopzen, Neuskopzen), auch solche, die
Seiiwanow nicht voll anerkennen, berichtet Grass. Zum Schluss
gibt er eine vollständige Uebersicht über die ganze betreffende
russische Literatur. Durch Darbietung alies dessen, was zur
Kenntnis und Beurteilung des Skopzentums dient, wird sein

Werk ein wertvolles Mittel zum Einblick in eine eigenartige
Erscheinung des dem westlichen Europa noch so fremden
religiösen Lebens in Russland. BonwetBch- Göttingen.

Niedermeyer, Dr. Gerhard, Morgenröte. Zeugnisse aus
der christlichen Studentenbewegung und Beiträge zu ihrer
Geschichte. Berlin 1914, Martin Warneck (224 S. gr. 8).
2 Mk.

Die deutsche christliche Studentenvereinigung hat in den
letzen Jahren das Interesse und die Aufmerksamkeit weiterer
Kreise auf sich gezogen. Tritt sie innerhalb des Semesterlebens
an den meisten Universitäten durch die Art ihrer Arbeit und
ihres Auftretens sehr in den Hintergrund, so hat sie sich in
der kirchlichen Oeffentliohkeit mehr als jede andere akademische
Gruppe Anerkennung und Dank erworben. Vollends in Missions-
kreisen rechnet man sehr ernstlich mit dem der Studenten-
vereinigung angegliederten Studentenbunde für Mission. Die
missionarische Bedeutung des grossen christlichen Studenten-
weltbundes, zumal seines Generalsekretärs Dr. John Mott, wird
überall anerkannt.

Um so eher darf gerade im gegenwärtigen Zeitpunkte ein
Buch, das in Geschichte, Art und Arbeit der christlichen
Studentenbewegung einführen will, willkommen geheissen werden.
Das vorliegende Buch ist von dem leitenden Sekretär der
deutschen Bewegung verfasst. Das hat manchen Vorzug, bedingt
aber auch eine wesentliche Schranke. Zu einer kritischen
Geschichte der christlichen Studentenbewegung liegen in Dr.
Niedermeyers Buch nicht irgendwelche Ansätze vor. Wenn
man aus den Kreisen der Bewegung selbst überhaupt eine
solche Darstellung erwarten darf, so ist doch jetzt die Zeit für
sie noch nicht gekommen. Man begreift, dass die gegenwärtigen
Führer der Bewegung durch Rücksichten der Pietät gegen
Lebende gehindert sind, die Kräfte und Vorgänge der Anfangs-
jahre (1890—1900) in ihrem Abstände von dem gegenwärtigen
Geiste darzustellen. Wie etwa die Aufgabe anzufassen wäre,
hat neben anderen P. Fleisch in der neuen Auflage seiner
„Gemeinschaftsbewegung" angedeutet: es handelt sich darum,
die christliche Studentenbewegung als eine Welle in der angel-
sächsisch bedingten Gemeinsohaftsbewegung zu verstehen. Gewiss
hat die studentische Bewegung ihre durchaus eigene Entwickelung
gehabt und Bich der deutschen, kirchlichen und studentischen
Art fortdauernd angenähert. Aber die Beziehungen zur Gemein-
schaftsbewegung sind nie gelöst. Daher gilt es, die besondere
Art der Frömmigkeit, die in der Studentenbewegung lebt, in
ihrem Zusammenhange mit dem angelsächsischen Pietismus, nach
ihrer besonderen Kraft und ihren eigentümlichen Schranken
aufzufassen und die Entwickelung von 1890 biu heute zur Dar-
stellung zu bringen.

Das vorliegende Buch zerfällt, wie der Titel andeutet, in
zwei Teile. Ohne Zweifel ist der zweite der wertvollere. Er
bietet einige Archivalien zur Geschichte der Bewegung, die
grossenteils bereits in den (vertraulichen) „Mitteilungen" ge-
druckt waren, so z. B. eine reoht brauchbare, freilich durchaus
esoterische kurze Geschichte der D. C. S. V. von 1890 Wb 1897
aus der Feder von 0. Quast, ansprechende Tübinger Berichte
(1895—1896) von K. Heim, endlich eine Chronik im Kalender-
Btil. Ganz anders geartet ist, trotz einiger historischer Partieen
(z. B. S. 15—26), der erste Teil. Im Stile des Impressionismus
sucht er unter Titeln wie „Ver sacrum", „Studenten", „Das
sittliche Ideal", „Von der Krankheit zum Tode" usw. Geist u^d
loading ...