Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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bearbeitet nebst einigen bisher angedruckten Reformations-
gutachten u. Briefen Witzeis (10. Veröffentl. des Fuldaer
Gesshichtsvereins), mit einem Bild Witzeis und einer Probe
seiner Handschrift. Fulda 1913, Aktiendruckerei Fulda
(XVIII, 208 S. gr. 8). 4. 50.
Derselbe, Die Verwandtschaft Georg Witzeis. Ebd.
(35 S. gr. 8). 80 Pf.
Zu den eigenartigsten Persönlichkeiten der Reformationszeit
gehört Georg Witzel. Zuerst ein Anhänger Luthers, der ihn
am 11. November 1525 als einen „fast gelehrten und ge-
schickten" Mann als Pfarrer nach Niemeck empfahl (End. 5, 270;
Erlanger Ausg. 53, 336), wandte er sich später wieder der alten
Kirche zu, in der Hoffnung, dass es doch noch zu einer Reform
derselben kommen möchte. Wie schlecht der Reformator nun-
mehr auf ihn zu sprechen war, zeigt sich besonders deutlich
auch in ganz gelegentlichen Bemerkungen. So sagt er z. B.
in dem erst neuerdings veröffentlichten Bibelprotokoll bei der
Stelle 4 Mose 16 von Datam und Abiram: „Sind wol so bose
als Witzel" (Weim. Ausg., Deutsche Bibel 3 S. 303). Da
Witzel ein überaus fruchtbarer Schriftsteller war und sich zum
Teil verschiedener Pseudonyme bediente, so ist es nicht leicht,
einen vollständigen Ueberblick über seine Schriften zu be-
kommen. Es ist daher ein sehr dankenswertes Unternehmen,
dass in der oben an erster Stelle genannten Abhandlung ein
möglichst vollständiges Verzeichnis von Witzeis Schriften auf-
gestellt wird. Zugrunde gelegt ist der von Witzel selbst heraus-
gegebene „Catalogus" seiner Werke. Zunächst werden jeweils
die hier, natürlich nicht in bibliographisch genauer Weise, an-
gegebenen Titel mitgeteilt. Dann werden die hierzu nachzu-
weisenden Drucke mit genauer Angabe der Titel, der Druck-
vermerke und sonstiger wichtiger Notizen aufgeführt. Anfangs
nur bei den seltenen Schriften, etwa vom zweiten Drittel an
aber fast durchgehende, wird auch je ein Fundort angegeben.
Nur für einige wenige in Witzeis Katalog verzeichnete Schriften
konnten keine Belege angeführt werden. Nach den im „Cata-
logus" aufgezählten 127 Schriften werden noch 13 Schriften
aufgeführt. Zwei von ihnen kamen erst nach Witzeis Tod
heraus. Unter ihnen befindet sich Witzeis protestantenfreund-
lichste Schrift „Via regia". Dieselbe wurde zuerst von Joh. Wolf
(Lection. memorab. 2. T.) veröffentlicht und ist bei dem Buch-
drucker Leonhard Reinmichel, der z. B. auch eine Ausgabe von
Luthers Abendmahlsschriften verlegte, in dem einst ganz pro-
testantischen Lauingen gedruckt. S. 199 ff. sind noch ver-
schiedene Schriften des jüngeren Witzel, die öfter irrtüm-
licherweise dem Vater zugeschrieben werden, genau beschrieben.

Sehr wertvoll ist ein aus dem Manuskript veröffentlichtes
Reformationsgutachten für den Fuldaer Fürstabt Philipp
Schenk von Schweinsberg (1541—1550), als dessen Verfasser
mit guten Gründen Witzel nachgewiesen wird. Dasselbe lässt
uns (S. 137—152) mancherlei Einblicke in damalige Schäden
des katholischen kirchlichen Wesens tun: Z.B.Vernachlässigung
der Jugendunterweisung (S. 140), „Vollsaufen" und Besuch „un-
züchtiger Häuser" seitens geistlicher Personen (S. 151). Auch
ein Gutachten über das Interim 1548 und ein Widmungs-
schreiben an König Ferdinand I. von 1556 werden zum ersten-
mal dem vollen Wortlaut nach mitgeteilt (S. 152 ff. 167 ff.);
ferner drei Briefe an Bischof Dantiscus von Ermland von 1539,
1541 und 1542. Sehr dankenswert sind auch die Mitteilungen
über gedruckte Briefe Witzeis (S. 183 —190), besonders
der Versuch, die in der von Witzel selbst herausgegebenen
wertvollen Sammlung nur mit den Anfangsbuchstaben an-

gedeuteten Adressaten soweit als möglich zu identifizieren. —
Ein alphabetisches Verzeichnis der Druckschriften Witzeis er-
leichtert die raBche Orientierung über letztere.

