Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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nilher zu kommen; Orellis Predigten zeigen aber, wie sehr die
alttestamentliche Frömmigkeit der Mutterboden der neutestament-
liehen ist, und zwar nicht nur für die geschichtliche Betrachtung,
sondern auch für das direkte praktische Verhältnis. Wenn die
Predigt sich diesen Hinweis zunutze machen wollte, wäre das
über das Grab hinaus keine geringe Segenswirkung des edlen
Mannes, in dem wissenschaftlicher Geist und lebendige Frömmig-
keit so fruchtbar verbunden waren.

Lio. M. Peters-Hannover.

Thimm, Lic. th. (Vereinsgeistlicher in Stettin), Die Anstalts-
erziehung mit besonderer Berücksichtigung der Magda-
lenenstifte, Frauenheime und Versorgungshäuser. Beiträge
zur Geschiebte und Pädagogik der Anstalten. Heraus-
gegeben im Auftrage der deutschen Evangelischen Asyls-
kouferenz. I.Heft. Goeze (Landesassessor Dr. jur., Berlin),
Gesetzliche Bestimmungen. II. Heft. Hinze (Ober-
prediger in Bernburg), Geschichte der Anstalten für
die gefährdete und gefallene weibliche Jugend.
Kaiserswerth a. Rh., Verlag der Diakonissenanstalt (51 u.
187 S. gr. 8). 90 Pf. u. 3 Mk.
Wer wie der Rezensent mehr als ein Lustrum schwere Er-
ziehungsarbeit in einem Magdaleoenasyl geleitet und während
dieses Zeitraums den Uebergang erlebt hat von dem früheren
einfachen Betriebe freier Rettungsarbeit an solchen Pfleglingen,
die sich retten lassen wollten, zu dem komplizierten von heute,
in welchem sich mit der eben geschilderten freien Liebestätig-
keit die gesetzlich geregelte an den einem grösseren oder ge-
ringeren Zwange unterstehenden weiblichen Fürsorgezöglingen
kombiniert, der weiss das Verdienstvolle dieses literarischen
Unternehmens ganz zu würdigen. Wie viele schiefe Urteile
von Draussenstehenden Bind in den letzten Jahren über die
Anstaltsarbeit ergangen! Hier erhalten wir Einblick in die
Schwierigkeiten und Erfolge dieser Spezialtätigkeit durch solche,
die in ihr bewährt sind und auf alles andere eher bedacht er-
scheinen als auf Selbst verken Heining. Wichtiger noch als die
Klärung der öffentlichen MeinuDg durch diese fachmännischen
Berichte erscheint mir die hier aus mannigfacher Erfahrung
heraus geschehene Darbietung von Rüstzeug für die in die
Anstaltsarbeit Eintretenden oder mit beschränkter, einseitiger
Erfahrung in ihr Stehenden. Sehr wertvoll ist die von einem
auf diesem Einzelgebiete besonders kundigen Juristen im ersten
Hefte dargebotene rechtliche Information. Er vermeidet den
Fehler, bei seinen Lesern zu viel Rechtskenntnis vorauszusetzen
oder eine nur der Zunft verständliche Sprache zu reden. So
gibt er jedem, der Beinen Erörterungen aufmerksam folgt,
sicheren Rechtsboden unter die FüsBe. Im zweiten, umfang-
reicheren Hefte wird Hinze ganz absichtslos der beste Lehrer
für die Praxis der Gegenwart durch die Darstellung der Ge-
schichte der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart hinein-
reicht (1910). Er beginnt mit einer einleitenden Auseinander-
setzung über die Entstehung der evangelischen Asylsarbeit und
ihr Verhältnis zur älteren katholischen (S. 1—12). Die eigent-
liche Geschichte gliedert er in drei Perioden: 1. bis 1880
(S. 13—69); 2. 1881—1900 (S. 69—137); 3. 1901—1910
(S. 137—188). Jedesmal folgt einem allgemeinen Ueberblick,
der manche prinzipielle Darlegungen in sich schliesst, die Ge-
sohichte der einzelnen in dem Zeitraum gegründeten Anstalten;
ausserdem bietet die Darstellung der ersten Periode auch einen
zusammenfassendeu, kritisch beleuchtenden Rückblick. Der Be-

