Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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heraus und fördern auch so Selbsterkenntnis und Beurteilung
der Mitmenschen. Letzten Endes hören wir einen Arzt, der
bestrebt ist, Erzieher, Beichtvater und Lehrer der Menschen zu
sein, die sich ihm anvertrauen, und der aus einer fast abstossend
wirkenden Beurteilung, wie sie gerade die ersten Kapitel „Das
liebe Ich", „Der Kampf der Geschlechter" enthalten, immer
wieder zu idealer, wohl unbewusst christlicher Höhe der Ziele
hindurchdringt. So schreibt er: „Glück heisst fremde Interessen
zu den seinen machen. Sich der Wirklichkeit anpassen und
die Möglichkeiten des Tages ausnützen. Glück heisst, in anderen
für sich und für andere in sich zu leben" (S. 154). So betätigt
er den Arzt, der „dem Seelenkranken ein Lebensziel, einen
Lebensinhalt, eine Weltanschauung (?) geben will, mit der er
leben kann". Besonders eindringlich sind die Kapitel „Lebens-
ziele", „Halbe Menschen", „Ueber den Neid", „Entartete Kinder"
und manche der in einem Schlusskapitel gesammelten Aphorismen.
Ueber ihre Originalität wollen wir nicht streiten. Auch die
Essays sind in ihrer Mehrzahl zusammengereihte Aphorismen,
Skizzen, wie sie Verf. selbst nennt, zu künftiger gründlicher
Ausarbeitung. Dr. med. Sick-Leipzig.

Meyer, D. Arnold (Professor in Zürich), Das Weihnachts-
fest, seine Entstehung u. Entwicklung. Mit einem Titel-
bild, einer Abbildung im Text u. sieben Tafeln. Tübingen
1913, Mohr (IX, 148 S. gr. 8). Geb. 3. 60.
Nach der Darstellung des Verf.s sind die Anfänge der
christlichen Weihnachtsfeier in Aegypten zu suchen. Dort
wurde der 6. Januar von den Gnostikern als der Tag der
Taufe Jesu gefeiert; eben durch die Taufe wird nach der
Meinung der Basilidianer Jesus zum Christus; der Tauf tag ist
also in gewissem Sinne zugleich der Geburtstag des Erlösers
(S. 10 f.). Für die Feier am 6. Januar sprach weiter der Um-
stand, dass gerade dieser Tag in der heidnischen Mythologie
als ein besonderer Tag des Weinspenders Dionysos angesehen
wurde (S. 14 f.). Die spätere Verlegung der Feier vom 6. Januar
auf den 25. Dezember erklärt der Verf. daraus, dass die Kirche
an die Stelle des Sol Invictus ihren Christus als die Sonne der
Gerechtigkeit treten liess und darum den Tag wählte, an dem
die Zunahme des Lichtes gefeiert wurde. Da auch sonst ein
kirchlicher Feiertag aus kalendarischen Erwägungen auf einen
bestimmten Tag datiert wurde, so ist diese, auch von anderen
geteilte, Vermutung nicht unwahrscheinlich. Ebenso die eingangs
ausgesprochene, dass Rücksichten auf Gnostiker und heidnische
Feiern die Datierung der Taufe Jesu auf den 6. Januar ver-
anlasst haben. Unwidersprechlich beweisen lassen sich derartige
Vermutungen nicht, weil die authentischen Zeugnisse darüber
fehlen. Unser Weihnachtsglaube und unsere Weihnachtsfeier
sind ganz unabhängig davon, ob solche Vermutungen richtig
sind oder nicht. Aber der Unterzeichnete hat das Bedenken,
dass mancher Laie nicht scharf unterscheidet zwischen der Tat-
sache, welche die Christenheit am Weihnachtsfeste feiert, und
der Wahl des Tages, an dem sie es vorzeiten irgendwo gefeiert
hat, oder an dem sie es zurzeit überall feiert, und dass ein
solcher Laie beim Lesen unruhig wird, ob er nicht am Ende
mit seinem lieben Weihnachtsfeste ein Stück christlich ver-
kleidetes Heidentum vor sich hat. Der Verf. sagt allerdings
S.10 und 11 ganz deutlich, dass die Anschauung der Basilidianer
über die Bedeutung der Taufe Jesu schon damals nicht die
der Kirche war. Aber was er selber über die Entstehung der
evangelischen Erzählung von der Taufe Jesu S. 11 vorträgt,