In der Schrift über „die Verwandtschaft Witzeis"
interessieren uns besonders die Ausführungen über den bei
Luthers Tod anwesenden Eislebener Apotheker, der anch nach
Richters Annahme kein anderer als Witzeis Vetter Johann Landau
ist (S. 20); ausserdem die Mitteilungen über Witzeis Ehe oder
vielmehr Ehen. Denn auch Richter hält die Nachricht, dass
Witzel in späteren Jahren, obwohl er früher stets die ein-
malige Priesterehe (nach Art der griechischen Kirche) gelehrt
hatte, jedenfalls noch eine zweite Ehe einging, für nicht un-
begründet.

Alle, die sich mit Witzeis Leben und Schriften beschäftigen,
werden für die besprochenen Veröffentlichungen dankbar sein.

D. Steinlein-Ansbach.

Grass, Karl Konrad (Professor für exegetische Theologie in
Dorpat), Die russischen Sekten. II. Band: Die Weissen
Tauben oder Skopzen nebst Geistlichen Skopzen, Neu-
skopzen u. a. Mit dem Bilde des Stifters. Leipzig 1914,
J. C. Hinrichs (XI, 1016 S. gr. 8). 23 Mk.
Im Vorwort gibt der Verf. dem Ausdruck, dass es nicht
leicht sei, ein Buch über einen Gegenstand wie das Skopzen-
tum zu schreiben. Lasse sich für die Ekstatiker im Christen-
tum, die er im ersten Band behandelt, immerhin noch „einige
Sympathie aufbringen", so doch nicht für die physischen und
geistigen Krüppel des Skopzentums. Um so anerkennenswerter
ist die Hingabe, mit der sich der Verf. der Erforschung dieser
eigentümlichen Erscheinung im religiösen Leben Russlands ge-
widmet hat. Er hat es sich namentlich auch angelegen sein
lassen, das ganze umfassende Aktenmaterial heranzuziehen, auf
die Gefahr hin eines etwas reichlichen Umfangs des Werkes.
Zum erstenmal wird uns hier eine wirkliche Geschichte des
Skopzentums auf Grund allseitiger und gründlichster Unter-
suchung dargeboten. Alle fernere Beschäftigung mit dieser
Sekte kann nun einfach schöpfen aus der reichen Fülie dessen,
was als Ertrag eines durch nichts abzuschreckenden Forscher-
fleisses hier vorliegt. Mit grosser Umsicht und Besonnenheit
werden alle Fragen erwogen, welche die komplizierte Art dieser
in möglichster Verborgenheit schleichenden Sekte stellt, und
mit guter Kritik wird den geradezu zahllosen Hypothesen be-
gegnet, die bei ihrer Schilderung vorgetragen worden sind. —
Schon 1904 hat Grass die eigene Erzählung des Stifters der
Skopzensekte in deutscher Uebersetzung herausgegeben. Er
verwertet sie bei der Darstellung der Geschichte der Sekte
entsprechend ihrer grundlegenden Bedeutung. Denn das ist
das erste, was Grass zu zeigen verstanden hat, dass die Persön-
lichkeit des Stifters für diese Sekte entscheidend geworden ist.
„Man kann ruhig behaupten, dass, wenn Seiiwanow nie existiert
hätte oder rechtzeitig unschädlich gemacht worden wäre, es
keine Skopzensekte gäbe. Die starken asketischen Triebe des
russischen Volkes hätten allein ebensowenig, wie es anderswo
in der Welt geschehen ist, eine derartige Sekte erzeugt." Seine
Geschichte ist die wirkliche — keine ersonnene — Geschichte
eines Pseudomessias. Es ist ein Irrtum, wenn man mehrere
etwa gleichzeitige Urheber des Sektentums wegen der Ver-
schiedenheit der Namen, die er sich beilegte, angenommen
hat. Der wirkliche Name dieses Stifters ist übrigens jetzt, wie
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