ginn einer neuen Periode mit dem Jahre 1901 ist für jeden
Kundigen ohne weiteres gerechtfertigt; ist doch am 1. April
dieses Jahres das Gesetz über die Fürsorgeerziehung Minder-
jähriger vom 2. Juli 1900 in Kraft getreten. Die Erwägungen,
welche den Einschnitt 1880 unseres Erachtens rechtfertigen,
wolle man bei Hinze selbst nachlesen. Sie lassen sich nicht auf
eine kurze Formel bringen. Die allgemeinen sittengeschicht-
lichen Schilderungen und grundsätzlichen Auseinandersetzungen
Hinzes halten Bich auf gleicher Höhe. Nicht ganz wird man
das von der Geschichte der einzelnen Anstalten behaupten
können. Hier war Hinze auf das Material angewiesen, das
ihm die Vorsteher der einzelnen Häuser lieferten. Natürlich
ist nicht bei jedem dieser zahlreichen Mitarbeiter die Gabe für
pragmatische Darstellung und Heraushebung des wirklich Be-
deutsamen in gleichem Masse vorhanden. Doch scheint, soweit
uns eine Nachprüfung möglich ist, überall eine zuverlässige ge-
schichtliche Orientierung geboten.

Leider ist Rezensent durch den Uebergang in ein neues
arbeitsreiches Amt verhindert worden, seine Besprechungs-
pflicht rechtzeitig zu erfüllen. Inzwischen sind bereits weitere
Hefte erschienen, die geeignet sind, den Wert des Gesamt-
unternehmens in helles Licht zu stellen.

D. Schwerdtmann-Hannover.

Kurze Anzeigen.

Vom Herausgeber.
Laible, Wilhelm, Evangelium für jeden Tag. II. Die featlose Hälfte

des Kirchenjahrs. Volksausgabe. Leipzig 1914, Dörffling & Franke

(393 S.). Geb. 2.80.
Man kann nur der dankbaren Freude Ausdruck geben, dass der
ersten Hälfte der Volksausgabe des Laibleschen Andachtebuches, die
im vorigen Jahrgang 8. 618 angezeigt wurde, nunmehr dieser zweite
Band gefolgt ist. Alles, was dort zur Charakteristik des Werkes gesagt
ist, trifft auch auf diesen Band zu. Für den Wert der Sammlung
spricht am meisten die einfache Tatsache, dass man in den ver-
schiedensten Kreisen auf das Erscheinen dieses zweiten Bandes schon
lebhaft wartete. Mögen denn die Andachten in ihrer schlichten, aber
ausgereiften Schönheit weiter in vielen Häusern dazu mithelfen, in
die Tiefen des Schriftwortes einzuführen und gesundes Christentum zu
pflegen, das allein aus Christus leben will.

Ihmels, D. Ludwig, Aus der Kirche, ihrem Lehren und Leben.

Leipzig 1914, Deichen (203 S. gr. 8). 4 Mk.; geb. 4.80.
In dem Bande sind sieben Vorträge und Abhandlungen vereinigt,
die durch das im Titel angedeutete Interesse zusammengehalten werden.
Als Grundlegung dient eine Abhandlung über das Thema: „Wie be-
wahren wir das Erbe der Reformation und machen es für die Gegen-
wart fruchtbar?" Unter der Ueberschrift: „Die Religionen und das
Evangelium von Jesus Christus" folgen zwei Vorträge: „Das Christen-
tum und die Religionsgeschichte" und: „Das Evangelium von Jesus
Christus und die Sünde". Stellen beide Vorträge Christum als den
Mittelpunkt des Christentums heraus, so sollen die beiden folgenden Ab-
handlungen von der Schrift, die Christum treibt, zum Dogma weiter-
führen: „Bibel und Bekenntnis", „Aufgabe und Bedeutung der Dog-
matik". Die beiden letzten Vorträge endlich zeigen die Kirche als
Werkstatt des Heiligen Geistes, sie tragen die Titel: „Das Wirken
des Heiligen Geistes in der Kirche" und: „Mehr priesterlicher Laien-
dienst in der Kirche". Man sieht, obschon die Abhandlungen ganz
unabhängig voneinander entstanden sind, so haben sie doch darin ihre
Einheit, dass sie alle unter verschiedenen Gesichtspunkten die gegen-
wärtige Aufgabe der Kirche in Theorie und Praxis beleuchten. Dabei
ruhen sie alle auf der Voraussetzung, dass auch für die Gegenwart
allein das alte Evangelium der Reformation Verheissung hat, dass
es aber allerdings darauf ankommt, dies Evangelium für die Gegenwart
fruchtbar zu machen und wirksam in die Gegenwart hineinzustellen.
Besonders der letzte Vortrag betont dafür die Notwendigkeit einer
Mitarbeit der Laien. Vielleicht darf man sagen, dass alle Abhandlungen
etwas Programmatisches haben.

Böhme, Dr. iur. Franz (Präsident des Ev.-luth. Landeskonsistoriums
zu Dresden), Die Sächsischen Kirchengesetze. Leipzig 1914, Ross-
berg. Geb. 9 Mk.
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