kann manches Laiengemüt in Unruhe versetzen. Ebenso der
Satz S. 4, dass Lukas die Ausgiessung des H. Geistes auf den
Pfingsttag verlegt hat, während der Laie in Kirche und Schule
hört und in seiner Bibel liest, dass sie an diesem Tage ge-
schehen sei. Vor allem aber das verblüffende und verletzende
Pröbehen im Stil der allgemeinen Religionsgeschichte (S. 17),
wonach die Erzählung von der Hochzeit zu Kana selbst eine
Uebertragung eines Dionysoswunders auf Christus ist.

Mit mehr Befriedigung wird man die zweite Hälfte des
Buches lesen. Der Verf. gibt mit anerkennenswerter Angabe
der Quellen ein reiches Bild von Weihnachtssitten und -gebrauchen.
Sie mögen zum Teil vor allem für den Ortsangehörigen oder
für den Freund des Volkslebens in Vergangenheit und Gegen-
wart Interesse haben, aber jeder, der an unserem gegenwärtigen
Weihnachtsfeste Anteil nimmt, wird diese Ausführungen gern
lesen, wie z. B., dass bei Krippe und Weihnachtsbaum ein Aus-
tausch unter den Konfessionen stattgefunden hat, indem die
Protestanten von den Katholiken die Krippe übernommen
haben und diese von den Protestanten den Baum. Der Verf.
verweilt auch bei den Wirkungen, welche das Weihnachtsfest
auf die Kunst ausgeübt hat. Hier seien die dem Buche bei
gegebenen wohlgelungenen Bilder erwähnt, an denen Leser
und Beschauer sich erfreuen werden. Dem Leser, der seinem
alten Weihnachtsevangelium treu geblieben ist, wird anlässlich
des zweiten Teiles des Buches die Beobachtung wohltun, dass
auf den Gebieten der Poesie und Kunst nicht sowohl eine
allgemeine Weihnachtsidee sich wirksam erwiesen hat, sondern
die gute alte Weihnachtsgesohiohte, allerdings mit ein paar
volkstümlichen Zügen vermehrt, aber in der Hauptsache doch
das biblische Evangelium mit seinen heiligen Vorgängen und
heiligen Gestalten. Walter Caspari-Erlangen.

von Orelli, f D. C. (Prof. d. Theol. in Basel), Friede mit
Gott duroh. Josam Christ. Predigten. Basel 1914,
Helbing & Liohtenhahn (231 S. gr. 8). 3. 50.
Diese von dem Pfarrer Hans v. Orelli aus dem Nachläse
herausgegebenen Predigten des bekannten Baseler Professors
bedeuten eine wertvolle Bereicherung der akademischen Predigt.
Den Freunden des verewigten Verf.s tritt hier seine lebendige
religiöse Persönlichkeit mit dem besonnenen und doch so starken
kirchlichen Interesse und dem warmen seelsorgerliehen Bemühen,
das ihn über die Grenzen Basels hinaus um die Schweizer
kirchlichen Verhältnisse hochverdient gemacht hat, sympathisch
gegenüber und bewahrt diese Predigten vor jeder Annäherung
an den Typus der akademischen Abhandlung. Gleichwohl hat
der Prediger den Professor nicht ausgezogen. Man erkennt den
geschulten Geist an der feinen Art der Gedankenführung, die
sich jedoch von aller systematischen und dialektischen Kunst
fern hält und im Gegenteil durch Schlichtheit und Einfachheit
ausgezeichnet ist; man merkt vor allem auf Schritt und Tritt
den Alttestamentier, der in seinem Fache lebt und webt. Viel-
leicht sind diese Predigten um deswillen besonders wertvoll,
weil sie aufs neue zeigen, welche Schätze religiöser Kraft und
Erkenntnis in den Psalmen und Propheten ausgebreitet sind,
und dass diese unmittelbar für die christliche Gemeinde und
ihren Gottesdienst verwertet werden können. Die heutige
Predigt hat diese Bundesgenossenschaft verhältnismässig wenig
gepflegt. Sie ruft lieber moderne Propheten als Zeugen auf
und operiert mit den Aussprüchen selbst wenig religiöser Denker.
Das ist verständlich aus dem Streben, dem modernen Empfinden
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